Jürgen Marbach "Auch Felix Magath kann irren"
Er wurde mit Magath in Wolfsburg Meister. Im Interview redet der ehemalige VfL-Geschäftsführer Jürgen Marbach über die Methode Magath und dessen Form von Gerechtigkeit.
© Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Felix Magath – Trainer des Jahres 2003, 2005 und 2009
ZEIT ONLINE: Im Jahr 2009 wurde der VfL Wolfsburg mit Ihnen als Geschäftsführer unter Felix Magath Meister. Was zeichnet ihn aus?
Jürgen Marbach: Er ist ein zielgerichteter, fokussierter Mensch.
ZEIT ONLINE: Klingt nach einer Selbstverständlichkeit für einen Trainer.
Marbach: Aber ich habe noch keinen anderen Trainer kennengelernt, der so kompromisslos dem folgt, was er für richtig hält. Für Wolfsburg hat er genau den richtigen Weg gefunden, indem er alles umkrempelte.
ZEIT ONLINE: Dort hat er den damaligen Pressechef Kurt Rippholz und den Mannschaftsbetreuer Roy Präger rasiert.
Marbach: Ja, er hat sie durch seine Leute ersetzt. Co-Trainer Bernd Hollerbach und Pressesprecher Rolf Dittrich nimmt er überall mit hin. Oder Werner Leuthard, seinen Konditionstrainer, der ja der eigentliche Quälix ist. Ihnen vertraut er tief. Auf der anderen Seite kann er ein misstrauischer Mensch sein.
ZEIT ONLINE: Das ist wohl eine Konsequenz aus der Erfahrung, dass ihm in der Vergangenheit viele Leute reinreden wollten. Man denke an seine Stationen Nürnberg und Frankfurt.
Marbach: Bayern München würde ich da nicht vergessen. Man muss bedenken, dass jeder Verein eine andere Struktur hat. Der VfL Wolfsburg ist eine GmbH und hat in seiner Führung auch die Identität einer GmbH verinnerlicht. Da ist man an solche Prozesse eher gewöhnt. Schalke ist anders gestrickt, da spielen die Fans traditionell eine größere Rolle.
ZEIT ONLINE: In Schalke warf er jüngst den Fan-Beauftragten Rolf Rojek raus.
Marbach: Inhaltlich kann ich diese Entscheidung nicht beurteilen ...
ZEIT ONLINE: ... Rojek ist unter den Fans umstritten, auch weil er eine Doppelfunktion innehatte.
Marbach: Jedenfalls hätte Magath die Angelegenheit – in der Wirtschaft würde man sagen – sozialverträglicher regeln können. Indem man Rojek persönlich die Begründung mitteilt, statt ihn nur anzurufen zu lassen. Felix Magath ist halt ein schwieriger Mensch, das ist ein Zitat von ihm.
ZEIT ONLINE: Was ist Magaths sportliches Konzept?
Marbach: Er ist extrem gut darin, die Anlagen von vornehmlich jungen Spielern zu erkennen, die sonst keiner auf dem Zettel hat. Und er verhilft ihnen, sich in einen Rausch zu spielen. In Schalke waren das in der Vorsaison beispielsweise Joel Matip, Lukas Schmitz oder Christoph Moritz.
ZEIT ONLINE: Aber Moritz und Schmitz sitzen wie einige andere Schalker Emporkömmlinge derzeit auf der Bank oder der Tribüne, obwohl sie mit Magath die Champions League erreicht haben. Gekauft hat er den Altstar Rául und Klaas-Jan Huntelaar, zwei sehr teure Zugänge.
Marbach: Magath will Reizpunkte setzen und unberechenbar bleiben. Er weiß zudem, dass junge Spieler schnell in ein Formtief fallen – und was Erfahrung wert sein kann. In Wolfsburg etwa wurde Andrea Barzagli zu einem Schlüsselspieler der Meistermannschaft. Zwar hatte er auch Schwächen, aber mit seiner Routine brachte er Ruhe in die Defensive.
ZEIT ONLINE: Es sieht aber nicht so aus, als könnte Christoph Metzelder in Schalke eine Neuauflage werden.
Marbach: Auch Felix Magath kann irren. Aber ich würde mal abwarten.
ZEIT ONLINE: Durch seine Transferpolitik hat Magath viel von seinem großen Bonus in Schalke verspielt, wie es scheint. Legt er es nicht darauf an, länger zu bleiben?
Marbach: Man muss ja nur seine Vita nachlesen. Viel länger als zwei Jahre hat er es nirgendwo ausgehalten. Aber das ist nun mal sein Weg.
ZEIT ONLINE: Magath steht im Ruf, seine Spieler auszuzehren.
Marbach: Er ist ein harter Hund, und er gibt sich als harter Hund. Damit fährt man im deutschen Fußball ohnehin am besten. Wenn es über einen Trainer heißt, er sei weich, kann er seine Karriere doch abhaken. Ich glaube übrigens, unter Armin Veh hat unsere Mannschaft härter trainiert als unter Magath.
ZEIT ONLINE: Ein Nationalspieler hat mir mal erzählt, dass er kommunikative Trainer bevorzugt. Nach kurzem Überlegen korrigierte er sich: Vielleicht sei das Prinzip Magath, nämlich mit den Spielern nicht zu reden, doch die bessere Strategie.
Marbach: Über Magath hab ich mal jemanden sagen hören: "Er behandelt alle Spieler gleich schlecht." Das ist doch auch eine Form von Gerechtigkeit. Eine Gerechtigkeit, die gerade im Fußball, dem größten Jahrmarkt der Eitelkeiten, Vorteile hat. In Wolfsburg hat die Magath-Methode zwei Jahre perfekt funktioniert.
ZEIT ONLINE: Danach, nach Magaths Wechsel zu Schalke, kam der große Rückschritt für den VfL. Sollte ein Trainer nicht nachhaltiger arbeiten?
Marbach: Ich konnte bei den Champions-League-Spielen sehr schön beobachten, wie gut das Funktionsteam von Manchester United eingespielt ist. Alex Ferguson ist dort seit über zwanzig Jahren, das ist ein großer Vorteil. Oder man schaue nach Arsenal, wo Arsène Wenger seit fünfzehn Jahren die Identität eines ganzen Vereins prägt.
ZEIT ONLINE: Warum ist das in Deutschland nicht möglich?
Marbach: Ist es ja, schauen Sie nach Bremen, wo Klaus Allofs und Thomas Schaaf ein gutes Team bilden, weil keiner dem anderen etwas wegnimmt. Aber ich weiß, was Sie meinen. Ich liebe das deutsche Fußballmilieu, aber vieles müsste professioneller werden. Oft entscheiden Leute über Trainerwechsel und Neuverpflichtungen, die nicht richtig drin sind im Geschäft. Das stört den Profi Magath sehr.
ZEIT ONLINE: Also macht er einen auf Komplettsanierer, der keinen Konflikt scheut und keine Rücksicht nimmt auf das Wesen des Vereins.
Marbach: Man kann über Magath sagen, was man will. Spannend ist es mit ihm in jedem Fall.
Die Fragen stellte Oliver Fritsch .
- Datum 08.09.2010 - 13:47 Uhr
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