Depression im Profisport Das Loch nach dem Titel

Problem nicht nur am Handgelenk? Die US Open beginnen ohne Vorjahressieger Juan Martin del Potro. Der 21-Jährige soll an Depressionen leiden.

Juan Martin Del Potro während einer seiner vergangenen Auftritte auf dem Tennisplatz im Januar 2010

Juan Martin Del Potro während einer seiner vergangenen Auftritte auf dem Tennisplatz im Januar 2010

Patrick McEnroe musste am Donnerstag bei seiner Moderation lange Wartezeiten überbrücken, als während der Auslosung zu den US Open immer wieder Werbeblöcke die Live-Übertragung unterbrachen. Der ehemalige Profi versuchte sich daher in ähnlich derben Sprüchen, wie sie sein älterer Bruder John gerne klopft. "Wo bleibt denn eigentlich der Titelverteidiger?", fragte McEnroe schließlich etwas flapsig. Die Lacher blieben aus.

Denn Juan Martin del Potro, der im Vorjahr in Flushing Meadows seinen ersten Grand-Slam-Titel gewann, sollte eigentlich als Glücksfee an der Auslosung teilnehmen. Der amerikanische Tennisverband USTA hatte das Kommen des Argentiniers noch in der Vorwoche groß angekündigt. Del Potro sei wieder fit und voll im Training. Doch das war ein Irrtum. Del Potro sagte für die US Open ab, sein Zustand gibt weiter Rätsel auf.

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Vor einem Jahr war der 21-jährige Hüne aus dem kleinen Städtchen Tandil, gut 200 Kilometer von Buenos Aires entfernt, mit seinem Überraschungssieg in New York zum neuen Herausforderer der Dauerrivalen Roger Federer und Rafael Nadal avanciert. Mit einem Schlag war der schüchterne del Potro weltberühmt. Wie sich nun zeigt, kam der große Erfolg wohl zu früh für ihn. Mehr noch, er scheint ihn fast zu erdrücken. Del Potro soll an Depressionen leiden, ausgebrannt sein. Aus seinem Betreuer-Umfeld wurde kolportiert, er habe Panikattacken. Der Weltranglistenzehnte schottet sich völlig ab, einzig auf Twitter sind gelegentlich Häppchen von ihm zu lesen.

Doch auch diese 140-Zeichen-Botschaften sind wenig erhellend. Fest steht nur, dass del Potro seit seinem Achtelfinal-Aus bei den Australian Open im Januar kein Match mehr bestritten hat. Ein Grund dafür ist, dass del Potro seit dem vorigen Herbst über Schmerzen im rechten Handgelenk klagte. Aber erst am 4. Mai ließ er sich operieren.

Wie es genau zu der Verletzung kam und worin sie wirklich besteht, wollte er schon in Melbourne nicht sagen. Seine Spielerkollegen Mariano Zabaleta und Juan Monaco, die auch aus Tandil stammen, sind sich sicher: "Er mag ein Problem mit dem Handgelenk haben, aber ein noch viel größeres im Kopf." Del Potro isoliert sich auch von ihnen, nicht einmal sein Mentor Monaco hält noch Kontakt zu ihm. Zu widersprüchlich sei dessen Verhalten für ihn. Selbst die Spielervereinigung ATP konnte del Potro zwischen Februar und Mai nur einmal erreichen. Im Telefonat sagte dieser: "Mir geht es gut hier zu Hause. Ich vermisse Tennis nicht."

Wie genau del Potro die vergangenen Monate verbrachte, ist unklar. Müde und lustlos war er bereits nach seinem US-Open-Sieg. Seither soll der Argentinier sich geweigert haben, normal zu trainieren. Den bombastischen Empfang, der ihm danach in Tandil bereitet worden war, habe er nicht verkraftet, sagen die einen. Dann wiederum tauchen Bilder von del Potro im Internet auf, die ihn auf wilden Partys zeigen – mit schönen Frauen und viel Alkohol. Dabei hatte sich der introvertierte del Potro stets vor Fotografen gefürchtet, die ihn abseits des Courts ablichten wollten. Sein strenger Vater Daniel del Potro achtet stets darauf, dass Juan Martin sich nicht vom Image des bodenständigen Jungen entfernte.

Möglich, dass del Potro sich gegen den Druck seines Vaters, der alle wichtigen Entscheidungen für ihn trifft, nun nicht mehr anders zu wehren weiß. Vor drei Wochen hatte del Potro zumindest erstmals wieder einen Schläger in der Hand, das kurze Video des Trainings stellte er ins Internet. Profitennis sieht jedoch anders aus.

Es scheint derzeit wenig wahrscheinlich, dass del Potro tatsächlich Ende September in Bangkok auf die Tour zurückkehren wird, wie es sein Physiotherapeut Diego Rivas gerade ankündigte. Dann wird del Potro bereits aus den Top 30 herausgerutscht sein. Doch das ist wohl sein geringstes Problem.

 
Leser-Kommentare
  1. Es ist zwar recht unwichtig, aber: Twitter ist nicht SMS. 140 Zeichen, nicht 160.

  2. ... hat in einem Interview mal erzählt, dass es ihm jeweils am Tag nach seinen 3 gewonnenen Finals in Wimbledon immer sehr schlecht gegangen ist. Wenn das große Ziel erreicht war, dann war irgendwie nichts mehr übrig, wofür man noch kämpfen konnte. Und das hat ihn dann runtergezogen.

    Der Unterschied zwischen Becker und del Potro ist, dass Becker immer ziemlich schnell aus diesem Loch herauskam.

    Etwas ganz ähnliches ist Mats Wilander passiert. Er war jahrelang ein Bestandteil der Tennis-Weltspitze, bis es ihm eines Tages gelang, die Nummer 1 der Weltrangliste zu werden. Darauf hatte er immer hingearbeitet, und als das große Ziel erreicht war, dann war seine Motivation dahin. Er stürzte danach in der Weltspitze rasant ab und hört wenig später mit dem Profitennis auf.

    Ein sehr großes Ziel zu erreichen, kann auch negative Dinge auslösen.

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