Nationalelf Unter Affen oder die K-Antwort

Joachim Löw hat gesprochen: Ballack bleibt Kapitän, Lahm irgendwie auch. Aber was bitte ist erstrebenswert daran, Kapitän zu sein? Fragt O. Fritsch

Das Prinzip Einschüchterung: Michael Ballack, Kapitän

Das Prinzip Einschüchterung: Michael Ballack, Kapitän

Die K-Frage hat staatstragende Züge angenommen. Und nun hat der Chef, Joachim Löw, geantwortet: Michael Ballack bleibt Kapitän, Philipp Lahm irgendwie auch. Aber was bitte ist erstrebenswert daran, Kapitän zu sein?

Diese Frage kann nur jemand stellen, der in der Fußballverhaltensforschung unbeleckt ist. Die Kapitänsbinde ist in jeder Nationalelf und in jeder Kreisligareserve das wichtigste Statussymbol. Sie signalisiert Stärke und Kraft, wer sie trägt, steht oben in der Nahrungskette. Die Mannschaft aufs Feld zu führen, ist eine Ehre. Auf den Mann an der Spitze richtet sich, etwa beim Einlaufen, der erste Blick, auch und nicht zuletzt der weibliche.

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Wird der Kapitän degradiert, kann er das als Schmach empfinden. Ordnet er sich künftig ein? Noch wichtiger: Lassen die anderen zu, dass er sich einordnet? Von unseren nächsten Verwandten beispielsweise wissen wir, dass die ehemaligen Anführer kein leichtes Affenleben führen, gejagt und gebissen werden, selbst wenn sie sich Mühe geben. Besonders dann, wenn sie zuvor ihre Untergebenen stark dominiert hatten.

Das Fußballregelwerk schreibt vor: Ein Kapitän hat die Seitenwahl durchzuführen, bei besonderen Spielen darf er mit dem Gegner die Wimpel tauschen. Der Kapitän hat auf dem Spielfeld nicht das Recht, etwa den Schiedsrichtern seine Auffassungen zu deren Urteilen häufiger oder im anderen Ton vorzubringen. Der Kapitän hat dem Unparteiischen gegenüber sogar Pflichten, er ist dessen Ansprechpartner und ausführendes Organ, wenn sich Mitspieler oder Trainer nicht angemessen benehmen. Seitenwahl, Wimpeltausch, Schiedsrichtergehilfe – hoppla, geht es bedeutungsloser?

Michael Ballack wird eine besondere Art nachgesagt, wie er seine Chefrolle auszuüben gedenkt. Wäre er, sagen wir, ein Pavian, beherrschte Ballack ein großes Repertoire an Aggressionsgesten. Ballack stampft gerne mit dem Fuß, brüllt gerne laut. Einen weicheren Führungstyp repräsentiert sein Rivale Phillip Lahm. Der Pavian Lahm stünde für Fellpflege.

Joachim Löw hat nun eine doppelbödige Botschaft gesendet: "Ballack bleibt Kapitän." Sofern er denn spielt, ergänzte Löw leise und abgewandt. Auch Lahm, der während der WM gut zu brüllen versucht hatte, muss nun einen Schritt zurücktreten, ist weiterhin der Stellvertreter. Ein Kompromiss, der immerhin allen das Gesicht wahrt.

Dem Fußballliebhaber Löw bedeutet das alles nichts, er kann sich nur für Vertikalpässe und schnelles Flügelspiel begeistern. Und er stellt sich dumm. In den vergangenen zwei Monaten wollte er die Sache als Sommerlochdebatte runterspielen und den Eindruck erwecken, als wüsste er gar nicht um die Tragweite seiner Entscheidung. Doch natürlich kennt er seine Horde.

Der Alpha-Ballack hat nie einen Zweifel daran gelassen, wie wichtig es ihm ist, weiterhin die Seitenwahl durchzuführen. Auch der "flache Hierarch" Lahm lässt wissen, wie gerne er auch in Zukunft Wimpel tauschen möchte. Der Rangkampf ist nun vertagt. Und mit ihm die Frage, welches Prinzip in der deutschen Elf herrscht: Fußstampfen oder Fellpflege.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Gähn.

    Total überflüssig und langweilig, dieser Artikel: Oliver Fritsch, der Sarrazin unter den Sportanalytikern(Biologismus!).

