Gleich im ersten Jahr wurde Louis van Gaal mit dem FC Bayern Double-Sieger und zog ins Champions-League-Finale ein. Nach langem Warten hat er den Club in kürzester Zeit in die internationale Spitze zurückgeführt. Und das – vereinsuntypisch – hauptsächlich mit jungen Spielern. Sicher mag er mit seiner Sturheit in Transferfragen und Spielerauswahl dazu beigetragen haben, dass es in der Bundesliga derzeit nicht rund läuft. Aber Zweifel an seiner Fachkompetenz verbieten sich.

Die Kritik von Uli Hoeneß muss persönlich begründet sein. Insider berichten schon lange, dass sich van Gaal von den Gernewichtigen Hoeneß und Rummenigge und den Stoibers und Markworts in den Vip-Tribünen nichts sagen lässt. Eigentlich ist Gehorsam eine Voraussetzung, um Bayern-Trainer sein zu dürfen. Van Gaals Vorvorgänger Ottmar Hitzfeld beispielsweise hat sich manchmal erniedrigen lassen, bis ihm die Wangen einfielen.

Van Gaal hingegen schreckt nicht vor Attacken auf seine Chefs zurück. Auch nicht davor, Rummenigge im Flugzeug in die letzte Sitzreihe zu schicken. Er ist der Trainer, also der Boss im Verein, meint er. Hoeneß sieht sich als Vater des FCB mit Schutzauftrag. Bevor er zur öffentlichen Generalkritik ausgeholt hat (die sicher auch eine "innenpolitische" Bedeutung hat), musste er sich wohl lange auf die Zunge beißen.

Hoeneß ist für den Aufstieg des FC Bayern zur Weltmarke verantwortlich, er hat seinem Unternehmen zudem das Familiäre bewahrt. Durch eine sportliche Leitidee ist er nie auffällig geworden, Taktik hält er für überschätzt. Zur Erinnerung: Hoeneß hätte van Gaal im November 2009 Jahr fast entlassen, im Mai 2010 wäre der FCB fast Europapokalsieger geworden. So viel zum Thema Weitsicht.

Das Erfolgsmodell Hoeneß ist das von Dagobert Duck: kaufen, kassieren, kaufen. Hauptsache, der FC Bayern hat die besten und teuersten Spieler. Sein ehemaliger Mitspieler Jupp Kapellmann sagte über ihn: "Der ist halt ein Schwabe, der verkauft auch seine Großmutter." Van Gaal gewinnt aber dank einer Spielidentität, nicht dank wirtschaftlicher Potenz. Teure Stars verlangt er nicht, lehnt sie gar ab, wenn sie Zicken machen. Van Gaal hat sein eigenes Modell, man könnte auch sagen, er versteht mehr vom Fußball als Hoeneß. Und er zeigt das offen.

Van Gaal mag ein skurriler, autokratischer Trainer sein. Luca Toni soll er buchstäblich an den Ohren gezogen haben, um ihm Tischmanieren beizubringen. Unter Jürgen Klinsmann durfte sich die italienische Stürmerdiva noch beim Vorstand ausheulen, van Gaal lässt das nicht zu. Doch kann er im Umgang mit seinen Spielern nicht viel falsch gemacht haben. Seine Spieler nehmen seinen schrägen Humor in Kauf. Dass er der Presse, aber auch dem Vorstand und dem Präsidenten die Stirn bietet, wird seine Autorität unter den Profis zusätzlich stärken.

Vor allem aber schätzen sie seine Arbeit, sein Training. Auch dank van Gaal wurden Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller zu WM-Stars, Holger Badstuber zu einem Nationalspieler. Zum ersten Mal seit den Siebzigern befruchtet der Rekordmeister die deutsche Nationalmannschaft.

Zum ersten Mal seit dieser Zeit gewinnt der Verein, nicht nur der beliebteste im Land, sondern auch der meistgehasste, Sympathien über seine Grenzen hinweg. Der Grund heißt van Gaal, weil er jugendlichen, offensiven Fußball spielen lässt. Weil der Holländer ein Fußballlehrer ist, von dessen Sorte es in Deutschland wenige oder sogar gar keinen gibt. Hat der FC Bayern van Gaal überhaupt verdient?

Lesen Sie auch die Erwiderung auf diesen Kommentar von Christian Spiller:Louis van Gaal – besoffen vor Selbstliebe!