Thomas Hitzlsperger "Ängste sind bei vielen Spielern normal"

Ein Jahr nach Robert Enkes Selbstmord spricht Thomas Hitzlsperger über die Biografie des Torwarts, Druck im Fußballgeschäft und Veränderungen im Umgang mit Depressionen.

Der Nationalspieler Thomas Hitzlsperger im Trikot seines ehemaligen Vereins VfB Stuttgart

Der Nationalspieler Thomas Hitzlsperger im Trikot seines ehemaligen Vereins VfB Stuttgart

ZEIT ONLINE: Herr Hitzlsperger, Ronald Rengs Buch über das Leben Robert Enkes wird von vielen Kritikern gelobt. Stimmen Sie zu?

Thomas Hitzlsperger: Ja. Rengs Buch ist keine gewöhnliche Fußballer-Biografie. Es geht eben nicht darum, mit irgendwelchen Spielern abzurechnen oder Skandale zu veröffentlichen. Es geht um Robert und um seine Krankheit, die ihn dazu brachte, Selbstmord zu begehen. Auch darum, wie schwer es für seine Frau war, mit Robert zusammenzuleben, weil er enormen Druck verspürte und krank war. Andere Biografien sind weniger offen und ehrlich was die eigenen Schwächen betrifft, weil es nach dem Buch problemlos weitergehen soll.

ZEIT ONLINE: Das Buch erzählt auch viel über die Versagensängste Robert Enkes. Gehören diese zum Beruf eines Profifußballers dazu?

Hitzlsperger: Natürlich. Man muss sich immer neu behaupten, man will besser werden. Wenn Spieler jung sind, dann sehen sie die Chance, in großen Stadien zu spielen, berühmt zu sein. Aber die Ängste kommen oft erst später. Manche schaffen es, die Schattenseiten komplett auszublenden, spielen meist ohne Sorgen. Manche nehmen sich jedoch zu viel zu Herzen und sorgen sich um ihre Position. Ängste sind bei vielen Spielern ganz normal.

ZEIT ONLINE: Wer Ängste und Schwächen hat, wird doch sowieso zeitig aussortiert und kann die Karriere vergessen, oder?

Hitzlsperger: Nein, das ist nicht so. Wir Spieler haben die Möglichkeiten, Ängste in den Griff zu bekommen. Trainer, Kollegen, Partner oder Psychologen: das Angebot ist groß und den meisten gelingt es auch, Ängste zu überwinden.

Alles Außer Fußball

Alles außer Fußball ist die Kolumne von Katja Kraus, Corny Littmann, Thomas Hitzlsperger und Arne Friedrich. Alle zwei Wochen geben wir während der Bundesliga-Saison einem das Wort. Die vier sollen und wollen nicht das Tagesgeschäft kommentieren, klassische Fußballerkolumnen gibt es genug. Alles außer Fußball ist der Versuch, Fußballer Fußball als gesellschaftliches Phänomen betrachten zu lassen. Littmann, Hitzlsperger, Friedrich und Kraus wollen ihre Meinung sagen, beispielsweise zu den Herausforderungen der Bundesregierung, zum Alltag in der Bundesliga und darüber, wie das zusammenhängen kann.

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ZEIT ONLINE: Ist es nicht so, dass es manchmal der Karriere sogar hinderlich ist, wenn ein Spieler mit einem Kollegen über Ängste, Schwächen spricht. Für Robert Enke war es undenkbar, etwa mit seinem Torwartkollegen in Mönchengladbach zu reden.

Hitzlsperger: Mit meinem Konkurrenten würde ich auch nicht darüber sprechen. Man hat ja ein Gespür, mit wem man über gewisse Dinge reden kann, wem es vielleicht ähnlich ergeht. In einer Mannschaft gibt es nicht nur Konkurrenten, auch Menschen, denen man vertrauen kann. Das Fußballbusiness ist hart, aber nicht ohne Gefühle.

ZEIT ONLINE: Wie sehr definieren Sie sich über Ihren Beruf?

Hitzlsperger: Ich gebe mein Bestes und will unbedingt gewinnen, aber mein Selbstwertgefühl hängt nicht alleine von Sieg und Niederlage ab, denn sonst lebe ich nur noch in Extremsituationen; zwischen maximaler Freude und extremen Frust.

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ZEIT ONLINE: Was hat Sie in dem Buch überrascht?

