Thomas Hitzlsperger "Der Tod ist kein Tabu"
Christoph Schlingensief, Sepp Daxenberger, Tausende Opfer in Pakistan: Im Alles-außer-Fußball-Gespräch fragt Thomas Hitzlsperger nach dem Umgang mit dem Tod.
© Schneegans Productions Klausmann, dpa

"Wir sollten nicht ständig über den Tod nachdenken": Thomas Hitzlsperger (rechts) während eines Besuchs in Südafrika
Thomas Hitzlsperger: Vergangene Woche sind der Grünenpolitiker Sepp Daxenberger und der Künstler Christoph Schlingensief gestorben. Mich interessiert, wie wir mit dem Thema Tod umgehen.
ZEIT ONLINE: Wie sind Sie mit dem Tod der beiden Prominenten umgegangen?
Hitzlsperger: Mit Schlingensief habe ich mich schon vor einiger Zeit beschäftigt. Über die Medien habe ich von seiner Krankheit und seinem Buch erfahren. Ich habe einen beeindruckenden Auftritt in einer Talkshow von ihm gesehen. Er ist das Thema Tod sehr offensiv angegangen, hat gesagt, dass er noch nicht sterben möchte und dass die Erde der bessere Himmel sei. Daxenbergers Tod war ebenfalls schockierend, weil kurz zuvor noch seine Ehefrau verstarb und die drei Kinder so früh ihre Eltern verloren. Er hat parteiübergreifend Zuspruch erfahren, das ist selten.
ZEIT ONLINE: Unsere Medienwelt ist in der Lage, Prominente anderen Menschen so nahe zu bringen, dass sie glauben, sie zu kennen. Sie haben mit einem Menschen getrauert, den Sie nie getroffen haben.
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Alles außer Fußball ist die Kolumne von Katja Kraus, Corny Littmann, Thomas Hitzlsperger und Arne Friedrich. Alle zwei Wochen geben wir während der Bundesliga-Saison einem das Wort. Die vier sollen und wollen nicht das Tagesgeschäft kommentieren, klassische Fußballerkolumnen gibt es genug. Alles außer Fußball ist der Versuch, Fußballer Fußball als gesellschaftliches Phänomen betrachten zu lassen. Littmann, Hitzlsperger, Friedrich und Kraus wollen ihre Meinung sagen, beispielsweise zu den Herausforderungen der Bundesregierung, zum Alltag in der Bundesliga und darüber, wie das zusammenhängen kann.
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Hitzlsperger: Dieses Phänomen ist nichts Neues. Es gibt auch viele Menschen, denen wir als Fußballspieler nahe stehen, obwohl wir uns nicht wirklich nahe sind. Als Spieler denkt man, nur weil Fans uns im Fernsehen spielen sehen und reden hören, kennen die einen ja nicht. Aber sie fühlen sich so. Ob Schlingensief oder Fußballprofi: Menschen, zu denen man aufschaut, weil sie besondere Fähigkeiten haben oder weil sie etwas Besonderes ausstrahlen, fühlt man sich gerne nahe.
ZEIT ONLINE: Ist das nicht skurril?
Hitzlsperger: Klar ist es das. Ich kannte Schlingensief auch nicht persönlich, aber mich hat seine Arbeit fasziniert. Es nimmt einen mit, wenn jemand, der so viel geben kann, Begeisterung entfacht und voller Lebensfreude ist, so früh stirbt.
ZEIT ONLINE: Der Tod ist in unserer Gesellschaft also alles andere als ein Tabu-Thema?
Hitzlsperger: Ein Tabu ist der Tod für mich nicht. Aber das Thema ist nicht dauernd präsent. Erst durch Schicksalsschläge aus dem Familien- und Freundeskreis oder bekannter Persönlichkeiten widmen wir uns dieser Thematik. Eine Form der längeren Auseinandersetzung mit dem Tod gibt es aber selten. Wohl auch, weil viele Leute Angst vor diesem Thema haben.
ZEIT ONLINE: Welchen Kontakt hatten Sie bisher mit dem Tod?
