Fußball-WM 2022"Katar ist ein Vorreiter"

50 Grad, kaum Fans. Die umstrittene WM-Bewerbung Katars wurde in Deutschland entwickelt. Im Interview verteidigen die Planer ihre Vision von der WM in der Wüste. von 

In Katar freut man sich auf die Fußball-WM 2022

In Katar freut man sich auf die Fußball-WM 2022  |  © Marwan Naamani/AFP/Getty Images

Die Pläne für die erfolgreiche WM-Bewerbung Katars stammen aus Frankfurt. Die Gesamtkoordination des 700 Seiten starken und fünf Kilo schweren Bewerbungsbuches lag in den Händen des Frankfurter Büros Proprojekt, das auch die Münchner Bewerbung um Olympia 2018 konzipiert. Das Architekturbüro Albert Speer & Partner hat die Bewerbung mit entwickelt und acht der zwölf WM-Stadien entworfen. Im Interview reden der Projektplaner Stefan Klos und der Architekt Joachim Schares über ihre Vision von einer WM in der Wüste.

ZEIT ONLINE: Herr Klos, Herr Schares, wenn Sie einem Fan erklären sollten, warum er 2022 nach Katar fahren soll, was sagen sie ihm?

Stefan Klos: Dem würde ich sagen, dass er nicht alle Vorurteile, die er bisher über Katar hatte, glauben soll. Wenn man genau hinschaut, ergeben sich für den Fan viele Vorteile. Er kann aufgrund der kurzen Wege bis zu drei Spiele pro Tag ansehen, hat nur eine Fanzone, in der sich alle treffen. Die Flugkosten sind im Hinblick auf die Konkurrenten auch überschaubar.

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ZEIT ONLINE: Schwitzen wird er.

Klos: Ja, es wird sehr heiß. Wir reden von Temperaturen um die 45 Grad. Deswegen haben wir nicht nur für die Stadien, sondern auch für die Trainingsplätze und auch für das Fanfest Kühlungstechnologien entwickelt, die ausschließlich auf erneuerbaren Energien beruhen. Das war uns sehr wichtig.

ZEIT ONLINE: Ist die Technologie, auf der ein Großteil des WM-Konzepts beruht, ausgereift?

Joachim Schares: Die Technologie kann man durchaus als ausgereift bezeichnen. Für den Besuch der Fifa-Inspekteure haben wir ein kleines Stadion aufgebaut, mit einer Kapazität von etwa 500 Plätzen. Wir hatten am Tag 42 Grad Außentemperatur und haben das Stadion mit solarer Energie auf 25 Grad herunter kühlen können. Wir können also von optimalen Bedingungen ausgehen.

ZEIT ONLINE: Die deutsche Ingenieurskunst in allen Ehren, aber wäre es nicht einfacher gewesen, die WM in ein Land mit Normalklima zu vergeben?

Klos: Das wäre es. Aber warum sollte man von vornherein ausschließen, dass der Fußball in Länder kommt, die in der tropischen Klimazone liegen?

Schares: Es wäre vermessen, all diese Länder von vornherein auszuschließen. Deshalb hat der Ansatz, neue Märkte zu entdecken, diese Diskussion nach unserer Auffassung zu Recht dominiert.

ZEIT ONLINE: Wenn man eine solche WM in der Wüste plant, mit aufwendiger Klimatechnologie, mit Stadien, die nach der WM abgebaut, verschifft, und anderswo wieder aufgebaut werden, denkt man da manchmal: Das ist doch eigentlich eine Schnapsidee?

Klos: Wir hatten am Anfang die gleichen Vorurteile, mit denen wir jetzt konfrontiert werden. Dann haben wir uns über ein Jahr mit dieser Bewerbung beschäftigt und sie merken an unserer Überzeugung, dass wir technische Lösungen für jedes einzelne dieser Probleme gefunden haben. Was die Stadien angeht: Wenn man auf diesem Weg nach der WM '22 Fußballstadien für Entwicklungsländer mit Kapazitäten zwischen 5.000 und 15.000 Zuschauern schaffen kann, sollte eigentlich kein Fußballfan was dagegen haben.

ZEIT ONLINE: Es geht, also wird es gemacht. Soll das die Begründung für die Entscheidung sein?

