ZEIT ONLINE: Fürs Flanken von der Grundlinie sind wohl eher die Außenverteidiger zuständig.

Siegenthaler: Ja. Auf den Außenverteidigerpositionen sehe ich gerne gelernte Mittelfeldspieler, Spielmachertypen. Dort haben sie am meisten Platz. Man denke an Gianluca Zambrotta, Paolo Maldini, Philipp Lahm.

ZEIT ONLINE: Was macht denn die Spanier so stark?

Siegenthaler: Am besten hat mir die Abwehr gefallen. Die steht immer sehr hoch im Feld, das spricht für ein großes Vertrauen in die eigene Stärke. Das ist die Grundlage für ihr Spiel. Zudem zeichnet diese Mannschaft aus, dass die Positionen 12 bis 15 Qualitäten haben, die die Stammspieler nicht haben.

ZEIT ONLINE: Etwa Jesús Navas, den Rechtsaußen, der nach seiner Einwechslung im Finale durch seine Dribblings die holländische Flanke aufgerissen hat?

Siegenthaler: Zum Beispiel. Überhaupt sollte das Dribbling eins der wichtigsten Ausbildungs- und Trainingsziele sein. Direktes Passspiel ist schön und gut, doch manchmal muss man es alleine riskieren. Das hat übrigens nichts mit Egoismus zu tun. Dazu braucht man Mut und Leidenschaft, die wichtigsten Tugenden im Sport.

ZEIT ONLINE: Welcher Spieler fällt Ihnen bei diesen Stichworten ein?

Siegenthaler: Mit enormer Courage tritt Frank Lampard in Chelsea auf. Auch wenn's 7:0 steht, wie im April gegen Stoke City, drängt er noch in den Strafraum und will ein Tor schießen. Anderes Beispiel: Bei der WM war unser Trainerteam zunächst sehr von den südamerikanischen Mannschaften beeindruckt. Wie aggressiv Chile, aber auch Honduras verteidigt und angegriffen haben! Oder Uruguay, die rackerten unermüdlich im Mittelfeld. Immer wenn man dachte, sie sind überspielt, waren sie wieder da. Im deutschen Team denke ich an Thomas Müller, der ist unbeschwert. Mal angenommen, er träfe vor dem Spiel auf den Papst, dann würde er ihm einfach sagen: "Hallo, wie geht's?" Genauso spielt er. Im Halbfinale ... ach, lassen wir das!

ZEIT ONLINE: Müller ist durch Louis van Gaal gefördert worden. Welchen Anteil hat er an dem Erfolg der Deutschen? Werden die Bayern, wie alle sagen, mit großem Vorsprung Meister?

Siegenthaler: Das weiß ich nicht. Löw hat ja offen zugegeben, dass er van Gaal einiges zu verdanken hat – was für seine Größe spricht. Ich habe von den Bayern-Spielern während der ganzen WM trotz der hohen Belastung nicht ein einziges Mal gehört, dass sie müde sind. Großartige Trainerarbeit!

ZEIT ONLINE: Wird es Sami Khedira und Mesut Özil gut tun, nach Madrid zu gehen. Oder werden sie ihre Leichtigkeit verlieren ?

Siegenthaler: Alles wird gut. Wann hat es das zuletzt gegeben, dass die besten Vereine der Welt an jungen Deutschen interessiert sind? Die werden sich dort durchsetzen. Übrigens ist das auch ein Verdienst von Joachim Löw. Aber meine Begeisterung für ihn dürfte ja bekannt sein. Ebenso für Hansi Flick und Andreas Köpke. Ihre Offenheit ist großartig, Joachim Löw saugt neue Ideen auf wie ein Schwamm.

ZEIT ONLINE: Brauchen Trainer viele Mitarbeiter?

Siegenthaler: Eindeutig ja. Sie brauchen Spezialisten um sich, die Anforderungen an den Fußballer sind sehr komplex. Warum nicht einen, der sich nur um die koordinativen Fähigkeiten kümmert? Oder um Abwehrtechnik. Arsène Wenger macht das vorbildlich, er hat ein perfektes Team. Kein Wunder, dass er Talente weiterentwickelt.

ZEIT ONLINE: Ihr Lieblingstrainer außer Löw?

Siegenthaler: So was habe ich nicht. Aber es gibt, grob gesagt, zwei Trainertypen: Der erste hat zehn Pokale geholt. Der zweite ist stolz darauf, dass er an seinem 90. Geburtstage hundert Anrufe von ehemaligen Spielern erhält, die sich für ihre Profikarriere bedanken. Beide Typen sind aller Ehren wert. Doch muss ich erläutern, was mir lieber ist?

Die Fragen stellte Oliver Fritsch .