Einzelkritik Nationalelf Podolski, der gute Sturmkumpel
Özil vermeidet Grasflecken auf dem Trikot, Neuer stellt sich blöd an und Klose überrascht als Ein-Mann-Sturm die Mitspieler. Die Nationalspieler in der Einzelkritik
© Alex Grimm/Getty Images

Lukas Podolski bedankt sich bei Mesut Özil für das Zusammenspiel vor seinem Tor
Taktik
Taktische Grundauftstellungen, so viel war schon vor dem Spiel klar, würden bei dieser Partie nebensächlich sein. Deutschland würde angreifen, Aserbaidschan verteidigen und im Grunde ging es nur darum, wie lange das Team von Berti Vogts der DFB-Elf das Leben schwer machen kann. Joachim Löw schickte seine Mannschaft im üblichen 4-2-3-1 aufs Feld, gegenüber dem Auftritt in Belgien rückte Sascha Riether auf die rechte Abwehrseite. Philipp Lahm verteidigte links. Löw sah seine Elf so offensiver als mit der Kombination Lahm-Westermann auf den Außen. Aserbaidschan verteidigte in einer 4-1-4-1-Formation, versuchte aber stets neun Feldspieler hinter dem Ball zu haben.
Manuel Neuer
Wollte während der langen 90 Minuten so dringend den Ball haben, dass er sich ab und an einen von den Balljungen zuwerfen ließ. Als er ihn nach einer Gästeecke auch aus dem Spiel heraus hätte haben können, boxte er sich das Spielgerät ins eigene Tor. Sah blöd aus, war es auch.
Sascha Riether
Durfte überraschend auf rechts verteidigen, weil Joachim Löw offensive Außenverteidiger mag. Besonders gegen Aserbaidschan. Hatte defensiv wenig bis gar nichts zu tun. In der Offensive fleißig, ohne dass allzu viele Szenen im Kopf des Beobachters hängen bleiben. Hat sich eher nicht ins Team gespielt.
Per Mertesacker
Kannte das Spielchen aus Brüssel. Wurde gleich in den ersten Sekunden von den Aserbaidschanern bis vor den eigenen Strafraum eskortiert, von wo aus er stets auf die kreativen Kollegen zurückpasste. Wurde dann am Kopf getroffen und verbrachte den Rest des Spieles in einem Kölner Krankenhaus. Chipkarte zeigen, Röntgen, Warten.
Heiko Westermann
Kam nach elf Minuten für Per Mertesacker. Die Gäste waren etwas ratlos, wussten sie doch nicht, ob er, was den Spielaufbau betrifft, eher ein Mertesacker oder ein Badstuber ist. Er machte dann erstmal ein lustiges Tor und spielte einen feinen Pass auf Sami Khedira, der das 4:0 erzwang.
Holger Badstuber
Die Offensiventdeckung des Spiels. Spielte viele gute Pässe in die Spitze, einer davon führte zum 3:0. Das 5:1 köpfte er selbst. Durfte dafür auf der Pressekonferenz Joachim Löw ablösen und erzählen, dass er eigentlich nur froh ist, im Team zu sein.
Philipp Lahm
Musste mal wieder auf der von ihm weniger geliebten linken Seite ran und stachelte damit die Diskussion an, wo er denn nun wichtiger ist. Auf links jedenfalls kann er nicht nur nach innen ziehen und schießen, sondern mit dem besseren rechten Fuß auch klug-gefährliche Diagonalpässe in die Spitze spielen.
Sami Khedira
War wieder viel in Bewegung, wartet stets auf das Anspiel. Harmonierte erstaunlich gut mit seinem neuen Teamkollegen Mesut Özil. Wenn man ehrlich ist, Herr Ballack, ist er auch deswegen mittelfristig aus dem DFB-Team kaum noch wegzudenken.
Bastian Schweinsteiger
Nicht ganz so präsent wie sonst. Verzettelte sich einige Mal in unnötigen Dribblings, die zu Ballverlusten führten. Das wäre gefährlich gegen konterstärkere Teams. Für den deutschen Spielaufbau dennoch unerlässlich, weil er sich den Ball bei einem tief stehenden Gegner notfalls auch in der eigenen Hälfte abholt.
Lukas Podolski
Erfüllte bei seinem Heimspiel alle Erwartungen. Weckte mit drei Aktionen innerhalb weniger Minuten in Halbzeit eins sich, die Mannschaft und das Publikum auf. Toller Abschluss beim eigenen Tor, guter Sturmkumpel bei den Vorlagen zu Kloses Treffern.
Mesut Özil
Trottete in seinem typischen Schleppschritt über den Platz, den ihn auch José Mourinho nicht abgewöhnen wird. Wenn er aber mal beschleunigt, öffnet er Räume wie kein anderer. In einigen Situationen zu lässig, bei einem scharfen Pass von Podolski im gegnerischen Strafraum wollte er Grasflecken auf der Hose vermeiden.
Thomas Müller
Unauffälliger als sonst. Schien am meisten unter der Abwesenheit seines Bayern-Kumpels Philipp Lahm auf der rechten Seite zu leiden. Beteiligte sich aber trotzdem artig an den Kombinationen mit Özil, Schweinsteiger und Khedira.
Miroslav Klose
Spielt einen Ein-Mann-Sturm aus dem Fußballlehrbuch. Ist aus dieser Mannschaft derzeit nicht wegzudenken. Steht bei seinen eigenen Toren da, wo er stehen muss. Kreiert zudem durch intelligente, und teils selbst die Mitspieler überraschende Ablagen immens viele Torgelegenheiten.
Marko Marin
Wurde als ehemaliger Gladbacher und vermeintlicher Podolski-Konkurrent vom Kölner Publikum mit zarten Pfiffen bedacht. Fügte sich nahtlos ins deutsche Kombinationsspiel ein, ohne größere Torgefahr auszustrahlen.
Cacau
Galt vor der WM noch als ernsthafter Klose-Konkurrent. Mittlerweile sucht er seine Rolle, und seine Spielzeit. Gegen Aserbaidschan zu kurz auf dem Platz, um etwas zu bewegen.
Fazit: Ein gut herauskombinierter Sieg der deutschen Mannschaft. Verdient, auch in dieser Höhe. Nach den ersten zwanzig Minuten erspähte die DFB-Elf mehr und mehr Löcher in einer erschreckend schwachen gegnerischen Mannschaft. Positiv auch, dass die deutsche Nationalmannschaft auch nach der klaren Halbzeitführung weiter mit viel Spielfreude die Offensive suchte. Kurz gesagt: toll. Die Relativierung von all dem ist ein längeres Wort: Aserbaidschan. Es ging letztlich gegen nicht mehr als Berti Vogts Fußballentwicklungsland vom dem Kaspischen Meer.
- Datum 08.09.2010 - 13:12 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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