ZEIT ONLINE:Herr Littmann, wieso wollen Sie über das Thema Beerdigungen reden. Das ist unangenehm und privat.

Corny Littmann: Es sind gerade zwei gute Freunde von mir gestorben, das ist natürlich etwas Privates. Abschied nehmen ist für mich ein Teil des Lebens. Es ist mir wichtig, wie wir uns von Menschen verabschieden. Meine Erfahrung ist: Wenn wir es richtig machen, dass heißt vor allem ehrlich, hilft es, mit dem Tod und der Endlichkeit umzugehen. Die meisten Beerdigungen, die ich miterleben musste, waren allerdings verlogene Veranstaltungen.

ZEIT ONLINE: Wie verabschiedet man sich unehrlich von einem Menschen?

Littmann: Wenn man einen Menschen über den Verstorbenen reden lässt, der ihn nicht gekannt hat. Der dadurch in Floskeln redet, der mindestens die Hälfte von dem, was diesen Menschen ausgemacht hat, unter den Tisch kehrt. Der humorbefreit eine dumpfe Traurigkeit verbreitet. Das alles ist unterm Strich verlogen.

ZEIT ONLINE: Das klingt enttäuscht.

Littmann: Nein, es geht ja auch anders. Wir haben zum Beispiel vor Kurzem eine andere Form des Abschiednehmens für einen Freund gewählt. Die Trauerfeier fand in einem 100 Quadratmeter großen hellen Raum statt, der nicht an eine Kirche erinnerte. Der Sarg unseres Freundes, der schwuler Gastronom war, stand in der Mitte und drum herum saßen 40 Menschen, die ihn mehr oder weniger gekannt haben. In der Trauerfeier hatte jeder die Möglichkeit aufzustehen und eine Anekdote zu erzählen, irgendetwas, was man mit dem Verstorbenen erlebt hatte. Das waren sehr unterschiedliche Geschichten, die alle Facetten abgedeckt haben – Trauriges, Humorvolles. Es war kein Trauerredner dabei, aber viele sagten danach, jeder habe auf seine Art, aber ehrlich Abschied genommen.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Trauerredner sind verlogen?

Littmann: Ich habe sehr viele Trauerfeiern erleben müssen und mindestens 70 Prozent davon waren verlogen. Aber natürlich liegt das nicht nur an den Rednern. Es ist zudem eine besondere Situation, wenn Schwule beerdigt werden, weil dann häufig die Familie wieder ins Spiel kommt. Wenn Du weißt, der Verstorbene hatte und wollte keinen Kontakt zu der Familie und plötzlich sitzen die in der ersten Reihe, dann ist das ekelhaft. In der Trauerrede und der Verabschiedung spielen dann weder seine Sexualität, die für ihn sehr prägend war, noch seine Freunde eine Rolle. Eigentlich kommt sein ganzes Leben, was er fern seiner Familie gelebt hat, nicht vor.

ZEIT ONLINE: Wir können uns im Leben für eine Art des Beerdigens entscheiden. Ist nicht jeder selbst für die Art seines Abschieds verantwortlich?

Littmann: Nur Wenige beschäftigen sich mit ihrem eigenen Abschied. Der Kranke sagt, was interessiert es mich, wie ich unter die Erde komme. Die Angehörigen machen sich ebenso wenige Gedanken darum. Im Gegensatz zur Testamentthematik wird das Thema umschifft. Die Frage stellt sich: Für wen ist es eigentlich wichtig, wie Abschied genommen wird? Weil es für die Hinterbliebenen wichtig ist, wird die Verantwortung oft auf sie geschoben, obwohl sie nicht wissen, wie damit umzugehen ist. Deshalb gibt es ja eine Beerdigungsindustrie, die leicht mafiöse Strukturen hat.

ZEIT ONLINE: Mafiös?