Kevin-Prince BoatengVom Bösewicht zum Liebling der Fans

In Italien hat Kevin-Prince Boateng sein altes Image abgestreift. Und wurde zum Markenzeichen des neuen AC Mailand. Jetzt trifft er auf Özil und Khedira. Von T. Mustroph von Tom Mustroph

Gattusos Erbe: Kevin-Prince Boateng

Gattusos Erbe: Kevin-Prince Boateng  |  © Maurizio Brambatti/picture alliance/dpa

Vor nicht allzu langer Zeit haben sie ihn noch "Ghetto-Kid" gerufen. "In England haben sie mich wegen meiner Dummheiten in meiner Jugend so getauft", sagte Kevin-Prince Boateng kürzlich im Milan Channel . "Doch auf diese Vergangenheit und auch auf den Spitznamen bin ich gar nicht stolz."

Kevin-Prince Boateng will nicht mehr das raubeinige, schlampige Genie sein. Und es scheint, als habe er sich beim AC Mailand tatsächlich gewandelt. Auf jeden Fall hat er jetzt schon mal einen neuen Spitznamen. "Il treno senza freni" – "den Zug, den man nicht bremsen kann" – nennen die Mailänder ihren neuen Kollegen. Aufgebracht hat den Spitznamen der elegante Innenverteidiger Thiago Silva. Am Dienstagabend, in der Champions League gegen Real Madrid und Özil und Khedira, soll der Zug wieder rollen.

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Tag für Tag verdient Boateng sich seinen neuen Beinamen derzeit. Der 23-Jährige rennt und schwitzt, hat aber auch gelernt, Stoppsignale zu registrieren. Zugunfälle mit Sanitätereinsatz werden aus den Stadien, in denen er losgelassen wird, nicht gemeldet. Boateng hat in Mailand sein altes Image abgestreift und ist zu einem funktionierenden Element einer immer homogeneren Mannschaft geworden. Mehr noch: Boateng, der seine Balance gefunden zu haben scheint, hat gemeinsam mit Zlatan Ibrahimovic den Charakter der einstigen Diventruppe verändert. Geradlinigkeit und Athletik sind die neuen Markenzeichen des AC Mailand.

Die Fans des Teams haben Boateng sogar schon als Erben ihres Lieblings Gennaro Gattuso ausgemacht. Er sei so robust und aggressiv wie der Kalabreser, besitze aber den feineren Fuß, meinen sie. Von Ronaldinho oder Andrea Pirlo schwärmt der gemeine Fan. Boateng jedoch, dieser virtuose Drummer in Milans Orchester voller Tenöre, ist die Gestalt, in der er sich am ehesten verkörpert sieht. Sprechchöre mit seinem Namen brandeten bereits in der Betonschüssel von San Siro auf, und der Berliner ist sichtlich bewegt davon.

Immer öfter erhält er beim AC Mailand – für ihn "der größte Klub der Welt, größer noch als Real oder Barcelona" – einen Platz im Mittelfeld und wird von Trainer Massimiliano Allegri zuweilen sogar im Dreiersturm neben Ibrahimovic und Ronaldinho aufgestellt. Für Allegri ist der Deutsch-Ghanaer längst eine feste Größe: "Er verleiht unserem Spiel mehr Kraft und Dynamik." Der Trainer brachte Boateng zuletzt gern in der zweiten Halbzeit, wenn der Elan der ersten Elf zu erlahmen drohte.

Gegen Real Madrid könnte der Mann mit der Rückennummer 27 sogar von Beginn an auflaufen. "Allegri braucht den Hammer Boateng, um Mourinhos Mauern einzureißen", prognostizierte die Gazzetta dello Sport vor dem heutigen Schlagerspiel. Pikant dürfte das Zusammentreffen mit den beiden Deutschen bei Real Madrid, Mesut Özil und Sami Khedira, werden. Beide waren auch Stützen der deutschen WM-Elf , die ohne ihren einstigen Anführer Michael Ballack die Welt verzauberte. Und in den Köpfen der meisten Zuschauer dürfte immer noch jenes Foul herumgeistern, mit dem Boateng im Mai die WM-Träume eben jenes Michael Ballack zerstörte.

