NationalmannschaftDie rasanteste Elf der Welt

Nach dem letzten Pflichtspiel von 2010 kann die DFB-Elf zurückblicken. Nie zuvor machte eine Mannschaft in kurzer Zeit einen solchen Qualitätssprung. von 

Ohne Umwege zum gegnerischen Tor: Die deutsche Fußball-Nationalelf vor dem Spiel gegen die Türkei

Ohne Umwege zum gegnerischen Tor: Die deutsche Fußball-Nationalelf vor dem Spiel gegen die Türkei  |  © Joern Pollex/Bongarts/Getty Images

Es ist noch gar nicht so lange her, da endeten die Ausflüge an den Rand Fußball-Europas ernüchternd. Im Herbst 2003 musste sich der damalige Bundestrainer Rudi Völler einem TV-Reporter gegenüber setzen und ein dürftiges 0:0 auf Island erklären. Es wurde ein Interview, das noch heute gerne angeschaut wird. Weil Völler nur halbherzig seine Mannschaft verteidigte, stattdessen aber recht deutlich vermittelte, dass er diesen Käse, er meinte die Kritik an seinem Team, nicht mehr hören könne. Einmal losgelassen, klagte er den Reporter des übermäßigen Weizenbierkonsums an und erklärte, es könne doch keiner verlangen, dass man einen Gegner wie Island einfach so wegputze.

Nun ist nicht davon auszugehen, dass Joachim Löw ähnliches widerfahren wird. Zum ersten macht er nach außen einen ausgeglichenen, fast meditativen Eindruck. Zum zweiten ist er sehr wohl der Meinung, dass man einen Gegner wie Island auch wegputzen, also deutlich schlagen sollte.

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Oder einen Gegner wie Kasachstan. Im fernen Astana gewann die deutsche Nationalmannschaft 3:0. Dem Team genügt, und das ist neu und erwähnenswert, selbst ein mittelmäßiger Auftritt zu einem klaren Sieg. Der Erfolg war der Schlusspunkt unter das "Pflichtspieljahr" 2010. Im November wird der DFB-Tross zwar noch einmal zum Testspiel nach Schweden fliegen. Es ist aber davon auszugehen, dass Joachim Löw dieses Spiel beim Wort nehmen und den Schürrles und Holtbys seine Art, Fußball zu spielen, beizubringen versuchen wird.

Wer sich das erste Spiel des Jahres, eine holprige 0:1-Heimniederlage gegen Argentinien , anschaut, muss zu der Einschätzung kommen: Wohl nie zuvor gelang einer deutschen Nationalelf innerhalb eines Jahres ein solcher Qualitätssprung wie dem Team von Joachim Löw. Eine Mannschaft, die sich vor der Weltmeisterschaft nicht klar war, ob sie zu irgendwelchen Großtaten fähig ist, hat sich zu einem Team entwickelt, das mit seiner Art Fußball zu spielen, eine Klasse für sich ist.

Der Bundestrainer erzählte vor einigen Tagen , dass sie beim DFB die Zeit haben messen lassen, die dahin streicht, von der Ballannahme bis zum Abspiel. 2005 waren es demnach fast drei Sekunden, 2008 noch 1,7 und bei der Fußball-WM 1,1 Sekunden. Nur die Spanier waren schneller, sie spielten den Ball im Durchschnitt eine Zehntelsekunde früher ab, was den spanischen Ballzirkulanten, die auch gerne mal quer und quer und wieder quer spielen, leichter fallen dürfte.

Löw hat einen anderen Ansatz. Es soll möglichst schnell in die Tiefe, möglichst ohne Umwege in Richtung gegnerisches Tor gehen. Vor diesem Hintergrund sind die 1,1 Sekunden gar nicht hoch genug einzuschätzen. Man kann mit Recht behaupten: Wenn es denn läuft, spielt die deutsche Nationalelf derzeit den rasantesten Fußball der Welt.

