Neulich schlenderte Joachim Löw gedankenversunken über die morbide Hotelanlage des Velmore Grande. Im rotsandigen Hinterland Johannesburgs, wo sich die Spieler der deutschen Fußballnationalmannschaft verschanzt hatten, um Weltmeister zu werden, hier auf dem weitläufigen und doch intimen Gelände war der Bundestrainer mal ganz für sich. Er lauschte dem Plätschern der Springbrunnen, dabei hatte er seine Hände in den Hosentaschen vergraben und dachte womöglich darüber nach – ja, worüber dachte er nach? Ans Aufhören?

Man könnte in diese Szene, die sich nach der Vorrundenniederlage gegen Serbien zugetragen hat, viel hineindeuten. Ärgerte er sich vielleicht über die überflüssige Niederlage, die sein Team mal kurz in Bedrängnis brachte?

Inzwischen ist aus der Bedrängnis der vielleicht größtmögliche Befreiungsschlag geworden. Die deutsche Mannschaft, Löws Mannschaft, hat nicht nur den größtmöglichen Unfall, das Vorrundenaus, abgewendet, sondern hat nach den grandiosen Siegen über England und Argentinien einer Nation ein neues Gefühl verliehen. Es ist ein Gefühl des Zutrauens und der Leichtigkeit. So, wie die Mannschaft hier bei der ersten Weltmeisterschaft auf afrikanischen Boden auftrat, wie sie den Anschein erweckte, die Fußballwelt aus den Angeln hebeln zu können, so mitreißend wirkte ihr Tun auf Menschen in der Heimat.

Bis Mittwoch dieser Woche, bis Spanien im Weg stand und den Finaleinzug verbaute. Heute geht es ins kleine Finale, dem Spiel um Platz drei. In der Nacht zuvor hatte Löw die Grippe ereilt, der 50-Jährige konnte das Abschlusstraining nicht leiten. Aber darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an. Die entscheidende Frage ist, ob Löw nach der WM weitermachen wird, so, wie es sich die Mannschaft, wie es sich der deutsche Fußball, ja das ganze Land wünscht.

Es gibt nicht viele Menschen, die der öffentlichste aller deutschen Trainer in den vergangenen Jahren wirklich an sich herangelassen hat. Oliver Bierhoff ist wohl einer von ihnen. Der Teammanager ist der Einzige im aktuellen Stab, der Löw seit 2004 begleitet hat. Anfang Mai, als die deutsche Elf aufgebrochen war zum Abenteuer Südafrika, hatte Bierhoff gesagt, dass er sich um Löw keine Gedanken mache, "wenn er kein Bundestrainer mehr ist, da wird es schon noch was geben".

Die Sache wäre einfach gewesen, wenn Deutschland hier in Südafrika enttäuscht hätte. Ein Vorrundenaus hätte er sich selbst nicht verziehen. Löw hätte den Platz geräumt. Jetzt hat Löw ein tolles Turnier und die Wucht von Millionen von Deutschen hinter sich. Und natürlich Theo Zwanziger. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) steht unter Erfolgsdruck. Schafft er es nicht, Löw zum Bleiben zu gewinnen, könnte es sein, dass er im Oktober nicht mehr wieder gewählt wird. Nach allem, was hinter ihm liegt. Der Schiedsrichterskandal, das Zerwürfnis mit dem beliebten und erfolgreichen Trainer.