Vor nicht allzu langer Zeit haben sie ihn noch "Ghetto-Kid" gerufen. "In England haben sie mich wegen meiner Dummheiten in meiner Jugend so getauft", sagte Kevin-Prince Boateng kürzlich im Milan Channel . "Doch auf diese Vergangenheit und auch auf den Spitznamen bin ich gar nicht stolz."

Kevin-Prince Boateng will nicht mehr das raubeinige, schlampige Genie sein. Und es scheint, als habe er sich beim AC Mailand tatsächlich gewandelt. Auf jeden Fall hat er jetzt schon mal einen neuen Spitznamen. "Il treno senza freni" – "den Zug, den man nicht bremsen kann" – nennen die Mailänder ihren neuen Kollegen. Aufgebracht hat den Spitznamen der elegante Innenverteidiger Thiago Silva. Am Dienstagabend, in der Champions League gegen Real Madrid und Özil und Khedira, soll der Zug wieder rollen.

Tag für Tag verdient Boateng sich seinen neuen Beinamen derzeit. Der 23-Jährige rennt und schwitzt, hat aber auch gelernt, Stoppsignale zu registrieren. Zugunfälle mit Sanitätereinsatz werden aus den Stadien, in denen er losgelassen wird, nicht gemeldet. Boateng hat in Mailand sein altes Image abgestreift und ist zu einem funktionierenden Element einer immer homogeneren Mannschaft geworden. Mehr noch: Boateng, der seine Balance gefunden zu haben scheint, hat gemeinsam mit Zlatan Ibrahimovic den Charakter der einstigen Diventruppe verändert. Geradlinigkeit und Athletik sind die neuen Markenzeichen des AC Mailand.

Die Fans des Teams haben Boateng sogar schon als Erben ihres Lieblings Gennaro Gattuso ausgemacht. Er sei so robust und aggressiv wie der Kalabreser, besitze aber den feineren Fuß, meinen sie. Von Ronaldinho oder Andrea Pirlo schwärmt der gemeine Fan. Boateng jedoch, dieser virtuose Drummer in Milans Orchester voller Tenöre, ist die Gestalt, in der er sich am ehesten verkörpert sieht. Sprechchöre mit seinem Namen brandeten bereits in der Betonschüssel von San Siro auf, und der Berliner ist sichtlich bewegt davon.

Immer öfter erhält er beim AC Mailand – für ihn "der größte Klub der Welt, größer noch als Real oder Barcelona" – einen Platz im Mittelfeld und wird von Trainer Massimiliano Allegri zuweilen sogar im Dreiersturm neben Ibrahimovic und Ronaldinho aufgestellt. Für Allegri ist der Deutsch-Ghanaer längst eine feste Größe: "Er verleiht unserem Spiel mehr Kraft und Dynamik." Der Trainer brachte Boateng zuletzt gern in der zweiten Halbzeit, wenn der Elan der ersten Elf zu erlahmen drohte.

Gegen Real Madrid könnte der Mann mit der Rückennummer 27 sogar von Beginn an auflaufen. "Allegri braucht den Hammer Boateng, um Mourinhos Mauern einzureißen", prognostizierte die Gazzetta dello Sport vor dem heutigen Schlagerspiel. Pikant dürfte das Zusammentreffen mit den beiden Deutschen bei Real Madrid, Mesut Özil und Sami Khedira, werden. Beide waren auch Stützen der deutschen WM-Elf , die ohne ihren einstigen Anführer Michael Ballack die Welt verzauberte. Und in den Köpfen der meisten Zuschauer dürfte immer noch jenes Foul herumgeistern, mit dem Boateng im Mai die WM-Träume eben jenes Michael Ballack zerstörte.

Nun kann Boateng nach seiner starken Weltmeisterschaft für Ghana ein weiteres Mal vor internationalem Publikum beweisen, dass er sich gewandelt hat. Auf dem Feld, wo er inzwischen zu einem Torvorbereiter für Ibrahimovic geworden ist, aber auch in seinem Privatleben. In der Vergangenheit hat er mit Autospiegeltretereien mitten in der Nacht von sich reden gemacht, DFB-Sportdirektor Matthias Sammer hat ihm nach seiner Entscheidung für Ghana "charakterliche Defizite" hinterhergerufen.

In Mailand ist von ausgedehnten Discobesuchen, wie sie die Inter- und Milan-übergreifende Südamerikafraktion gern zelebriert, bei ihm nichts bekannt. "Ich habe Frau und Kinder", beschied er artig einem Reporter, der ihn mit den Schönheiten des Mailänder Nachtlebens locken wollte, "da werde ich doch nicht auf die Piste gehen." Es sieht so aus, als sei aus dem "Ghetto-Kid" tatsächlich ein Mann geworden.