Vor allem, weil sie die Spieler dazu hat. Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger sind in der Lage, durch Stellungsspiel und Zweikampfstärke, reihenweise Bälle zu gewinnen, die sie dann mit Höchstgeschwindigkeit in die Hochgeschwindigkeitszone weiterreichen. Dort warten der federne Mesut Özil und die auf den Seitenauslinien klebenden Lukas Podolski und Thomas Müller. Dann geht alles oft ganz schnell und der Ball landet irgendwie bei Miroslav Klose, der sich im DFB-Trikot seinen ganzen Vereinsfrust von der Seele schießen kann.

Mit dieser Art, Fußball zu spielen, erzielte die Mannschaft in einer schon beinahe mythischen Weltmeisterschaftswoche acht Tore und kegelte zwei Favoriten, England und Argentinien, aus dem Wettbewerb. Mit dieser Art, Fußball zu spielen, begeisterte sie in Südafrika den Rest der Fußballwelt. Und mit dieser Art, Fußball zu spielen, startete sie mit vier Siegen aus vier Spielen perfekt in die EM-Qualifikation. Dass diese Mannschaft tatsächlich einmal ein Spiel verlieren kann, erscheint von Erfolg zu Erfolg undenkbarer. Es sei denn, es geht gegen Spanien.

Das alles führte dazu, dass sich in den vergangenen Monaten etwas Besonderes über die Nationalelf und ihr Umfeld gelegt zu haben scheint. Es ist überall. In den Pressekonferenzen, in der Zone, in der sich Spieler und Reporter treffen. Und natürlich auch auf dem jeweiligen Rasenplatz, auf dem sich die Akteure augenblicklich befinden. Viele Fachfremde möchten auch etwas von diesem besonderen Geist abhaben. Bundespräsident Wulff holt ihn sich ins Schloss Bellevue, die Kanzlerin Angela Merkel sucht ihn direkt in der Spielerkabine.

Der Bundestrainer hat sich derweil einen Status erarbeitet, der es ihm erlaubt, selbst den DFB-Präsidenten Theo Zwanziger zappeln zu lassen. Damals, nach der WM, als es um seine Vertragsverlängerung ging. Im Augenblick denkt man, Fußball-Deutschland würde es Joachim Löw auch zugestehen, einfach mal nur mit zehn Spielern aufzulaufen. Er wird schon wissen, was er tut.

Wäre da nicht der Fall Michael Ballack, Joachim Löw könnte sorgenfrei wie ein erleuchteter Buddhist ins neue Jahr gehen. Doch der frühere Kapitän, um den es in den vergangenen Wochen verletzungsbedingt seltsam still geworden ist, möchte noch immer gerne dazugehören. Ob er, der in der Vergangenheit zwar durch Präsenz, aber auch durch Spielverschlepperei auffällig wurde, in das Hochgeschwindigkeitskonzept passt?

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Leserkommentare
  1. ...werden sich genügend finden die immer wieder was zu meckern haben und es eh besser machen würden...leider...

    • Jenss
    • 13. Oktober 2010 14:05 Uhr

    Ballack hat auf jeden Fall herausragende Qualitäten, aber ich frage mich schon, ob der plötzliche Erfolg und die gänzlich andere Spielweise gerade wegen des Fehlens von Ballack nun so zum Tragen kommt.

    • Fex2009
    • 13. Oktober 2010 14:39 Uhr

    .
    Halten wir noch einmal fest:

    Rudi Völler wurde 2002 WM-Zweiter (ohne Ballack).

    Kliensmann wurde nur Dritter!

    Löw wurde nur Dritter!

    Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf zynische Kommentare. Danke. Die Redaktion/km

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    meinte ich...bloß alles schlecht reden...

    Meine Güte, wir sind dritter der Weltrangliste, hinter den Niederlanden und Spanien...

    Warum freut sich niemand darüber???

    • dacapo
    • 13. Oktober 2010 15:49 Uhr

    Das gab's schon oft genug, dass bestspielenste Mannschaften keinen Pott gewonnen hatten. Zwei Beispiele seien erwähnt, beide aus den 70-ern. Als Nationalmannschaft die niederländische Mannschaft, als Vereinsmannschaft Borussia Mönchengladbach, die teilweise den schönsten Fußball in Europa gespielt hatte.

