Das Schlüsselwort fiel beim Frisör. "Der Enke ... ", begann der Kunde seinen Satz. Der Haarschneider schnitt und nickte. Dann unterhielten sich die beiden minutenlang über das Schicksal des Nationaltorwarts, erzählten von eigenen depressiven Krankheitsphasen und fragten sich, was sich in einem Jahr nach dem Selbstmord Robert Enkes geändert habe.

"Nix", sagte der eine. Der andere schwieg. Beide bemerkten nicht, dass sie sich die wahre Antwort längst gegeben hatten. Dass sie sich eine halbe Stunde lang wie selbstverständlich über eine oft verschwiegene Krankheit unterhalten hatten.

Alles ist geblieben, wie es war. Könnte man meinen. Im Augenblick der Fassungslosigkeit um den Tod des Torwarts sollte der Profifußball, der Sport – ach, am besten die ganze Gesellschaft –, menschlicher werden. Vor einem Jahr erlebten wir die größte Trauerfeier, die es in diesem Land seit Adenauers Tod gab. Wer sich all das Getöse, die übergroßen Erwartungen heute in Erinnerung ruft, der spürt die Enttäuschung.

Ja, es stimmt: Auch ein Jahr nach Robert Enkes Tod traut sich kein aktiver Fußballprofi offen über seine Depression zu reden. Auch im Herbst 2010 ist der Konkurrenzkampf auf den Bürofluren der Dax-Unternehmen nicht herzlicher geworden. Auch heute muss ein Selbstständiger um jeden bezahlten Auftrag kämpfen. Ein Jahr wandelt keine Gesellschaft.

"Wir können nicht erwarten, dass sich in der Einstellung der Nichtdepressiven, die uns einfach nicht verstehen können, etwas ändern wird", kommentierte einer von etwa sechs Millionen Menschen, die in Deutschland an einer Depression oder an einem Burn-Out-Syndrom leiden, auf ZEIT ONLINE.

Nach dem Suizid Robert Enkes suchen wir nach dem, was sich geändert hat. Weil wir gern anders leben wollen als wir können. Wir beklagen beim Frisör den Leistungsdruck im Job, wollen, dass sich gut bezahlte Fußballer ihren Ängsten stellen oder schreiben Artikel, in dem wir ein allgemeines Umdenken fordern.

Ratschläge, Forderungen, gut gemeinte Belehrungen sind leicht ausgesprochen. "Gönne Dir Ruhe!", "Mach mal langsam!", "Höre auf Deinen Körper!" Schöne Worte, aber der Einzelne kann nicht ruhiger machen, wenn er sich in einem System abhastet, dessen Sinn darin besteht, schneller als andere zu sein.