Doping-Ermittlungen "Für Armstrong wird es sehr sehr ernst"

Die Staatsanwaltschaft hat mit den Ermittlungen gegen Lance Armstrong begonnen. Im Interview sagt der Sportrechtler Michael Straubel, was der Radsportler befürchten muss.

Lance Armstrong nach dem Ende der diesjährigen Tour de France

Lance Armstrong nach dem Ende der diesjährigen Tour de France

 ZEIT ONLINE: Herr Straubel, die US Staatsanwaltschaft hat angekündigt, ehemalige Fahrer aus Lance Armstrongs Mannschaft vorzuladen, um gegen Armstrong auszusagen. Was bedeutet das für den Prozess gegen Lance Armstrong?

Michael Straubel: Das bedeutet, dass dieses Verfahren jetzt sehr sehr ernst wird. Die vorgeladenen Fahrer sind jetzt dazu gezwungen, unter Eid auszusagen, weil sie sich ansonsten strafbar machen.

ZEIT ONLINE: Wie lautet die Anklage gegen Armstrong genau?

Straubel: Das ist bisher noch nicht ganz klar. Wir wissen noch nicht, ob das Ziel dieser Untersuchung in erster Linie Armstrong und seine Mannschaft ist oder ob es den Anklägern eher um Hintermänner und Doping-Lieferanten geht. Die amerikanische Anti-Doping Agentur USADA, die sich ja auch in den Fall eingeschaltet hat, zielt bei ihren Untersuchungen meistens hauptsächlich auf Hintermänner und Beschaffungswege ab. Der Ankläger Jeff Novitzki, der bei der US Drogenbehörde FDA arbeitet, hat es sich hingegen zur Strategie gemacht, Dopingsünder sogenannter "sekundärer Straftaten" wie Meineid oder Betrug zu überführen, weil es in den USA ja keine Rechtsmittel gibt, um Doper direkt zu belangen. Das war im Balco-Fall sein Vorgehen, so hat er Marion Jones und Tim Montgomery erwischt und auch den Baseballspieler Barry Bonds.

ZEIT ONLINE: Was müssen die Ankläger vor Gericht vorlegen, damit ihre Klage gegen Armstrong Aussicht auf Erfolg hat?

Straubel: Zunächst einmal wird die Anklage deutlich verlässlichere und glaubwürdigere Zeugen als Floyd Landis brauchen. Darüber hinaus müssten sie gut dokumentieren können, dass wirklich Mittel der amerikanischen Post zur Dopingbeschaffung verwendet wurden. Man bräuchte Belege dafür, wie Gelder ausgegeben wurden und wer die Kontrolle darüber hatte. Man muss wirklich stichhaltig beweisen können, dass Armstrong darüber Bescheid wusste, dass Sponsorengelder für Dopingmittel ausgegeben wurden. Das sehe ich noch ein wenig als Hürde an. Er dementiert ja jetzt schon, dass er Teilhaber an der Mannschaft war, um den Eindruck zu vermeiden, dass er in die Geschäftsentscheidungen des Teams eingeweiht war.

ZEIT ONLINE: Wie schätzen Sie derzeit die Aussichten ein, dass eine Anklage wegen Betrugs gegen Armstrong auch Erfolg hat?

Straubel: Das ist beim derzeitigen Informationsstand sehr schwer einzuschätzen. Was noch ein wenig fehlt, ist das, was wir in den USA einen rauchenden Revolver nennen, also ein Beweis- oder Indizienstück, an dem man einfach nicht vorbei kann.

ZEIT ONLINE: Die beeideten Aussagen von ehemaligen Fahrern alleine würden also für eine Verurteilung nicht ausreichen?

Straubel: Ich würde als Staatsanwalt meinen Fall ungern alleine darauf aufbauen.

ZEIT ONLINE: Wenn die Anklage also doch noch relativ wackelig ist, warum verfolgt Novitzki dann den Fall zu diesem Zeitpunkt so vehement?

Straubel: Jeff Novitzki kämpft einfach mit sehr großer Leidenschaft gegen das Dopingproblem im amerikanischen Sport und in der amerikanischen Gesellschaft. Ich habe einige Male mit ihm gesprochen, und ich habe den Eindruck gewonnen, dass er alles in seiner Macht Stehende tun will, um dem Doping in den USA beizukommen.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass Novitzki Armstrong schon lange auf seinem Radar hatte und nur auf eine Gelegenheit wie die Landis-Aussage gewartet hat?

Straubel: Nein, ich glaube nicht, dass er es schon lange speziell auf Armstrong abgesehen hatte. Ich weiß aber, dass die Anti-Doping Agenturen, mit denen Novitzki ja eng zusammenarbeitet, schon lange darauf warten, Material gegen Armstrong zu finden. Ich habe als Doping Anwalt einige Klienten aus dem Radsport und sie wurden immer von der USADA nach Informationen und Verbindungen gefragt, die zu Armstrong führen könnten. Und es wurde ihnen dafür immer Strafminderung angeboten.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von den Theorien, dass Landis ein Kronzeuge ist? Es wird spekuliert, dass man ihm eine Regelung angeboten hat, unter der ihm im Fall einer Verurteilung von Armstrong 30 Prozent der Prozesssumme, also mehrere Millionen Dollar zukommen?

