Sportgeschichte Carl Diem, Sportpionier oder Nazi?

Er war der Gründungsvater des organisierten deutschen Sports. Doch die Rolle von Carl Diem in der Nazizeit ist umstritten. Jetzt eskalierte der Streit.

2004 wurden die Buchstaben vom Dach der Würzburger Carl-Diem-Halle geholt. Sie trägt jetzt den Namen eines deutschen Modeunternehmens.

2004 wurden die Buchstaben vom Dach der Würzburger Carl-Diem-Halle geholt. Sie trägt jetzt den Namen eines deutschen Modeunternehmens.

Es ist die Gretchen-Frage des deutschen Sports. Wie würdigt man angemessen einen Mann, der die Olympischen Spiele 1936 in Berlin organisierte, der das Sportabzeichen einführte, der als Initiator der deutschen Sportwissenschaft gilt? Einen Mann, der aber auch den nationalsozialistischen Machthabern im "Dritten Reich" diente und zum Ende des Zweiten Weltkriegs 14-jährige Pimpfe mit einer Rede in den sinnlosen "Endkampf" um Berlin schickte?

Im Umgang mit Carl Diem, der von 1882 bis 1962 lebte, wird über das kulturelle Erbe des deutschen Sports befunden. Deshalb wird die Debatte um seine Person seit vier Jahrzehnten mit großer Leidenschaft geführt. In den vergangenen Monaten eskalierte dieser Historikerstreit noch einmal – ironischerweise ausgehend von einer wissenschaftlichen Diem-Biographie. Eigentlich sollte diese Arbeit alle drängenden Fragen beantworten.

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Das Urteil des Verfassers, des Oberhausener Zeithistorikers Frank Becker, lässt kaum Raum für Zweifel. Diems berühmte "Sparta-Rede" im März 1945 bezeichnet er nach eingehender Analyse als "Durchhalterede". Becker wies auch antisemitische Äußerungen Diems in seinen Tagebüchern und Briefen nach. Im Kaiserreich beschimpfte Diem in Tagebucheinträgen Juden als "Semitenbande". Und schon in der Endphase der Weimarer Republik, so Becker, habe Diem seine politischen Fühler zur NSDAP ausgestreckt.

Becker belegte zudem, dass Diem bereits 1943 über den Holocaust informiert war. Und für die Zeit nach 1945 konstatiert Becker, habe Diem weder Reue gezeigt, noch sei er bereit gewesen, sich mit seinem Verhalten während der NS-Zeit auseinanderzusetzen. Stattdessen habe der Funktionär sich stets als Opfer des Hitlerregimes stilisiert und für Freunde, sogar für solche, die in der SS gedient hatten, ohne Bedenken "Persilscheine" ausgestellt.

Schon in den vergangenen Jahren bekamen Schulen, Turnhallen und Straßen, die nach Carl Diem benannt waren, andere Namen. Würzburg, die Geburtsstadt Diems, tilgte seinen Namen aus dem Stadtbild. Auch in Köln, Sitz der von Diem gegründeten Sporthochschule, setzte ein Bezirk trotz massiver Proteste seitens der Sportuniversität eine Umbenennung des Carl-Diem-Weges durch. Kein Wunder, dass sich viele Kommunen nach Erscheinen der Biographie nun erneut mit diesem Thema befassen. Kürzlich beschloss Münster, dass der Name Diem nicht als Vorbild taugt.

In Auftrag gegeben wurde die neue Studie vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), der Deutschen Sporthochschule Köln und der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Doch trotz des eindeutigen Urteils ihres Verfasser sah deren Projekt-Beirat keinen Anlass, Straßenumbenennungen vorzunehmen. Eine Revision des Geschichtsbildes von Carl Diem sei nicht nötig, heißt es in einer zweiseitigen "Empfehlung", die nun der DOSB bei entsprechenden Anfragen verschickt. Diem sei weder Nationalsozialist, Rassist noch Antisemit gewesen, auch seien Diem keine moralisch verwerflichen Entscheidungen während der NS-Zeit nachzuweisen.

Leser-Kommentare
  1. Diese Randfigur der Zeitgeschichte ist seit fast 50 Jahren tot. Besonders berauschend sind die Erkenntnisse auch nicht ("Becker belegte zudem, dass Diem bereits 1943 über den Holocaust informiert war.")....

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  2. Warum ist das wichtig? Warum geht nicht beides.

    Es kann und sollte doch auch heute möglich sein das man auch mit fragwürdiger Parteizugehörigkeit große Verdienste in anderen Bereichen hatte.
    Fällt denn ein großer unpolitischer Verdienst gleich weg wenn man während dieser Zeit "nur" in der Partei war oder so?

    Es gibt in dieser Zeit so viel herrausragende Persönlichkeiten auf deren Wissen wir heute noch Aufbauen (siehe Raumfahrt, Fahrzeugbau, Medizin, Technik, Computer, Luftfahrt...) die zwar politisch das System gestützt und genutzt hatten deren Person und Erfindungen/Entdeckungen aber unabhängig davon wichtig waren und sind.

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  3. ... alle Kritiker mit der Gnade der späten Geburt in jener Zeit gesprochen und gehandelt hätten. Wie heißt es doch: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

  4. 4. na ja

    wenn wir uns abgewöhnen, strassen und plätze nach personen zu benennen, brauchen wir anschließend keine studien, ob die person es auch unter abwägung aller äußerungen wert war, aufs strassenschild zu kommen.

  5. Vielleicht wäre es langsam an der Zeit, die 12 Jahre des Nationalsozialismus als Teil der deutschen Geschichte und damit auch als Teil damaliger Biographien anzusehen, anstatt sich immer und immer wieder "Politischen Korrektheit"s-Exzessen hinzugehen, bis auch der letzte Name getilgt ist. Und diejenigen, die hier billigen Beifall suchen, mögen sich doch lieber die Frage stellen, die Bernhard Schlink in seinem Roman "Der Vorleser" die KZ-Aufseherin Hanna den vorsitzenden Richter fragen lässt: "Was hätten sie denn gemacht?" Heute, in der bundesdeutschen Gemütlichkeit, ist's leicht, "Farbe zu bekennen", das große Wort zu führen! Der Nationalsozialismus und seine Verbrechen waren ein Betriebsunfall der Geschichte, wie er immer wieder vorkam und vielleicht auch in Zukunft vorkommen wird, die Menschen aber, die damals lebten, waren weder bessere noch schlechtere Menschen als jene, die heute leben, Geschichtswissenschaftler und Vergangenheitsbewältiger aller politischen Lager eingeschlossen. Das ist nun einmal die Banalität des Bösen.

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  6. Da muss ich meinen Vorrednern aber widersprechen. Ich glaube schon, dass es große qualitative Unterschiede gibt in der Art, wie man Schuld auf sich laden kann. Eine große Gleichmacherei ist aus meiner Sicht nicht hilfreich. Zumal sich Diem anscheinend auf seinem eigenem Feld disqualifiziert hat. Wer seine Vorbildfunktion als Sportfunktionär dazu nutzt, in den letzten Kriegswochen 14jährige Jungen anzustacheln in einen sinnlosen, fanatischen "Endkampf" zu ziehen, und sich auch im Nachhinein nicht davon distanziert, kann aus meiner Sicht schlecht in heutigen Zeiten als "großer Sportfunktionär" gelten, nach dem wir Gebäude oder Straßen nennen.

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