Es gibt da diese Studien. Grob zusammengefasst geht es darum, dass eine Bronzemedaille im Sport rein psychologisch für das größte Glück sorgt. Langfristig gesehen. Der Silbermedaillengewinner ärgert sich darüber, Gold verpasst zu haben. Und der Goldjunge oder das Goldmädchen freut sich zwar kurzfristig sehr, weiß aber genau, dass er oder sie zukünftig stets an diesem Erfolg gemessen wird. Ein Druck, an dem schon viele zerbrochen sind.

So weit die Theorie. Wer gesehen hat, wie Philipp Lahm nach der Halbfinal-Niederlage gegen Spanien mit brüchiger Stimme und leerem Blick seine Pflichtinterviews gab, könnte die Theorie der Psychologie-Professoren zumindest bezweifeln. Die Bereitschaft sich mit einem mitreißenden Spiel um Platz drei den höchsten Lustgewinn zu verschaffen, war beim WM-Kapitän in diesem Augenblick nicht sonderlich ausgeprägt.

Doch dieses Spiel um Platz drei gegen Uruguay ist wichtig. Für Spieler und Fans. Für Lahm und seine Kollegen geht es darum, sich mit einem positiven Erlebnis aus der Weltmeisterschaft zu verabschieden. Oft ist es der letzte Eindruck, der zählt. Nach dem Spanien-Spiel blieb eine zaghafte, fast ängstliche Elf in den Köpfen hängen. Ein Bild, das so gar nicht zu den meist aufregenden deutschen WM-Spielen passt. Und die Fans können sich auf ein schönes Fußballspiel freuen – die vergangenen Spiele um Platz drei gehörten stets zu den spektakuläreren Partien des Turniers. Sie waren die besseren Finals.

Im Grund weiß das niemand besser als die deutsche Elf. Fragt man einige Spieler, so hat die so stimmungsvolle Heim-WM vor vier Jahren ihren Stimmungshöhepunkt nicht etwa nach dem Viertelfinal-Triumph gegen Argentinien erreicht, sondern rund um den 3:1-Sieg im Spiel um Platz drei gegen Portugal. Es war ein Spiel in dem Bastian Schweinsteiger so krumme Tore schoss, als hätte er damals schon den Jabulani am Fuß gehabt. Es war ein Spiel, nach dem die deutsche Elf auf dem Rasen des Stuttgarter Rasens in Gedanken versunken einem riesigen Feuerwerk zusah. Und es war ein Spiel, sein letztes, dass Oliver Kahn als das emotionalste seiner Karriere bezeichnete.

Dass das Spiel um Platz drei oft spannender ist als das Finale, ist jedoch keine deutsche Erfindung. 2002 besiegte die Türkei in einem munteren Spiel den tapferen Co-Gastgeber aus Südkorea mit 3:2. Hakan Sükür traf damals bereits nach 11 Sekunden – bis heute das schnellste Tor der WM-Geschichte. 1994 gewann Schweden gegen Bulgarien gar mit 4:0 und 1990 sicherte sich der Gastgeber Italien einen 2:1-Sieg über England, der einen ähnlich schönen WM-Abschluss bildete wie Deutschlands Sieg gegen Portugal 16 Jahre später. Seit 1982 fielen in den Spielen um die "Goldene Ananas" insgesamt doppelt so viele Tore wie in den anschließenden Finalpartien. Das liegt genau an deren vermeintlicher Sinnlosigkeit.

Wenn der unmittelbare Erfolgsdruck fehlt, nehmen es die Spieler mit taktischen Vorgaben nicht mehr so genau. Das nächste Länderspiel, an dem der Trainer dieses Verhalten durch Nichtberücksichtigung bestrafen kann, ist weit weg, bis dahin ist eh alles vergessen. So gibt es vermehrt wilde Dribblings, unmögliche Passversuche und schludriges Abwehrverhalten – die perfekten Zutaten für ein unterhaltsames Fußballspiel.

An diesem Abend in Port Elizabeth werden aber auch noch ein paar Trostpreise vergeben. Miroslav Klose und Thomas Müller sind mit jeweils vier Treffern Kandidaten für den "Goldenen Schuh", der Trophäe für den besten Torjäger. Zudem spielt Thomas Müller noch um den Titel des besten Nachwuchsspielers – den er höchstwahrscheinlich auch gewinnen wird. Und Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger können noch auf den "Goldenen Ball" hoffen, den Pokal für den besten Spieler dieser WM.

Gute Gründe also gegen Uruguay noch einmal nachzulegen. Auch für den eigenen Seelenfrieden. Denn eines sollte auch den Glücksforschern klar sein: Nichts ist so ärgerlich wie ein vierter Platz.