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...weder überflüssig noch langweilig dieser Artikel. Und das Abwerten von Herrn Fritsch ist auch völlig daneben. Oliver Fritsch ist neben Holger Gertz, Ronald Reng, Christoph Biermann und diversen Schreibern von "11 Freunde" einer der wenigen deutschen Autoren, die absolut kompetent und lesenswert über Fußball schreiben können. Allein schon der wunderschöne Satz "Der Pavian Lahm stünde für Fellpflege" ist absolute Sahne.

    Vorsichtshalber weise ich nach soviel Lobhudelei gleich mal darauf hin, dass ich weder verwandt noch verschwägert oder sonstwie mit Herrn Fritsch bekannt bin; ich lese seine Beiträge einfach gern.

    Einen Punkt, Herr Fritsch, würde ich vielleicht noch anmerken, was das Käpitänsamt angeht und zwar den finanziellen: Der Kapitän, jedenfalls der der deutschen Fußballnationalmannschaft, ist auch oft der mit den lukrativsten Werbeverträgen. Denn wenn auch diejenigen mit weniger Fußballinteresse (und -ahnung) möglicherweise den "Fußballalltag" von Bundesliga, Pokal und Europaliga nicht regelmäßig verfolgen und sich deswegen bei der Aufstellung der deutschen Nationalmannschaft gelegentlich fragen wer denn jetzt dieser "Khedira" oder "Müller" eigentlich ist; den Kapitän kennen immer alle: Ballack, Kahn, Bierhoff, Klinsmann, Matthäus; selbst dem reinen Feierfan, der nur zu EM und WM die Fähnchen an sein Auto bindet, dürften diese Spieler alle bekannt sein.

    ...weder überflüssig noch langweilig dieser Artikel. Und das Abwerten von Herrn Fritsch ist auch völlig daneben. Oliver Fritsch ist neben Holger Gertz, Ronald Reng, Christoph Biermann und diversen Schreibern von "11 Freunde" einer der wenigen deutschen Autoren, die absolut kompetent und lesenswert über Fußball schreiben können. Allein schon der wunderschöne Satz "Der Pavian Lahm stünde für Fellpflege" ist absolute Sahne.

    Vorsichtshalber weise ich nach soviel Lobhudelei gleich mal darauf hin, dass ich weder verwandt noch verschwägert oder sonstwie mit Herrn Fritsch bekannt bin; ich lese seine Beiträge einfach gern.

    Einen Punkt, Herr Fritsch, würde ich vielleicht noch anmerken, was das Käpitänsamt angeht und zwar den finanziellen: Der Kapitän, jedenfalls der der deutschen Fußballnationalmannschaft, ist auch oft der mit den lukrativsten Werbeverträgen. Denn wenn auch diejenigen mit weniger Fußballinteresse (und -ahnung) möglicherweise den "Fußballalltag" von Bundesliga, Pokal und Europaliga nicht regelmäßig verfolgen und sich deswegen bei der Aufstellung der deutschen Nationalmannschaft gelegentlich fragen wer denn jetzt dieser "Khedira" oder "Müller" eigentlich ist; den Kapitän kennen immer alle: Ballack, Kahn, Bierhoff, Klinsmann, Matthäus; selbst dem reinen Feierfan, der nur zu EM und WM die Fähnchen an sein Auto bindet, dürften diese Spieler alle bekannt sein.

    • Jenss
    • 02.09.2010 um 0:48 Uhr

    Ich muss Xenophanes widersprechen. Ich fand den Artikel gut und den Vergleich mit Sarrazin hart an der Schmerzgrenze.

  2. könnte man nicht so auch Angela Merkel zum Fussballkapitän krönen - sofern sie denn spielt?!

  3. das die Zeit sich herablaesst so einen langen Artikel zu schreiben! Jeder Idiot MUSS doch erkennen das die Diskussion gar nicht von Lahm kommt sondern von dem Auflagenstarken Revolverblatt für das er zufaellig auch Werbung macht !

  4. hmm - in meinem Amateurverein musste vor 20 Jahren der "Spielführer" (so heißt das offiziell) vor allem dafür Sorge tragen, dass die Trikots nach dem Spiel vollständig in den Koffer zurück kommen und gewaschen werden, und dass in der Kabine nach dem Spiel eine Kiste Bier bereit steht ... wollte folglch keiner freiwillig machen :-)

    Aber im Ernst: das Problem Ballack löst sich doch innerhalb der nächsten 1-2 Jahre aus Alters- bzw. Verletzungsgründen von selbst. Ob er überhaupt ja wieder gut genug spielen wird, um in die Nationalmannschaft zurück zu kommen, ist offen. Warum hätte Löw angesichts dieser Situation jetzt jemanden brüskieren sollen?

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