Olympiade Die deutsche Schachkrise
Die Schacholympiade ist ein Reinfall für den Schachbund. Seine besten Spieler hat er verprellt, die Nominierung eines Fide-Präsidenten endete im Schwächeanfall.
© Ralf Hirschberger/picture alliance/dpa

Schachfiguren während der Schacholympiade in Dresden 2008 (Archiv)
Alle vier Jahre kann es sich bezahlt machen, einen Schachverband zu führen. 25.000 Euro sind bei den Wahlen des Weltschachbundes (Fide) für eine Stimme gefordert und angeblich auch bezahlt worden. 54 und damit mehr als ein Drittel der gewerteten Stimmen wurden beim Kongress im russischen Chanti-Mansisk nicht persönlich abgegeben, sondern entfielen auf Vollmachten. Zahlreiche Delegierte, die in der sibirischen Ölstadt gesichtet wurden, waren zum Abtreten ihres aktiven Wahlrechts bereit.
Vor allem dank afrikanischer und asiatischer Stimmen ist der bereits seit 1995 an der Spitze stehende russische Provinzpolitiker Kirsan Iljumschinow bis 2014 im Präsidentenamt bestätigt worden. Die mehrheitliche Unterstützung der wenigen mitgliederstarken Schachnationen hat seinem Herausforderer Anatoli Karpow nicht gereicht.
Wie kaum ein anderer Verband hatte der Deutsche Schachbund (DSB) den früheren Weltmeister Anatoli Karpow unterstützt. Weil umstritten blieb, welcher der beiden Kandidaten von seinem eigenen russischen Verband für die Wahl gemeldet wurde, nominierte der DSB den ihm und dem Schachklub Hockenheim als Ehrenmitglied verbundenen Karpow. Zusammen mit vier weiteren Verbänden klagte der DSB außerdem beim Internationalen Sportgericht in Lausanne gegen Iljumschinows Nominierung. Die Sportrichter mahnten die Fide zwar, ihre Regularien deutlicher zu formulieren, wiesen die Klage aber zurück.
In der Vollversammlung in Chanti-Mansisk kündigte Fide-Schatzmeister Nigel Freeman dem DSB eine Schadensersatzklage über eine Million Franken an und drohte, gegen dessen Präsident Robert von Weizsäcker auch persönlich vorzugehen. Mehrmals bat der Sohn des früheren Bundespräsidenten, darauf antworten zu dürfen. Als ihm das Wort entzogen wurde, klappte er entnervt zusammen. Darauf legte der die Versammlung führende Fide-Vizepräsident Georgios Makropoulos verbal nach: Von einem Träumer, der Karpows Lügen glaubte, sei nichts anderes zu erwarten, als dass er schwach auf den Beinen sei.
Von Weizsäcker konnte nicht länger am Kongress teilnehmen. So war er abwesend, als über den Vorsitz in der Europäischen Schachunion, für die er chancenlos kandidierte, abgestimmt wurde. Mittlerweile ist er aber wieder auf den Beinen. Und laut Karpow hat Iljumschinow versprochen, auf juristische Forderungen gegen Verbände zu verzichten.
Nicht nur politisch sondern auch sportlich ist Chanti-Mansisk ein Reinfall für das deutsche Schach. Spielten die deutschen Großmeister bei der vorigen Schacholympiade 2008 in Dresden bis kurz vor Schluss bravourös vorne mit, sind sie in Chanti-Mansisk chancenlos. Während die Ukraine vor der zehnten von elf Runden an diesem Freitag vor Gastgeber Russland und Frankreich führt, liegt das deutsche Team auf Platz 33.
Ein Ergebnis, das sogar noch über den Erwartungen liegt: Nach den Weltranglistenzahlen der Spieler ist die deutsche Mannschaft auf Rang 42 eingeordnet. Es ist nämlich nur eine C-Auswahl am Start, weil sich der DSB mit seinen Profis gehörig verkracht hat.