Hitzlsperger: Als ich jung war, sind meine Großeltern gestorben. Seitdem gab es keinen Todesfall mehr im Familienkreis. Aber meine noch lebenden Großeltern kommen in ein Alter, bei dem man sich mit dem Gedanken auseinandersetzt. Es ist nicht einfach, weil ich ihnen sehr nahe bin, sie sehr gerne mag. Die Vorstellung, dass sie irgendwann nicht mehr da sind, ist schwer. Ich weiß jetzt schon, dass es wehtun wird. Ich bin oft unterwegs und bedaure, dass ich sie so selten sehen kann.
ZEIT ONLINE: Über den Tod Schlingensiefs wurde öffentlich berichtet und getrauert. Zeitgleich sind in Pakistan unzählige Kinder, Mütter, Väter gestorben. Der Tod ist dort viel häufiger, wird uns aber nicht so bewusst. Ist das ein Grund für ein schlechtes Gewissen?
Hitzlsperger: Nein, aber es ist ebenfalls tragisch, dass so viele Menschen ums Leben kamen. Diese Menschen hatten keine Chance, ebenso wenig wie Christoph Schlingensief oder Sepp Daxenberger.
ZEIT ONLINE: Im vergangenen Jahr gab es ein Ereignis im Fußballgeschäft, das gezeigt hat, dass die Zuwendung zum Thema Tod sehr groß ist. Die Anteilnahme nach dem Selbstmord Robert Enkes wirkte fast grenzenlos.
Hitzlsperger: Das war das größte Spektakel der vergangenen Jahre, das um einen Todesfall entstanden ist. Eine Trauerfeier in einem Fußballstadion – das war wirklich ungewöhnlich. Aber bei Roberts Tod ging es auch um die Krankheit Depression und den Umgang damit. Robert war ein Vorbild und kaum jemand wusste von seiner Krankheit.
ZEIT ONLINE: Hat der Tod zu viel oder zu wenig Raum in unserer Gesellschaft?
Hitzlsperger: Ich bin nicht der Meinung, dass wir ständig über den Tod sprechen und nachdenken müssen. Ich beschäftige mich auch gern mit anderen Dingen, die viel schöner sind.
ZEIT ONLINE: Was ist schlimmer: Wenn eine Beerdigung im TV übertragen wird oder eine Hochzeit?
Hitzlsperger: Es wäre übertrieben, so etwas zu vergleichen. Ich glaube, es hat gerade gestört, dass die Enke-Beerdigung Eventcharakter angenommen hat. Das ist etwas sehr Intimes für die engsten Angehörigen. Und plötzlich schauen da Millionen von Menschen zu.
ZEIT ONLINE: Das eine ist ein schönes, das andere ein trauriges Ereignis. Aber wenn beispielsweise ein Fußballprofi seine Freundin heiratet, ist das ähnlich intim.
Hitzlsperger: Wir müssen unterscheiden. Bei einer Hochzeit willigen die beiden, die heiraten ein, dass Millionen Menschen zuschauen dürfen. Bei einer Beerdigung ist das anders. Wenn jemand stirbt und viele Leute die Beerdigung sehen wollen, weiß man nicht, ob es der Wunsch desjenigen gewesen wäre.
ZEIT ONLINE: Das heißt, es wäre gut, im Leben mitzuteilen, unter welchen Umständen man beerdigt werden möchte.
Hitzlsperger: Je mehr geregelt ist, umso weniger Missverständnisse gibt es. Aber glauben Sie, Robert Enke hätte je gedacht, dass sein Tod so große Anteilnahme verursacht? Ich glaube nicht.
ZEIT ONLINE: Haben Sie sich über Ihre Beerdigung schon Gedanken gemacht?
Hitzlsperger: Nein, keine tiefer gehenden Gedanken.
ZEIT ONLINE:Corny Littmann sagte, je mehr er sich mit dem Tod oder der Endlichkeit des Lebens beschäftigt hatte, umso intensiver, besser wurde sein Leben.
Hitzlsperger: Da ist er nicht der erste, der das sagt. Das kann für viele gut sein. Wer sich der Endlichkeit bewusst ist, lebt anders, startet anders in den Tag. Es kann aber auch sein, dass es Menschen noch trauriger macht, wenn sie sich mit dem Tod beschäftigen.
ZEIT ONLINE: Ist das Thema Tod in der Fußball-Kabine ein Tabuthema?
