Doping in der DDR"Da läuft mir die Galle über"

Die meisten wussten nicht, was sie schlucken und viele waren jünger als 16, sagt Birgit Boese. Im Interview spricht das DDR-Dopingopfer über Thomas Köhlers Thesen. von Frank Bachner

"Wer sich geweigert hat, ist aus dem Kader geflogen", sagt Birgit Boese über DDR-Sportler, die nicht dopen wollten

"Wer sich geweigert hat, ist aus dem Kader geflogen", sagt Birgit Boese über DDR-Sportler, die nicht dopen wollten  |  © Gray Mortimore/Getty Images

Frage: Frau Boese, Sie waren als Jugendliche Kugelstoßerin und sind staatlich anerkanntes Opfer des DDR-Dopings. Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Birgit Boese: Es geht von Monat zu Monat schlechter. Die größten Probleme habe ich mit der Wirbelsäule. Ich kann keine fünf Minuten stehen. Dazu kommen Diabetes, Herzerkrankung, Stoffwechselstörungen. Meine Ärzte sind davon überzeugt, dass dies alles Dopingfolgen sind. Ich habe als Zwölfjährige zum ersten Mal Dopingpillen erhalten.

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Frage: Als erster ehemaliger, hoher DDR-Funktionär hat Thomas Köhler, der frühere Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sportbundes, systematisches Doping zugegeben. Aber schwere gesundheitliche Zwischenfälle seien in der DDR nicht passiert. Was empfinden Sie bei so einem Satz?

Boese: Da läuft mir die Galle über. Schon zu DDR-Zeiten begannen bei vielen Sportlern die gesundheitlichen Probleme. Köhler hat bloß Glück, dass es die DDR seit 1989 nicht mehr gibt. Viele Folgeschäden sind ja erst nach der Wende massiv aufgetreten. Das ist ja ein schleichender Prozess. So kann er leicht behaupten, dass zu DDR-Zeiten nichts passiert sei.

Frage: Sie haben mit dem Sporthistoriker Giselher Spitzer die Geschichte von DDR-Dopingopfern wissenschaftlich dokumentiert. Wie viele Opfer waren jünger als 16 Jahre, als sie Dopingpillen erhielten?

Boese: Für die Dokumentation habe ich mit 80 Opfern gesprochen, die überwiegende Zahl war erheblich jünger als 16, als ihnen Dopingpillen gegeben wurden.

Frage: Köhler behauptet, unter 16 sei niemand gedopt worden. Und Sportler, die mit 16 gedopt worden seien, die seien von Ärzten besonders betreut worden

Boese: Unsinn. Die meisten Sportler, mit denen ich gesprochen habe, sagten ganz klar, sie hätten Pillen vom Trainer erhalten. Und sie hätten nicht gewusst, was sie da schlucken.

Frage: Noch ein Köhler-Satz: "Alle Mittel wurden im Einvernehmen mit den Sportlern verabreicht."

Boese: Nochmal Unsinn. Ich führe ja auch eine Beratungsstelle für Dopingopfer. Fast alle der rund 600 Opfer, die zu mir gekommen sind, haben erklärt, sie hätten nicht gewusst, was sie da erhalten. Und schon gar nicht hätte sie irgendjemand gefragt, ob sie das überhaupt wollen. Ich habe mich nicht getraut zu fragen, weil ich erlebt hatte, was dann passieren könnte.

Frage: Was denn?

Boese: Ein Mädchen aus meiner Trainingsgruppe beim Berliner TSC hatte eine Frage gestellt, irgendetwas ganz normales. Da herrschte die Trainerin sie an: Na, wenn Du noch Zeit und Luft für Fragen hast, dann kannst du auch noch rennen. Da musste das Mädchen nach einer vollen Trainingseinheit zur Strafe vier Kilometer rennen. Unterwegs hat sie sich vor Erschöpfung übergeben. Sie durfte nicht aufhören, sie durfte sich nicht reinigen, sie musste die vier Kilometer unter Tränen zu Ende rennen. Da hatte ich Angst, Fragen zu stellen.

Frage: Was passierte Sportlern, die sich weigerten, die berüchtigten blauen Pillen zu schlucken?

Boese: Zuerst gab es noch Kadergespräche, aber wenn das nichts genützt hat, dann sind die achtkantig aus dem Kader geflogen. Das ist dann mit fadenscheinigen Begründungen passiert. Entweder, weil der Betreffende Westradio gehört oder Westfernsehen geschaut hat oder weil er aus sonst einem Grund nicht tragbar sei. Viele Sportler haben mir erzählt, sie hätten erst Jahrzehnte nach ihrem Rausschmiss erfahren, weshalb sie eigentlich hatten aufhören müssen. Die waren ja völlig verunsichert, weil sie kein Westfernsehen geschaut und kein Westradio gehört hatten. Die waren sich keiner Schuld bewusst. Die Wahrheit haben sie dann in ihrer Stasi-Akte gelesen.