Straubel: Ich sage es einmal so: Er muss noch eine andere Motivation haben, als nur sein Gewissen zu erleichtern und dem Radsport etwas Gutes zu tun. Andererseits bin ich mir sicher, dass seine Aussagen nicht völlig erfunden sein können. Es wäre sehr schwierig, sich solche Geschichten komplett auszudenken. Das wird das Spannende an den Aussagen der anderen Fahrer – inwiefern können sie die Geschichten von Landis bestätigen.

ZEIT ONLINE: In dem Prozess, den Armstrong gegen die Versicherungsgesellschaft SEC geführt hat, gab es auch Zeugen, die unter Eid ausgesagt haben, dass Armstrong gedopt hat. Armstrong hat damals gewonnen. Was ist diesmal anders?

Straubel: Der Fall war ein Zivilprozess um die Erfüllung eines Vertrages – die Zahlung von Armstrongs Siegprämie durch SEC. In einem Zivilprozess sind die Maßstäbe für zulässige Beweise ganz anders als in einem Strafprozess und die Folgen für Meineid sind in einem Strafprozess auch wesentlich schwerwiegender.

ZEIT ONLINE: Was glauben Sie, wie sich dieser Prozess weiter entwickeln wird?

Leser-Kommentare
  1. das er nicht gedoped hat- dafür waren die Gegner die er besiegt hat einfach zu gut gedoped das haette niemand ohne zu dopen geschafft!
    Was ich glaube ist das er bei dieser tour clean war .....

    Bitte prüfen Sie die Rechtschreibung, bevor Sie Ihren Kommentar posten. Die Redaktion/is

  2. Oder beendet diesen scheinheiligen Zirkus, der überdrehten Egos und die herrliche Geldmaschine.

    [...] Die Leute können dann abschalten oder zuschalten, Kultur ist flexibel.

    Ich hasse diese Scheinmoral!

    Bitte bleiben Sie sachlich. Die REdaktion/is

  3. Möglicherweise gibt es am Ende der Ermittlungen eine gar nicht so überraschende Erkenntnis.

    Jan Ullrich ist sechsfacher Tour de France Gewinner!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Jan Ullrich oder die hinter ihm platzierten fahrenden "Apothekerschränke" haben den Sieg genauso wenig verdient.

    Zeigt mir heute den Leistungssportler, der keine leistungsfördernden "Stimulanzien" nimmt - dieser Sportler gehört auf die Liste für den Artenschutz der WWF!

    Jan Ullrich oder die hinter ihm platzierten fahrenden "Apothekerschränke" haben den Sieg genauso wenig verdient.

    Zeigt mir heute den Leistungssportler, der keine leistungsfördernden "Stimulanzien" nimmt - dieser Sportler gehört auf die Liste für den Artenschutz der WWF!

    • camou
    • 07.08.2010 um 8:06 Uhr

    vielleicht sollte dieter baumann auf die rennmaschine steigen. er könnte anstelle de trinkflasche eine tube zahnpasta mitnehmen.

    was für eine verlogene farce.

  4. Radsport war immer Dopingsport und das allerspätestens seit der Ära Jaques Anquetil http://de.wikipedia.org/w...
    Kein namhafter Profiradler seit den 60ern ist dopingfrei gewesen - auch wenn er nicht erwischt wurde.
    Armstrong ist 1999 und 2005 im Rahmen der TdF Doping nachgewiesen worden - nur hat man auf die B-Probe verzichtet und beide Fälle unter den Teppich gekehrt.
    Im Gegenzug wurde Jan Ullrich faktisch lebenslang gesperrt, obwohl ihm bislang nichts nachgewiesen wurde.

    Für mich ist der Prozeß gegen Armstrong eine Farce. Er hat so viel Geld und so viel Korrupionssummen bereits eingesetzt, daß ihm nichts aber auch gar nichts passieren wird. Vielleicht bombt er ja in einigen Jahren uns als US-Präsident in Schutt und Asche?

  5. ich, dass in diesem Sport schon sehr früh mit Doping begonnen wird. Niemand, der auch nur ein wenig Kenntnis vom Radsport hat, wird glauben, dass solche Leistungen ohne Hilfsmittel möglich sind.

    Manchmal denke ich, es ist ein Kennzeichen unserer Zeit jetzt, dass die Leistungen unserer "Sporthelden" nicht allein ihrem Trainingseifer und ihren natürlichen Voraussetzungen geschuldet sind.

    Gewiss, früher war bestimmt nicht alles besser. Aber die Zeiten, in denen wir nachts für einen Kampf von Muhammad Ali aufgestanden sind, sind schon lange und ich fürchte endgültig vorbei.

  6. Jan Ullrich oder die hinter ihm platzierten fahrenden "Apothekerschränke" haben den Sieg genauso wenig verdient.

    Zeigt mir heute den Leistungssportler, der keine leistungsfördernden "Stimulanzien" nimmt - dieser Sportler gehört auf die Liste für den Artenschutz der WWF!

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