Hitzlsperger: Wenn es keinen Anlass gibt, meidet man so ein Thema in der Kabine einfach. Nachdem ein Spieler mit einem Herzfehler auf dem Spielfeld ums Leben kam, redete man kurz darüber. Als Robert starb, war es schon ein Thema. Aber tiefer gehende Gespräche darüber gibt es in der Kabine nicht. Wenn bei einem Spieler ein Angehöriger stirbt, ist er meist einen Tag nicht da. Darüber wird dann geschwiegen.
Das Gespräch führte Steffen Dobbert
- Datum 27.08.2010 - 13:47 Uhr
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- Serie Alles außer Fußball
- Quelle ZEIT ONLINE
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Herr Hitzlsperger gibt in diesem interessanten Interview schoene Einblicke insein innerstes und ich hoffe er erinnert so manchen Leser daran, dass nicht der Tod zum Leben dazu gehoert, sondern das Leben dem Tod.
So erschreckend vielleicht dieses Wortspiel ist, wenn man sichmal jetzt in diesem Augenblick vor Augen haellt, wie lange unser Leben bis zu dem jetzigen Atemzug war, so wird es einem doch wie ein schnell vergangener Kurzfilm vorkommen.
Redet man mit aelteren Menschen, sie werds nochmal mehr bestaetigen. Dabei ist offentsichtlich, dass einmal von diesem Leben abgetreten, niemand mehr zurueckkommt.
Es ist egal welchem Glauben man anhaengt, welche Vorstellung man anerzogen bekommen hat, Fakt ist, dass wir alle sterben werden und gut daran taeten taeglich mal darueber nachzudenken, um zumindest den jetzigen Augenblick und dessen Bedeutung besser zu schaetzen zu wissen.
Zu diesem Zweck dienten auch wohl die Friedhoefe frueher um Kirchen, Synagogen oder Moscheen, um den Menschen der Stadt/Dorfes zu vergaegenwaertigen was wir sind und was uns erwartet.
Leider hat man gerade in industriell entwickelten Laendern das Gefuehl, dass diese Erinnerung unbewusst kollektiv verdraengt wird und man wie der Esel, dem man mit der Angel die Karotte vorhaellt, waehrend man auf ihm reitet nach kleinen "Ewigkeiten" hinterherlaeuft, von denen man spaeter merkt, dass diese einem nie was genuetzt haben.
Schade auch, dass dieses Thema sowenig Kommentare findet im Gegensatz zu Sarrazin.
Ich kann mich Ihnen nur anschließen.
Mir kam es auch oft so vor, dass Menschen - ob jung oder alt - den Wert des menschlichen Lebens in einem anderen Licht sehen, wenn sie über den Tod nachdenken. Es ist halt die Ungewissheit, die wahrscheinlich dazu führt.
Aber die ist wohl auch dafür verantwortlich, dass hier kaum kommentiert wird ;) Beim Thema Sarrazin weiß es halt jeder besser! :) Und es ist ein Thema, dass oft auf einer emotionalen Ebene geführt wird, viele Fakten sind im Spiel, jeder kann aus eigener Erfahrung sprechen...
Beim Thema Tod stehen da halt statt Zahlen nur Fragezeichen.
Ich kann mich Ihnen nur anschließen.
Mir kam es auch oft so vor, dass Menschen - ob jung oder alt - den Wert des menschlichen Lebens in einem anderen Licht sehen, wenn sie über den Tod nachdenken. Es ist halt die Ungewissheit, die wahrscheinlich dazu führt.
Aber die ist wohl auch dafür verantwortlich, dass hier kaum kommentiert wird ;) Beim Thema Sarrazin weiß es halt jeder besser! :) Und es ist ein Thema, dass oft auf einer emotionalen Ebene geführt wird, viele Fakten sind im Spiel, jeder kann aus eigener Erfahrung sprechen...
Beim Thema Tod stehen da halt statt Zahlen nur Fragezeichen.
Ich kann mich Ihnen nur anschließen.
Mir kam es auch oft so vor, dass Menschen - ob jung oder alt - den Wert des menschlichen Lebens in einem anderen Licht sehen, wenn sie über den Tod nachdenken. Es ist halt die Ungewissheit, die wahrscheinlich dazu führt.
Aber die ist wohl auch dafür verantwortlich, dass hier kaum kommentiert wird ;) Beim Thema Sarrazin weiß es halt jeder besser! :) Und es ist ein Thema, dass oft auf einer emotionalen Ebene geführt wird, viele Fakten sind im Spiel, jeder kann aus eigener Erfahrung sprechen...