    Was meinen Sie mit sexueller Belästigung?

    Auch der Dritte hat bei den genannten Turnieren nur ein wichtiges Spiel verloren, und zwar gegen den Ersten. Also genau so wie der Zweite. Wo ist da der Unterschied? Es ist doch toll, bei einer WM nur gegen den zuküftigen Weltmeister verloren zu haben, egal ob man dann dritter oder zweiter wurde. Einen Leistungsunterschied kann ich da nicht ablesen.

  2. Es stellt sich ja nicht nur die Frage, ob Ballacks Leistung für die Nationalmannschaft ausreicht.
    Vielmehr ist zu befürchten, dass er das gute Klima in der Mannschaft negativ beeinflußt. Er sollte besser nicht mehr spielen.

  3. meinte ich...bloß alles schlecht reden...

    Meine Güte, wir sind dritter der Weltrangliste, hinter den Niederlanden und Spanien...

    Warum freut sich niemand darüber???

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    • dacapo
    • 31. Dezember 2010 16:52 Uhr

    In einem sind die Deutschen, um was auch immer gehen mag, die Weltmeister, also an der ersten Stelle: sie sind die besten Nörgeler, fast unschlagbar.

  4. [...]

    Der Artikel hat mir eigentlich gut gefallen, wäre das nicht der letzte Abschnitt. Warum muss man immer und immer wieder das Thema Ballack ausgraben? [...] Lasst den Jungen doch erst mal wieder gesund werden und dann werden die entscheidenden Personen schon das Richtige tun.

    Davon zu sprechen, dass Joachim Löw wegen Ballack derzeit nicht sorgenfrei ist, halte ich blanken Unsinn.

    Zum Spiel kann ich sagen, dass es mir insgesamt gut gefallen hat. Es war kein Zauberfussball zu erwarten, aber es ist beruhigend und schön zu sehen, dass das Team die WM-Form mitgenommen hat und auch gegen ein keinesfalls zu unterschätzendes Team aus Kasachstan unter den gegebenen Umständen (4000km-Flug, Zeitverschiebung, Kunstrasen etc. - jeder der selbst hobbymäßig Fussball spielt weiß was sowas ausmachen kann) in der Lage ist solche Spiele - bis auf wenige Ausnahmeminuten - souverän für sich zu entscheiden.

    Mit ein bisschen Glück hätten schon in der ersten Hälfte zwei, drei Tore fallen können, wenngleich ein stärkeres Team die Fehler der DFB-Elf möglicherweise bestraft hätte.

    @Fex2009:
    dann schauen Sie sich doch mal die "Erfolge" der DFB-Elf vor 2002 an... gut, dass wir darüber gesprochen haben!

    Danke für ein tolles Fussballjahr an das deutsche Team!

    Gekürzt. Bitte bemühen Sie sich um eine sachliche Wortwahl. Danke. Die Redaktion/ag

    • Fex2009
    • 13. Oktober 2010 14:56 Uhr

    .
    gefühlsmäßig Weltmeister.

    Wie gesagt, dritter eben.

    Und dann kommen die ganzen politischen Looser und wollen sich im Glanz des Teams sonnen!

    Am Ende machen die uns noch den Spaß am Sport kaputt!

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    ...ist daran so schlimm?

    Und warum negativieren sie "dritter" so? Dritter bei einer WM zu sein (und das in Folge) ist für mich eine Leistung...dritter in einer Rangliste von 203 Manschaften zu sein, ist für mich auch eine Leistung...

    Wenn das für Sie zu wenig ist, sollten Sie enmal über ihre Wahrnehmung nachdenken...

    • Fex2009
    • 13. Oktober 2010 15:10 Uhr

    .
    warum haben Sie seine Ausführungen zensiert?

    Hat er das Wort "Rumpelfußball" benutzt?

    Ich hätte das gern mal gelesen, denn ich bin auch Fan von Rudi Völler.....

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