Sportler-Gewerkschaft Handballer werden zu politischen Akteuren

Deutsche Handballprofis haben eine Gewerkschaft gegründet, sie wollen weniger Spiele. Dadurch geraten sie in den Machtkampf zwischen den Verbänden.

Die Belastungen im Handball sind groß – durch die Gegenspieler, aber auch den Terminkalender

Die Belastungen im Handball sind groß – durch die Gegenspieler, aber auch den Terminkalender

Der Neujahrstag war zu viel. Als die Bundesliga-Handballer Anfang des Jahres von dem Plan erfuhren, dass sie künftig auch am Tag nach Silvester spielen sollten, protestierten sie. Den 26. Dezember hatten sie längst akzeptiert, aber den 1. Januar wollten sie als Spieltag nicht hinnehmen. Ihre Unterschriftenaktion hatte Erfolg, die Verantwortlichen der Liga gaben klein bei.

Die Spieler der deutschen Top-Clubs müssen im Jahr etwa achtzig Pflichtspiele bestreiten, mit Test- und Showspielen kommen sie teilweise auf mehr als hundert Einsätze. Die Verletzungsrate ist hoch, viele können nur mithilfe von Schmerzmitteln auflaufen. "Die Belastung ist deutlich zu groß, sie muss reduziert werden", sagt Volker Michel.

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Michel ist Ex-Profi und hat in diesen Tagen, ermuntert durch den Erfolg des 1. Januars, mit Johannes Bitter und Marcus Rominger, beide noch aktive Torhüter, Goal, die Gemeinschaftliche Organisation aller Lizenzhandballer in Deutschland, gegründet.

Es geht ihnen um klassische Gewerkschaftsziele und -themen: Arbeitsplätze sind für Handballprofis unsicher, weil viele Vereine unseriös wirtschaften und insolvent gehen. Rechts- und Karriereberatung ist notwendig.

Doch das Hauptanliegen von Goal ist ein Politikum: die Reduzierung des internationalen Terminkalenders. In jedem Jahr tragen die Handballer entweder eine Welt- oder eine Europameisterschaft aus, alle vier Jahre zudem das olympische Turnier. In der Summe also pro Vierjahreszyklus drei große Turniere in der Verantwortung des Weltverbands IHF und zwei in der des Europäischen Verbands EHF.

An diesem Übermaß stoßen sich nicht nur die Aktiven, sondern auch die Vereine. Die Clubs bezahlen Profis, die häufig nach mehreren Wochen übermüdet oder verletzt von Turnieren zurückkommen.

Weil die Interessen von Profis, Vereinen und Liga eine Schnittmenge haben, wird die Gründung von Goal auch von seinen potenziellen Gegnern, den Arbeitgebern, mit Wohlwollen registriert. Und mit größter Aufmerksamkeit, denn eine Gewerkschaft aus der Bundesliga, der stärksten der Welt, würde ein wichtiger Machtfaktor sein, "das letzte und zentrale Puzzle-Teil", wie ein Insider sagt. Dänen, Franzosen und Spanier haben längst eine Spielergewerkschaft.

Europas Handball steht vor einer Neuordnung. Die EHF und die Vereinigung der achtzehn wichtigsten europäischen Vereine GCH waren einst juristische Gegner, nach jahrelangem Kampf hat die GCH nun Mitsprache erstritten. Für sich, aber auch für die anderen Akteure: In einer Absichtserklärung beschlossen Ende Mai EHF und GHC, ein "Professional Handball Board" (PHC) zu gründen, ein zehnköpfiges, mit Entscheidungsbefugnis ausgestattetes Gremium, bestehend aus je zwei Vertretern aus den Ligen, den Landesverbänden, den Vereinen, der EHF – und den Spielern. In dem autokratischen System Handball käme das einer demokratischen Revolution gleich.

Fußball

Die Fußballer sind den Handballern um dreiundzwanzig Jahre voraus. Die Spielergewerkschaft Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) wurde 1987 gegründet, sie ist von DFB und DFL offiziell anerkannt. Über 1.300 Mitglieder, darunter Gerald Asamoah, Tim Borowski, Clemens Fritz, auch Ehemalige wie Jürgen Klinsmann, vertritt sie unter anderem in den Gebieten Vorsorge, Recht, Bildung, Medizin und Training. Zu ihren Zielen zählen: der Abschluss von Tarifverträgen, Einwirkung auf die Gesetzgebung im Arbeits- und Sozialrecht, Mitsprache bei Verbänden und Vereinen. Zu ihren Erfolgen zählt die VdV, dass sie vereinslosen Profis verbesserte Wechselmöglichkeiten erstritten hat. Auch bei einem sporthistorischen Rechtsfall war sie beteiligt: Mit Jean-Marc Bosman und den europäischen Spielergewerkschaften hat sie im Jahr 1995 die Ablösefreiheit nach Vertragsende erwirkt. Präsident der VdV ist Florian Grothe, die Vize-Präsidenten heißen Carsten Ramelow und Christoph Metzelder. Auf der Geschäftsstelle sind zehn feste Mitarbeiter tätig.

Offenbar haben die Handballer Europas erkannt, dass sie mit einer Stimme sprechen müssen, um sich von Hassan Moustafa, dem Skandal-Präsidenten des Weltverbands IHF, nicht alles diktieren zu lassen. Etwa plante Moustafa, den Kontinentalverbänden die Organisation der Qualifikationsturniere für Olympia und Weltmeisterschaften zu entreißen.

In der Vergangenheit scheiterte eine Opposition zu Moustafa an europäischer Kleinstaaterei . Ein Zeichen des Widerstands sendete die EHF bereits im März, als sie Moustafa in einem Offenen Brief vorhielt, gegen alle Prinzipien der Gewaltenteilung zu verstoßen. Ohne erkennbare Folge und Wirkung. Wenn sich jedoch nun Vereine, Ligen und Spieler zusammentun, würde das Moustafa seine Alleingänge deutlich erschweren.

Doch noch ist die Revolution nicht beschlossen, erst der Kongress in Kopenhagen am 24. September kann die Satzungsänderung beschließen, die die Gründung des PHC erforderlich macht. Eigentlich eine Formalie, doch die Idee von Goal, jede zweite Europameisterschaft zu streichen, soll Irritationen unter den Entscheidungsträgern der EHF verursacht haben. Die Handballgewerkschafter müssen also rasch begreifen, dass sie in einem komplizierten politischen Feld agieren und wer ihre Partner sind.

 
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