Fußball ist eine komplizierte Sache. Mit deutschen Tugenden kommt man heute nicht mehr weit, auch nicht mit den Ratschlägen "Flach spielen, hoch gewinnen!" oder "Geht's naus und spuits Fußball!" (Beckenbauer). Über Sieg oder Niederlage entscheiden Fragen wie: Welchen Abstand hat die Abwehr zum Mittelfeld? Wie verhält sich die Doppel-Sechs in der Rückwärtsbewegung? Wer nutzt die Freiräume in den Halbpositionen am besten? Ist das 4-2-3-1 dem 4-4-2 überlegen? Inwiefern legen Spanien und Holland das Flügelspiel unterschiedlich aus?

Die Fußballfans interessieren sich, wie es scheint, zunehmend für solch komplexe Erörterungen, und einige Medien nutzen diesen Trend. Spätestens seit dem Confederations Cup 2005, dem Einstand von Trainer Jürgen Klopp als TV-Experte, gehören die Kringel am Taktik-Board zum Standard im ZDF. Seit einem Jahr setzt auch das Aktuelle Sportstudio verstärkt auf diese Form, vor allem beim Top-Spiel um 18.30 Uhr. "Auch in der neuen Saison halten wir an diesem Konzept fest", sagt Thomas Fuhrmann, Redaktionsleiter des Aktuellen Sportstudios , "denn die Zuschauer haben es gut angenommen."

Andere Medien haben den Trend ebenso erkannt. Die Süddeutsche Zeitung , der Tagesspiegel oder die 11 Freunde haben in den vergangenen Jahren den taktischen Feinheiten mehr Raum gewidmet.

Auch im Internet findet man Beispiele: Auf seinem Blog erläutert Bremen-Fan Johan Petersen regelmäßig die Laufwege von Aaron Hunt und Marko Marin sowie die Stärken und Schwächen von Claudio Pizarro. Auf kontextschmiede.de experimentiert der Kommunikationswissenschaftler Jakob Jochmann mit sehenswerten Videos, in denen er anhand grafischer und auditiver Animationen veranschaulicht, wie eine Viererkette verschiebt und wie man den Spielraum des Gegners verkleinert.

Auch das ZDF ist technisch auf Ballhöhe. Seit der WM setzt der Sender ein neues 3-D-Programm ein, das virtuelle Kameraperspektiven errechnet. Damit kann der TV-Experte Oliver Kahn nach dem Spiel oder in der Halbzeit eine Vogelperspektive wählen, die von keiner reellen Kamera eingefangen wird. Die Schweizer Software-Firma Liberovision, die mit dem ZDF kooperiert, verspricht für die Zukunft, diese Option sogar während des Spiels. So wird man in Wiederholungen von Toren die Aktionen des Schützen und des Passgebers mit grafischen Elementen versehen und die Abwehrspieler virtuell verschieben können.

Voraus sind den deutschen nach wie vor die englischen Medien – und zwar im Fernsehen, in der Zeitung und im Internet. Vorbild für deutsche Blogger ist die aufwändige und brillante Seite zonalmarking.net (zu deutsch: Raumdeckung), betrieben vom Jungjournalisten Michael Cox.

 Reden wie Jogi Löw

Jedes WM-Spiel wurde auf seine Taktik hin abgeklopft, jeder der 32 Teilnehmer mit einem Vorabstück durchleuchtet, man findet täglich Texte über wichtige internationale Spiele, ergänzt durch YouTube-Videos, Standbilder mit Markierungen, Pass-Statistiken, Rankings. So hat Cox herausgearbeitet , dass die Young Boys Bern im vergangenen Champions-League-Qualifikationsspiel den Tottenham Hotspurs (3:2) mit "chile-eskem Pressing" zugesetzt haben. Über Mesut Özil, den Neu-Madrilenen , heißt es, dass er über enorme Spielintelligenz und großes Raumgefühl verfüge.

Zonalmarking ist auch in Deutschland beliebt, denn es bedient den Wandel der Leser und Zuschauer. In den 1990ern prägte die Fußball-Show ran mit ihren Protagonisten Reinhold Beckmann und Johannes Kerner den Stil des Fußballfernsehens. ran legte keinen Wert auf Systeme und Spielzüge, sondern inszenierte Torjubel (etwa die Elber-Taube) und lenkte den Blick, in Superzeitlupe, auf die VIP-Tribüne.

Die neue Hinwendung zum Fachlichen ist also eine puristische Reaktion auf die Boulevardisierung in der Vergangenheit. "Wir brauchen niemanden, der uns den Fußball bunt macht. Was auf dem Platz passiert, ist interessant genug", schreibt der Werder-Blogger Petersen in seinem Editorial, und zitiert dabei die Trainer-Legende Hans Meyer. Ein weiterer Grund: Mit Expertenwissen kann man sich von den Mode- und "Schlaaand"-Fans absetzen. Selbst in Intellektuellen-Kreisen soll man dies beobachten können. Der Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Gumbrecht hat jüngst der taz von einem neuen intellektuellen Typus erzählt, "der den Diskurs der Trainerakademien imitiert. Eigentlich will er so reden wie Jogi Löw."

Nicht zuletzt profitiert der Trend vom Kulturwandel, den der deutsche Fußball seit Rudi Völlers Abtritt 2004 erlebt hat. Damals erkannte man in Deutschland allmählich, rückständigen Fußball zu spielen und auch einem rückständigen Verständnis von diesem Sport zu unterliegen. Seit dieser Zeit hat Fußballdeutschland aufgeholt, bis er an der diesjährigen WM unter Joachim Löw erstmals seit den 1970ern wieder eine Vorreiterrolle gespielt hat. Von Zonalmarking erhielten Löw und seine Elf für ihr aufregendes und strategisches Spiel Bestnoten.

Als Ralf Rangnick im Jahr 1998, damals ein junger Trainer in Ulm, im Aktuellen Sportstudio Raumdeckung und Viererkette erklärte, wurde er von vielen Trainern der alten Garde attackiert und als "Fußballprofessor" verspottet. Vermutlich wäre dieses Etikett heute eine Anerkennung.