ZEIT ONLINE: Herr Hitzlsperger, sie haben lange Zeit in Stuttgart gelebt. Dort wurde lange und viel gegen den neuen Bahnhof, gegen Stuttgart 21, protestiert. Auf welcher Seite würden sie stehen?

Thomas Hitzlsperger: Schwer zu sagen, weil ich schon seit über einem halben Jahr nicht mehr dort lebe und nicht alles mitbekomme. Am Besten wäre aber eine schnelle Lösung, sonst gibt es über Monate hinweg Proteste und davon profitiert keiner.

ZEIT ONLINE: In Stuttgart scheint die Landesregierung das Projekt gegen den Willen eines Großteils der Bevölkerung durchzusetzen. Ist das noch demokratisch?

Hitzlsperger: Die Entscheidung für Stuttgart 21 liegt schon ein paar Jahre zurück und wurde demokratisch erreicht. Nun aber treten Dinge ans Tageslicht, die viele Bürger verärgern, vor allem die Kosten. Deswegen gehen die Stuttgarter auf die Straße. Demokratie hat bei uns bisher auch ganz gut funktioniert. Sie lebt vom Engagement der Bürger. Wenn man sieht, dass so viele auf die Straße gehen, dann spricht es für die Demokratie, die Leute wollen mitreden. Allen wird man es natürlich nie hundertprozentig recht machen können.

ZEIT ONLINE: Es gibt immer wieder Umfragen, die besagen, dass viele Menschen unzufrieden mit der Demokratie sind. Haben Sie eine bessere Idee?

Hitzlsperger: Nein, ich wüsste keine bessere Alternative. Deswegen gibt es überhaupt nichts zu meckern. Vielleicht sollte man die Unzufriedenen mal fragen, was sie sich wünschen.

ZEIT ONLINE: Wenn Einer bestimmt, wäre alles schön klar und übersichtlich.

Hitzlsperger: Aber wer soll das sein? Mir fällt nur Helmut Schmidt ein, und der ist für die Demokratie. Glauben Sie, dass die Leute, die in einer Diktatur leben, glücklicher sind?

ZEIT ONLINE: Nein, aber wie wäre es mit einem Gremium unabhängiger Experten, dass die für das jeweilige Land besten Entscheidungen trifft und nicht ständig nach Wiederwahl schielt?

Hitzlsperger: Die Regierung wird doch schon von Experten beraten. Ich denke, dass die meisten Politiker nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Dieses ständige Gemecker kann ich nicht immer teilen. Wir nörgeln viel das ist vielleicht eine Eigenart von uns Deutschen. Viele Leute hätten aber gerne die Zustände, wie sie in Deutschland herrschen.

ZEIT ONLINE: Aber Demokratie kann auch anstrengend sein. Es gibt endlose Parlamentsdebatten, ein einziger Bauer in Garmisch-Partenkirchen könnte die Olympischen Spiele 2018 verhindern. Muss eine Demokratie so was aushalten?

Hitzlsperger: Ja. Wenn es nur um Geduld und mögliche Reibungspunkte geht, dann ist das doch weitaus besser als Unterdrückung und eine Obrigkeit, die alleine das Sagen hat.

ZEIT ONLINE: Wären Sie denn für mehr direkte Demokratie, mehr Volksentscheide?

Hitzlsperger: Es ist sicherlich vernünftig, das Volk in Einzelfällen zu befragen. In Stuttgart hätte man sich dadurch viel Ärger erspart.

ZEIT ONLINE: So viel Demokratie kann einem auch Angst machen. Viele Menschen stimmen den Thesen von Thilo Sarrazin zu, für eine Todesstrafe für Kinderschänder fände sich gewiss auch eine Mehrheit. Vielleicht würde mehr Demokratie ja in die falsche Richtung führen?