Als der Abpfiff durchs Stadion hallte, sank Bastian Schweinsteiger auf den Rasen. Da hockte er, der Held der Deutschen und schnaufte vor Enttäuschung. 0:1 gegen Spanien. Und die Revanche für das EM-Finale verpasst. Es dauerte eine ganze Weile bis der Chef des deutschen Spiels aufstehen und weitergehen konnte. Dann umarmte er seinen Mitspieler Philipp Lahm.

Der Traum vom größtmöglichen Erfolg ist für die deutschen Fußballer ausgeträumt. Die WM ist erledigt (auch wenn das Protokoll noch eine Partie gegen Uruguay vorschreibt). Und obwohl sich das Ende Tausende Kilometer weit weg von Europa ereignete, erinnerte es stark an das Finale der EM vor zwei Jahren. Wie damals waren die Spanier das kombinationssichere, das reifere und das erfolgreichere Team. Wie damals liefen die Deutschen meist hinterher.

Das deutsche Mittelfeld spielte zu langsam. Der Stürmer traf das Tor nicht, und die deutschen Abwehrspieler bestaunten die spanischen Ballkünstler. Allen fehlte der Mut. Und Lukas Podolski, ja was war denn mit dem los? Manchmal gewinnt im Fußball der Glücklichere, aber an diesem WM-Abend gewann mit Spanien die bessere Mannschaft.

Das Kuriose an diesem Halbfinal-Aus war jedoch, dass es sich nach einer kurzen Weile des Trauerns nicht wie eine Niederlage anfühlte. "Ich muss der Mannschaft ein großes Kompliment machen", sagte Joachim Löw als er in seinem blauen Gewinnerpullover, der nun keiner mehr ist, das Spiel erklärte. Es habe heute gegen die beste Mannschaft des Turniers nicht ganz gereicht, aber mit dem Auftreten der Nationalelf könne man zufrieden sein. Sein Assistent Hansi Flick lächelte und sprach von einer tollen Leistung. Es wirkte so, als gäbe es erstmals nach einem WM-Spiel kein unterlegenes Team. Die Deutschen waren Gewinner, die gerade verloren hatten.

Tatsächlich hat die Nationalelf in vier Wochen Südafrika weitaus mehr erreicht, als viele Kritiker ihr zugetraut hätten. Selbst die Leistung im nicht gelungenen Spiel gegen Spanien war eine deutlich bessere als noch vor zwei Jahren im EM-Finale. Wer, wie Bastian Schweinsteiger, anerkennt, dass der Europameister auch "das beste Team der Welt ist", kann gleichzeitig stolz bilanzieren, das der Sommer 2010 für die DFB-Elf ein Gewinn war.

Nie zuvor hat eine so junge Auswahlmannschaft so erfolgreich gespielt. Nie zuvor hat eine deutsche Fußballmannschaft durch die Art und Weise ihres Spiels unzählige Fans aus Deutschland und den Rest der Welt so begeistert. Und nie zuvor war der Entwicklungssprung, der einer Nationalelf während einer WM gelang, so bedeutend wie dieser Tage.

"Wir sind auf einem sehr guten Weg", sagte Bastian Schweinsteiger. "Wir haben uns hier einen Namen gemacht", stellte Piotr Trochowski fest. Joachim Löw lobte das "klasse Turnier" seines Teams und prophezeite, es werde noch besser werden. Wahrscheinlich hat er Recht, wie fast immer in den vergangenen Wochen.

Ja, vielleicht war das 0:1 im Halbfinale sogar eine Enttäuschung zur richtigen Zeit. Die neu formierte junge Mannschaft wird Zeit brauchen, um vielleicht in zwei oder vier Jahren selbst ein nahezu perfektes Team wie Spanien zu sein.

Man kann es im Moment des Ausscheidens auch so sehen: Hätte Deutschland den Weltmeister-Titel gewonnen, wäre Löw wohl zurückgetreten. Hätte das Team viel früher, gegen England oder Ghana verloren, wäre Löw wohl zurückgetreten worden. Mit dem gewinnen des dritten Platzes wären die Voraussetzungen für Löws Weiterarbeit die besten. Er hätte genügend Macht, um einen Vertrag nach seinen Vorstellungen auszuhandeln. Und er hätte nach der erneuten Niederlage gegen Spanien mehr Ehrgeiz denn je, es seinem fußballerischen Vorbild beim nächsten Turnier zu zeigen.

Als sich Bastian Schweinsteiger den größten Frust abgeduscht hatte, sah man dem 25-Jährigen an, welch Last von seinen Schultern gefallen sein musste. Wie in den Partien zuvor hatte er das Spiel gelenkt, war Antreiber, Verteidiger und bester deutscher Spieler. Jetzt fehlte das Siegesverbissene in seinem Gesicht. Statt sich auf den nächsten mächtigen Gegner zu fokussieren, schaute er nach vorn.

Wer sich die Entwicklung der Mannschaft anschaue, müsse wissen, wie wichtig Joachim Löw als Trainer ist. Die Spieler jedenfalls wüssten, was sie an ihm haben, sagte Schweinsteiger. Etwa zeitgleich gratulierte der Trainer auf der Pressekonferenz den Spaniern zum verdienten Sieg. Er schwärmte mal wieder von der spanischen Art Fußball zu spielen. Aber dann sagte er mit dem löwschen Ernst in der Stimme, die Entwicklung seines Teams sei noch nicht zu Ende. Sie habe gerade erst begonnen.