Was damals passierte, sei eine dämliche, aber wahre Geschichte, sagt Corny Littmann. 21. November 2002, er gibt im Theater-Restaurant des Schmidts Tivoli einen Geburtstagsempfang. Viele Leute, bunte Unterhaltungen, Alkohol, gelöstes Lachen. Irgendwann wird der Theaterbesitzer gefragt, was ein Künstler eigentlich noch macht, nachdem er 50 Jahre alt geworden ist? Corny Littmann antwortet aus dem Bauch heraus: "Eine Oper inszenieren oder Präsident eines Fußballclubs werden."

Eine Oper hat er im Jahr 2009 inszeniert, aber schon vier oder fünf Tage nach der Feier sonnt sich Corny Littman an Deck der Aida. Sein Handy klingelt. Ein Bekannter, der Mitglied des Aufsichtsrates beim FC St. Pauli ist, fragt, ob er Präsident des Fußballclubs werden wolle. Den Verein leitet er danach für sieben Jahre.

Die Geschichte des Theatermannes und des FC St. Pauli, sie lässt sich schön erzählen. Kultiger Kiez-Club trifft auf durchgeknallten Schwulen, so und ähnlich lauten die Schlagzeilen. Einige halten den Schauspieler Corny Littmann Ende 2002 für das neue Maskottchen des Vereins.

Als Corny Littmann sein Amt antritt, ist der Club zweitklassig und praktisch insolvent. Heute, im Sommer 2010, spielt St. Pauli in der ersten Liga, hat eine neue Haupttribüne und wirtschaftet erfolgreich. Weil es nicht wusste, was es mit dem Verein noch erreichen kann, trat das Maskottchen vor einigen Wochen zurück.

Es gibt viele Bezeichnungen, die andere für Corny Littmann gefunden haben. St. Pauli-Retter, Macho, schwuler Clown, oder Kiez-Größe. Was man über ihn hört, klingt oft extrem. Die Menschen scheinen ihn entweder zu lieben oder zu hassen. Es mag daran liegen, dass er ein Leben lebt, das scheinbar keine Grenzen kennt.

In den Siebzigern brach er sein Psychologie-Studium ab, outete sich und tourte mit der freien Theatergruppe "Brühwarm" durch Deutschland. In den Achtzigern feierte ihn das Fernsehpublikum als Entertainer in Schmidts Mitternachtsshow. In den Neunzigern wandelte er die Theaterhäuser Schmidt und Schmidts Tivoli in gewinnbringende Unternehmen, ohne einen Euro Kultursubventionen anzunehmen. Und in diesem Jahrzehnt, ja, da war die Geschichte des schwulen Fußballpräsidenten.

Es heißt, in jedem Mensch ruht eine Wahrheit. Die von Corny Littmann ist schwer zu fassen. Wenn das Gespräch auf ihn kommt, reden die Leute sofort los. Über ihn wird geschwärmt, getuschelt und geschimpft. Vielleicht ist es übertrieben, aber Corny Littmann wird von einigen zusammen mit Doktor Jekyll und Mister Hyde genannt.

Er sagt, seine Gesundheit sei ihm wichtig, raucht aber zweieinhalb Schachteln Menthol-Zigaretten am Tag. Er hat vor einer Weile seine Ernährung nach Atkins umgestellt, geht oft joggen, trinkt aber jeden Tag und einmal im Monat, bis der Rausch ihn eingenommen hat.

Im Gespräch wirkt der 57-Jährige wie ein schüchterner Teenager. Er traut sich kaum, seinem Gegenüber in die Augen zu schauen. Wer sich aber anschaut, was der Geschäftsmann Littmann leistete, hält ihn für einen zielstrebigen Patriarchen.