Nun kann Boateng nach seiner starken Weltmeisterschaft für Ghana ein weiteres Mal vor internationalem Publikum beweisen, dass er sich gewandelt hat. Auf dem Feld, wo er inzwischen zu einem Torvorbereiter für Ibrahimovic geworden ist, aber auch in seinem Privatleben. In der Vergangenheit hat er mit Autospiegeltretereien mitten in der Nacht von sich reden gemacht, DFB-Sportdirektor Matthias Sammer hat ihm nach seiner Entscheidung für Ghana "charakterliche Defizite" hinterhergerufen.

In Mailand ist von ausgedehnten Discobesuchen, wie sie die Inter- und Milan-übergreifende Südamerikafraktion gern zelebriert, bei ihm nichts bekannt. "Ich habe Frau und Kinder", beschied er artig einem Reporter, der ihn mit den Schönheiten des Mailänder Nachtlebens locken wollte, "da werde ich doch nicht auf die Piste gehen." Es sieht so aus, als sei aus dem "Ghetto-Kid" tatsächlich ein Mann geworden.

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Leserkommentare
    • RP24
    • 19. Oktober 2010 14:06 Uhr

    ..der "Deutsch-Ghanaer"

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Geboren und aufgewachsen in Deutschland. Später hat er gesehen, dass man (Sammer!) ihn in der Nationalelf nicht haben wollte. Also hat er sich auf seine Wurzeln besonnen und tritt eben für sein Heimatland an. Wo ist das Problem?

    Soll ein talentierter Fußballer nicht für ein Land antreten dürfen, nur weil man ihn von Seiten des DFB nicht hoch genug schätzte?

    Tipp: Lesen Sie mal diesen Artikel der Zeit!
    http://www.zeit.de/2010/2...

    KP Boateng ist nicht der Rowdy, zu dem er immer gemacht wird.

    • pawelz
    • 19. Oktober 2010 14:56 Uhr

    wann war er das denn nicht?

  1. Geboren und aufgewachsen in Deutschland. Später hat er gesehen, dass man (Sammer!) ihn in der Nationalelf nicht haben wollte. Also hat er sich auf seine Wurzeln besonnen und tritt eben für sein Heimatland an. Wo ist das Problem?

    Soll ein talentierter Fußballer nicht für ein Land antreten dürfen, nur weil man ihn von Seiten des DFB nicht hoch genug schätzte?

    Tipp: Lesen Sie mal diesen Artikel der Zeit!
    http://www.zeit.de/2010/2...

    KP Boateng ist nicht der Rowdy, zu dem er immer gemacht wird.

    • pawelz
    • 19. Oktober 2010 14:56 Uhr
    3. @ RP24

    wann war er das denn nicht?

    • Stinger
    • 20. Oktober 2010 9:42 Uhr

    Vor der WM wollte ihn nicht nur Sammer nicht in der Nationalelf haben, ganz Deutschland wollte ihn nicht. Das kaum jemand sein Talent hinter dem gesamten "Problemkind" Quatsch sah/sehen wollte, zeigt mal wieder wie unglaublich viele Fußballexperten in Deutschland vorhanden sind.
    Während der WM war er einer der herausragenden Akteure und bei Milan spielt er, wenn er auf dem Platz ist, sehr gut.

    Ich finde es immer noch schade, dass er nicht für Deutschland spielt. Aber wenn man mit sogenannten "Problemkindern" immer so handelt, wird das auch in Zukunft nicht geschehen.
    Ballack-Foul hin oder her. Da gibt es noch Fouls ganz anderer Sorte von "beliebteren" Spielern, da drückt jeder mal ein Auge zu...

  2. Ich finde es schön, dass Kevin-Prince Boateng bei sich angekommen zu sein scheint.
    Ich finde es schade, dass der DFB einem so talentierten Fussballer nicht die Zeit und den Rückhalt gegeben hat, die er gebraucht hat, um reifer zu werden.
    Ich finde es schade, dass dem deutschen Fussball dadurch solch ein Ausnahmetalent entgangen ist.

    Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich Deutschland immer mehr zum Land der Angepassten entwickelt.
    Und dass den unangepassten, querdenkenden und kreativen Menschen immer häufiger Steine in den Weg gelegt werden, so dass von diesen immer mehr Deutschland den Rücken kehren.

    Dies ist für mich eine ähnliche Situation, wie sie auch in dem folgenden Artikel geschildert wird.
    http://www.zeit.de/2010/4...

    Irgendwie verständlich.
    Trotzdem Schade.

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