Respektlos und provozierend, das sei "der Argentinier an sich" hatte Schweinsteiger drei Tage vor dem Viertelfinalspiel behauptet. Und weil auch Philipp Lahm einen Tag später die Aussagen seines Vize-Kapitäns nicht relativieren wollte, könnte man als Argentinier den Eindruck bekommen, der Deutsche an sich sei nervös und schlecht erzogen.

Es ist ein Novum bei dieser WM, dass sich das deutsche Team als Stimmungsanheizer und Provokateur präsentiert. Es verwundert, weil es zu dieser neuen, unbeschwerten, multikulturellen, ja sogar braven Truppe nicht passt.

Eigentlich, so will man glauben, können diese rhetorischen Grätschen nur jener Taktik angehören, der auch das Jammern um Schweinsteigers Einsatz vor dem Englandspiel entsprach. Viel reden, nix sagen, Gegner verwirren. Auch der Bundestrainer stellt zum Sachverhalt fest: "Die Argentinier spielen am Rande der Legalität". Der Führungsspieler Arne Friedrich bestätigt: "Das, was Schweinsteiger sagte, meint er genau so."

Im Grunde hat sich außer dem Sieg gegen England noch nicht so viel verändert. Die DFB-Elf ist weiterhin die jüngste und unerfahrenste im Turnier. Als Underdog starten und am Ende alle überraschen - das wäre die Story, die so gut zu Löws spielstarker Rasselbande passen würde. Doch gerade der sonst stille und interviewfaule Schweinsteiger hat nun etwas anderes ins Rollen gebracht.

Wenn seine Aussagen keinem taktischen Plan entsprachen, kann man sie als Zeichen von Nervosität deuten, wie auch Diego Maradona vermutete. Oder ist das Selbstbewusstsein der Deutschen nach dem Englandspiel tatsächlich schon größer, als es der Realität entspräche?

Als Philipp Lahm genau dies gefragt wurde, überlegte er keine Sekunde. "Da können sie sicher sein! Von Überschätzung gibt es bei uns keine Spur", sagte er und vermittelte dabei das Gegenteil.

Das Projekt Löw-Bierhoff hat nach dem Viertelfinaleinzug die Anerkennung bekommen, die es verdient. Aber wenn der Jubel über den Jahrhundertsieg gegen England verflogen ist, könnte als Fazit bleiben: Aus im Viertelfinale. Der ganz große Triumph wäre das für viele vom Fußballerfolg verwöhnte Deutsche nicht. Vielleicht machen sich die Verantwortlichen deshalb doch mehr Druck als nach außen sichtbar.

Es wäre dem Team um Joachim Löw zu wünschen, das die Unbeschwertheit noch nicht verflogen ist. Dass, wenn heute zwei der besten Teams dieser WM aufeinander treffen, das DFB-Team das lockere und unbekümmertere ist.

Die Nationalelf hätte gegen Argentinien mit der Einstellung ins Spiel gehen können, dass sie gegen die Superstars nur positiv überraschen und gewinnen kann. Nach den provozierenden Worten im Vorfeld müssen sie nun jedoch beweisen, dass zum großen deutschen Mund auch begnadete Fußballer gehören.