Frage: Wie viele Sportler kennen sie, die im Kader geblieben sind, obwohl sie sich weigerten, Dopingpillen zu nehmen?

Boese: Keinen einzigen.

Frage: Köhler nennt aber drei Rodlerinnen als Beweis, dass niemand rausgeworfen wurde, der sich dem Doping verweigert hatte.

Boese: Ausnahmen bestätigen die Regel. Schlimm genug, dass diese drei nicht öffentlich gesagt haben, das sei Betrug.

Frage: Köhler hat sich gestern bei den Dopingopfern entschuldigt. Die Sportführung habe Fehler gemacht und Dinge unterschätzt. Nehmen Sie persönlich diese Entschuldigung an?

Boese: Nein, ich nehme sie nicht an. Und wenn er zwischen dem Schreiben des Buchs und den ersten Reaktionen auf das Erscheinen gemerkt hat, dass er Halbwahrheiten veröffentlichte, dann empfehle ich ihm, das Buch vom Markt zu nehmen. Zumindest, wenn er seine Entschuldigung ehrlich gemeint hat.

Das Gespräch führte Frank Bachner für den Tagesspiegel.

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Leserkommentare
  1. Das eigentliche Problem mit den Schlaubergern wie Köhler ist, dass sich ihr unsägliches Verhalten ausgezahlt hat für sie selbst. Sie hatten in DDR Zeiten immer etwas mehr erhalten, für ihre Sklaventreiberei und auch heute verlieren sie nicht ernsthaft etwas von dem Vermögen, das sie sich auf Kosten der Kinder, die sie schamlos gedopt und gedemütigt haben, angehäuft haben.
    Auch wenn sich für sie ein Strafprozess anbahnen sollte, würden sie allerhöchstens eine Bewährungsstrafe für ihr Menschenzersetzendes Tun erhalten. Und das auch nur, nachdem Ermittler und Staatsanwälte über Jahre hinweg intensivst gearbeitet hätten.
    Zudem sind sich dies widerwärtigen Zeitgenossen nicht einmal zu schade dafür, ihr tun auch noch herunterzuspielen.
    Folgendes wäre hier der richtige Weg:
    1. Strafprozess. 2. Verurteilung zur kompletten Enteignung und Beschlagnahme von Einnahmen, die mit eventuellen "Aufkärungsbüchern" erzielt werden sollten, so dass besagte Zeitgenossen den Rest ihres Lebens unterhalb des Existenzminimums fristen müssen und das beschlagnahmte Vermögen den Opfern zugute kommt.

  2. Was für ein Glück, dass es die DDR nicht mehr gibt. Seit 1990 wird kein Sportler mehr dazu gezwungen, Dopingmittel zu nehmen. Der Sport ist sauber geworden!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • saso
    • 06. Oktober 2010 13:16 Uhr

    Nach 1990 wohlgemerkt habe ich die selben Sätze zu hören bekommen wie viele Sportler der ehemaligen DDR. Nimm das mal, das tut dir gut ,damit kannst du das Training besser wegstecken!(mit angeblichen Vitamin C Tabletten). Ich habe sie genommen, leider. Zum Glück sind bei mir keine Folgeschäden aufgetreten, da ich keine weitere Pillen genommen habe, denn ich habe meine sportliche Laufbahn aufgrund dessen abgebrochen.

    • elron
    • 17. September 2010 14:21 Uhr

    Habe 1954 in Sachsen in einem Schwimmverein trainiert.
    Dort gab es gelegentlich etwas zum lutschen.
    Der Hausarzt sagte meinen Eltern, ich hätte ein für einen
    Elfjährigen viel zu großes Herz und einen ungewöhnlich sportlichen Körperbau, sei aber sonst in der körperlichen Reife zurück. Sie sollten nicht mehr zulassen, dass ich dort weiter trainiere.
    Er wusste offenbar dass mit Testoteron experimentiert wurde.
    Ich erfuhr erst viele Jahre später davon.

    • saso
    • 06. Oktober 2010 13:16 Uhr

    Nach 1990 wohlgemerkt habe ich die selben Sätze zu hören bekommen wie viele Sportler der ehemaligen DDR. Nimm das mal, das tut dir gut ,damit kannst du das Training besser wegstecken!(mit angeblichen Vitamin C Tabletten). Ich habe sie genommen, leider. Zum Glück sind bei mir keine Folgeschäden aufgetreten, da ich keine weitere Pillen genommen habe, denn ich habe meine sportliche Laufbahn aufgrund dessen abgebrochen.

    Antwort auf "Was für ein Glück!"

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  • Quelle Tagesspiegel
  • Schlagworte DDR | Doping | Arzt | Betrug | Diabetes | Dokumentation
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