- Datum 01.10.2010 - 15:26 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Egomanie ist eine unter Schachprofis weit verbreitete Krankheit. In kaum einem anderen Bereich des Sports wird soviel gestritten, wie bei den Schachspielern. Auch Kasparow und Karpov haben in der Vergangenheit zur Bestätigung dieser Behauptung beigetragen. Keine (oder kaum eine) Weltmeisterschaft in der Schachgeschichte konnte ohne gravierende Auseinandersetzungen geplant und durchgeführt werden.
Für die Annahme, dass Karpov der bessere Fide-Chef wäre gibt es kaum stichhaltige Gründe. Ließe man ausschließlich die Profis wählen, würden allein finanzielle Gesichtpunkte den Ausschlag geben.
Interessant ist übrigens das Foto der Figuren "während der Dresdener Olympiade" Der feierliche Gesichtsausdruck der Bauern ist schon beieindruckend!
Handelt es sich wirklich nur um eine „deutsche“ Schachkrise? Anscheinend nicht, wenn man zum Beispiel der schonungslosen Kritik Kasparows an den Umständen der Fide-Wahlen folgt. Für ihn ist klar, daß die Interessen der Schachspieler und der sich abschottenden Funktionärsclique um Iljumschinow auch international schon seit langem auseinander driften.
Insidern ist bekannt, daß es sich hier um einen schon Jahrzehnte andauernden Prozeß handelt, an dem auch Gallionsfiguren wie Karpow und Kasparow, die geläuterten Demokraten, nicht ganz unschuldig waren. Wenn Karpow derzeit auch noch öffentlich überlegt, ob er ein Angebot Iljumschinows annehmen soll, als dessen Vize-Präsident zu agieren, so verheißt dies wenig Gutes. Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie Karpow den Apparat von innen auf „Glasnost“ umpolen will. Die demokratisch orientierten Schachverbände sollten endlich Schluß machen mit dieser Schmierenkomödie und den einst ruhmreichen Weltverband Fide für tot erklären zugunsten eines Neuanfangs. - Im Zuge einer solchen Neuorientierung ließe sich dann vielleicht auch der derzeit schlingernde Schach-Tanker DSB mit seinen 100.000 Mitgliedern wieder auf einen vernünftigen Kurs bringen. Es bedarf offenkundig auch einer Korrektur an dessen viel zu konturlosen und anscheinend unzeitgemäßen Schachkonzepten. Mit wiedergewonnener Seriosität ließe sich dann vielleicht auch potentiellen Geldgebern vermitteln, warum sich ein Sponsoring für sie langfristig lohnen könnte.
Vielleicht würde sich das Getue mal legen, wenn im Westen nicht nur das politisch durchgedrückte Schach bekannt wäre, sondern auch das aus Asien stammende Go, welches dem Schach in Eleganz, Strategie, Vielseitigkeit und sogar Alter bei weitem überlegen ist. Als langjähriger Schachspieler bin ich meinem Freund der mich ins Go einführte zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet. Ich erinnere mich immer noch gerne an meine Schachzeit, doch würde ich es dank meiner Kenntnis des Go-Spiels nun eher als Zeitverschwendung ansehen.
Auch würde ich zur Unterstützung der gesamtheitlichen geistigen Entwicklung schon jedem Kind im frühen Alter das Go-Spiel nahelegen, etwas, was ich beim Schach niemals wirklich in Erwägung gezogen hatte.
Ich habe 2 sehr talentierte schachspielende Buben mit hohem Potenzial. Aber was die FIDE da seit Jahren veranstaltet, hat mich zu einem wichtigen Schachzug geführt: Ohne uns.
"Wo ist Deutschland?" war meine erste Frage, als ich zuerst auf die Ergebnisse der Schacholympiade geschaut habe. "Wo sind unsere Top-Spieler?" war die zweite. Danke für die Hintergrundinformationen. Das Ganze sieht für das deutsche Schach aus wie eine Verluststellung. Aber machen wir weiter, durch Aufgeben wurde noch nie eine Partie gewonnen.
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