Beim Thema Tod stehen da halt statt Zahlen nur Fragezeichen.
Wenn sich aber alle Streitparteien über den Tod mal naehere Gedanken machen würden, würden sie vielleicht weniger so abgehen ;-)
Und beim Thema Sarrazin stimme ich Ihnen zu, würde nur hinzufügen, dass jeder was zu wissen glaubt.
Also im Grunde so wie beim Tod...
Wie meinen Sie das genau, dass diese "Parteien" weniger abgehen würden, wenn sie sich gemeinsam über das Thema unterhalten würden?
Jep, sie glauben es nur zu wissen. Beim bestimmten Themen gibt es halt kein sicheres Wissen. Man kann sich psychisch eines zurecht bauen, dass einem vielleicht am meißten gefällt, oder aus einem bestimmten Blickwinkel wenigstens eine Art Sinn ergeben würde.
Ich denke auch, dass allein die Gedanken über den Tod vieles im Leben bestimmen - Ist es vielleicht deswegen so einfach, religiös zu sein?
Aber wenn von Grund auf unterschiedliche Meinungen und Gedanken über das Thema Tod aufeinander treffen, gibt es dort überhaupt Schnittstellen? Kann man sich auf diesem Gebiet in andere hineinversetzen? Es kommt mir ziemlich schwierig vor.
Da gibt es Menschen, die im Tod nur das Ende des Lebens sehen - Sie beschäftigen sich höchstens damit, wenn man einen geliebten Menschen verliert. Andere wiederum sehen im Tod das Ende des Diesseits und den Beginn im "Jenseits" (wie auch immer man diesen Begriff definieren möchte...)
Kann es zu gemeinsamen Gesprächen/ Gedanken kommen?
Wie meinen Sie das genau, dass diese "Parteien" weniger abgehen würden, wenn sie sich gemeinsam über das Thema unterhalten würden?
Jep, sie glauben es nur zu wissen. Beim bestimmten Themen gibt es halt kein sicheres Wissen. Man kann sich psychisch eines zurecht bauen, dass einem vielleicht am meißten gefällt, oder aus einem bestimmten Blickwinkel wenigstens eine Art Sinn ergeben würde.
Ich denke auch, dass allein die Gedanken über den Tod vieles im Leben bestimmen - Ist es vielleicht deswegen so einfach, religiös zu sein?
Aber wenn von Grund auf unterschiedliche Meinungen und Gedanken über das Thema Tod aufeinander treffen, gibt es dort überhaupt Schnittstellen? Kann man sich auf diesem Gebiet in andere hineinversetzen? Es kommt mir ziemlich schwierig vor.
Da gibt es Menschen, die im Tod nur das Ende des Lebens sehen - Sie beschäftigen sich höchstens damit, wenn man einen geliebten Menschen verliert. Andere wiederum sehen im Tod das Ende des Diesseits und den Beginn im "Jenseits" (wie auch immer man diesen Begriff definieren möchte...)
Kann es zu gemeinsamen Gesprächen/ Gedanken kommen?
Wie meinen Sie das genau, dass diese "Parteien" weniger abgehen würden, wenn sie sich gemeinsam über das Thema unterhalten würden?
Jep, sie glauben es nur zu wissen. Beim bestimmten Themen gibt es halt kein sicheres Wissen. Man kann sich psychisch eines zurecht bauen, dass einem vielleicht am meißten gefällt, oder aus einem bestimmten Blickwinkel wenigstens eine Art Sinn ergeben würde.
Ich denke auch, dass allein die Gedanken über den Tod vieles im Leben bestimmen - Ist es vielleicht deswegen so einfach, religiös zu sein?
Aber wenn von Grund auf unterschiedliche Meinungen und Gedanken über das Thema Tod aufeinander treffen, gibt es dort überhaupt Schnittstellen? Kann man sich auf diesem Gebiet in andere hineinversetzen? Es kommt mir ziemlich schwierig vor.
Da gibt es Menschen, die im Tod nur das Ende des Lebens sehen - Sie beschäftigen sich höchstens damit, wenn man einen geliebten Menschen verliert. Andere wiederum sehen im Tod das Ende des Diesseits und den Beginn im "Jenseits" (wie auch immer man diesen Begriff definieren möchte...)
Kann es zu gemeinsamen Gesprächen/ Gedanken kommen?
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