Hitzlsperger: Die Fußballwelt kenne ich so, wie sie beschrieben ist. Aber da ich bis dato gar nichts über Depression wusste, habe ich diese Krankheit durch das Buch etwas besser verstanden. Man hat nicht einfach nur Ängste, eine Depression ist lebensgefährlich. Robert hat sich schon nach dem zweiten Schub vor den Zug gelegt, das hat mich überrascht.

ZEIT ONLINE: Robert Enke scheute sich davor, seine Depression in einer Klinik behandeln zu lassen. Ist es ein Tabu, sich als Profi als Depressiver zu outen?

Leser-Kommentare
  1. sehr vernünftige Antworten. Nur sind ja Depressionen nicht allein auf die wenigen Fußballprofis beschränkt. Das Mobbing, das in vielen Betrieben herrscht und erheblich mehr an Krankheiten produziert, wird ja auch weitgehend ausgeblendet und kommt nur bei extremen Fällen in die Medien. Die Erziehung zum "Viel Geld verdienen" lockt halt sehr unfertige Charaktere an und die sollten psychologisch betreut werden. Aber bitte auf Kosten der Vereine, die sie ausbilden und oft überfordern.

  2. 4. lesen!

    Ein sehr sachliches, ausgewogenes Interview.

    Die Enke-Biographie - da kann ich Herrn Hitzlsperger nur zustimmen - ist übrigens unbedingt empfehlenswert. So leise, würdevoll und eindringlich, dass ich das Gefühl hatte: Ein Buch sagt mehr als 1000 Zeitungsartikel.

  3. zu outen- ich spreche leider aus Erfahrung- man ist innerlich derart verschlossen daß man sich in seine eigene eigene Welt abschottet und es nicht schafft das Gespräch zu suchen- die Hemmschwelle ist zu groß- dabei ist ein Gespräch unter Freunden m.E. 1000mal hilfreicher als ein steriler pragmatischer Psychotherapeut mit seinen Standardvorschlägen....ghen sie doch mal schwimmen ect...- manche Ärzte murmeln auch nur ....Depression aha...und flugs steht man gleich wieder mit einem Packen Rezepten für "erhellende Antidepressiva" auf dem Flur- mich hat dieses Zeugs nur noch depressiver gemacht und als ich es nach Monaten absetzte hab ich gezittert wie Espenlaub und konnte für ein paar Tage überhaupt nicht mehr richtig laufen- macht man den Fehler und spricht gar über Suizidgedanken landet man flugs auf unbestimmte Dauer in der Psyche wo man nur mit Neuroleptika zugedröhnt und "stillgestellt" wird- Gespräche bekommt man dort keine- Depression ist eine völlig unterschätzte und gefährliche Krankheit von der man allgemein nichts wissen will- weil man soll ja alles nur positiv sehen und gut drauf sein- ist halt nicht für jeden so- mich hat der Suizid von Enke sehr bewegt und auch traurig gemacht weil ich nachempfinden kann daß man so weit geht- mich haben bisher Schutzengel davor bewahrt und ich versuche mit kleinem Erfolg etwas dagegen zu tun - es gibt Hilfsangebote über Tel. und Net- daß kann in harten Phasen überlebenswichtig sein und hilft in schlimmen Stunden

  4. Dass Depressionen z.T. schon zur Volkskrankheit gehören sagt er natürlich nicht, weil er halt nur über Fußballer redet.
    Dass bei Arbeitslosen oder auch jungen Menschen die ihr Ziel verfehlen auch Depressionen auftreten zeigt sich ja an der Welle von Gewalt und vielen Selbstmorden oder ja auch Morden.
    Auch ich habe chron.Schmerzen und Depressionen, mir hilft manchmal Gartenarbeit die ich leider höchstens 2 Std.mit Schmerzmittel überstehe weil meine Bandscheiben kaputt sind.
    Ich würde gerne voll arbeiten und bewundere die Zähigkeit und Fitness z.B. bei Strasssen und Bauarbeitern wie die klotzen und bin dann genauso neidisch und depressiv drauf, wie ein Fußballspieler der ewig auf der Bank schmort weil er beim Trainer unten durch ist. Fußball ist ein brutales Terrain und ich kann verstehen dass wer länger verletzt ist und nicht mehr spielen kann,Depressionen bekommt.
    Man kann sich aber auch ohne therap.Hilfe da raus holen indem man mit vertrauten Freunden spricht, das ist für mich eher hilfreich als ein Therapeutengefasel was einen nicht weiterbringt.

  5. Wie kommen sie dazu meinen alten Nicknamen zu verwenden ?
    Unter dem wurde ich von der Zeit schon gesperrt und verwende ihn nur noch auf facebook. Sehr eigenartig..........

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