Fussball Das Vorname-Nachname-Stadion
Weil der Oberligist Westfalia Herne von Großsponsoren nur träumen kann, verlost er die Namensrechte an seinem Stadion. Mitmachen kann jeder, erlaubt ist fast alles.
Eigentlich können sie in Herne nur verlieren. "Ja, klar, der Name hört sich schon gut an", sagt Ingo Finkenstein, Manager von Westfalia Herne. Er redet über einen Stadionnamen, wie es ihn im deutschen Fußball wohl kein zweites Mal gibt. "Stadion am Schloss Strünkede" – das klingt würdevoll, fast majestätisch, nach edlen Rittern, fairem Wettstreit und Burgfräuleins.
Das ist Vergangenheit. Bald könnte das Stadion von Westfalia Herne Großmutter-Erna-Stadion heißen, oder Hasimausi-Arena, oder Tischlerei-Hegerfeld-Kampfbahn, sollte das örtliche Handwerk den Oberliga-Fußball für sich entdecken. Der Fünftligist aus Nordrhein-Westfalen sucht einen neuen Stadionnamen, und geht den bisher wohl ungewöhnlichsten Weg: Er verlost ihn.
Westfalia Herne ist das, was man einen Traditionsverein nennt. Bis in die sechziger Jahre spielte der Club auf Augenhöhe mit den großen Nachbarn aus Dortmund und Gelsenkirchen, mehrfach sogar um die Deutsche Meisterschaft. Häufig kamen mehr als 30.000 Zuschauer ins "Stadion am Schloss Strünkede", der Heimat von Hans Tilkowski, dem Torwart, der das Wembley-Tor kassierte. Oder der von Werner Lorant, einem ebenso bärbeißigen Verteidiger wie späteren Trainer.
Dass die bekanntesten jüngeren ehemaligen Westfalia-Kicker keine Profi-Fußballer, sondern Medienschaffende sind – Sönke Wortmann, der das deutsche Sommermärchen verfilmte und Michael Steinbrecher, der es als ZDF-Moderator erklärte –, zeigt, dass die unmittelbare Vergangenheit sportlich weniger erfolgreich war. Der Verein pendelte in den vergangenen Jahrzehnten in den Amateurligen Nordrhein-Westfalens. In der vergangenen Saison konnten die Herner eine drohende Insolvenz abwenden, meist kamen nicht mehr als 600 Zuschauer.
Viel Geld gibt es in diesen Sphären selten zu verdienen. "Für uns ist es schwer, an größere Sponsoren heranzukommen", sagt Ingo Finkenstein. Fernsehgelder gibt es nicht mehr, und von einem Konzern, der Millionen für die Namensrechte des örtlichen Stadions ausgibt, wie der große Bierbrauer in Gelsenkirchen oder die Versicherung in Dortmund, können die Herner nur träumen.
Deswegen haben sie sich bei der Westfalia etwas ganz besonders ausgedacht: Für 20 Euro können Freunde und Feinde Lose erwerben, der Gewinner der anschließenden Tombola darf dann entscheiden, wie das Stadion bis zum Saisonende heißen wird.
Die Herner erhoffen sich davon einen Erlös von bis zu 30.000 Euro. "Das können wir gut gebrauchen, denn wir wollen auf kurz oder lang wieder dahin, wo wir mal waren, in die Regionalliga nämlich", sagt der Manager. Der Gewinner der Aktion "Der Weg zum Schlossherrn" soll am 24. Oktober beim Heimspiel gegen den FC Wegberg-Beeck gezogen werden.
Aus der Not heraus versucht der kleine Amateurverein etwas, womit sich selbst die großen Clubs schwer tun. Die Versöhnung von Leidenschaft und Kapital, von Fans und Finanzen. Zwölf der achtzehn Bundesligavereine haben inzwischen ihre Stadionnamen an internationale Großkonzerne verkauft. Unter teils erheblichen Protest ihrer Anhänger. Wer in Herne gegen die Stadionumbenennung demonstriert, würde nur gegen den Kumpel von der Stehtribüne krakeelen.
Bei den Namensvorschlägen ist übrigens fast alles erlaubt, außer beleidigende, rassistische und diskriminierende Bezeichnungen. Oder – um den Spaßvögeln des Lokalrivalen vom SV Sodingen den Ball nicht auf den Elfmeterpunkt zu setzen – ein anderer Vereinsname.
- Datum 21.09.2010 - 14:35 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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