Klos: Nein, die Begründung ist nicht die Durchführbarkeit. So etwas das erste Mal durchzuführen, erfordert sehr viel Forschung und technischen Aufwand, und Katar kann sich das leisten. Wir gehen davon aus, dass wir dadurch Technologien schaffen, die es auch anderen ärmeren Ländern ermöglicht, eine ganzjährige Fußballliga zu etablieren und Großsportveranstaltungen durchführen zu können. Die WM '22 hat da eher Labor- oder Modellcharakter. Katar nimmt eine Vorreiterrolle ein.

ZEIT ONLINE: Aber die Fans haben Angst vor einer Retorten-WM wo soll die Begeisterung herkommen?

Leserkommentare
  1. ... wie viel verdienen Sie denn an diesem Projekt?

    6 Leserempfehlungen
  2. Fehlanzeige!
    "Haben sie was zu verbergen oder warum ist die Mappe nicht öffentlich?"
    "Nein, haben wir nicht."
    "Oh, ok. Dann andres Thema.."
    Statt die Frage zu konkretisieren, warum sie dann nicht öffentlich ist.
    Natürlich bin ich auch beeindruckt wie der Umweltschutz durch erneuerbare Energien, das zu einer grünen WM machen wird. Bin mir sicher die Produktion all dieser Anlagen und Stadien, wird kaum Abfälle hinterlassen..

    Symptomatisch find ich die komplette Unwissenheit, ob bei der Vergabe gemauschelt worden sei. Wer wirklich von seinem Projekt und Arbeitsgeber überzeugt ist, würde an diesem Punkt widersprechen.

    Meiner Meinung nach wurde die WM nach Katar NUR aus Geldgier der FIFA und ihrer Mitglieder getätigt. Die "sicheren" Ausrichter sind seit Deutschland nichtmehr dabei. Südafrika, Brasilien, Russland und Katar. Brasilien und Russland kann man fußballerisch vertreten, den Rest nicht. Ich hätte es den Niederlanden und Australien gegönnt, aber wer weiß. Für nen Scheck würde ich meine Meinung vielleicht auch ändern...

    4 Leserempfehlungen
    • an-i
    • 09. Dezember 2010 14:34 Uhr

    ...wieviel energie hat die herstellung der technologie zu kühlung der stadien und fanmeile verbraucht? scheiß egal!!! haupsache spass, ist geil, nee? nach uns die sintflut...
    das nächste projekt sind dann die winterspile in kuwait, oder?
    was ihr da macht ist bodenloser schwachsinn, und gehört bestraft werden.

    3 Leserempfehlungen
  3. Einmal von den Vergaberichtlinien, dem System "FiFa", Blatter & co. und den "Machern" abgesehen ist diese Bewerbung ein schlechter Witz, der leider zeigt wie realitätsfremd Menschen handeln.
    Natürlich könnte man auch die Fankultur in Katar als Einwand gelten lassen, aber schon rein ökologisch ist das reiner Irrsinn - Ökonomie siegt hier zügellos über Ökologie.
    Hier wird also ein schweißtreibender Sport in einem Wüstenstaat veranstaltet, ein immenser Aufwand ist nötig um diese WM durchführen zu können, denn die Spiele können ja nur klimatisiert stattfinden. Technisch ist das sicher eine tolle Herausforderung und Hochtief kann u.a. sein know-how einsetzen, aber ökologisch (auch wenn es sicher größere ökologische Probleme gibt) ist das schlichtweg Irrsinn. Man veranstaltet ja auch keine Ski-WM in Saudi Arabien - oder noch nicht?
    Und die kühleren Monate sind wohl für die europäischen Public-Viewing Betreiber und damit auch für die FiFa nicht erwünscht.

    Also auf der einen Seite Klimawandel (mit vielen Ursachen) an dem sehr viele Menschen leiden, die wir nicht so oft sehen. Auf der anderen Seite eine Sportmaschine die damit ein falsches Zeichen setzt.

    Aber der Sport wird dem deutschen Fussballfan wichtiger sein, der geht lieber für ein paar Bäume demonstrieren, die für einen Bahnhof fallen und unterstützt lieber das System FiFa.
    "Katar21" als Protestkultur, also einfach mal wegschauen, nicht zum Public-Viewing rennen, das ist hier leider UNDENKBAR......

    2 Leserempfehlungen
  4. Ich persönlich sehe hier - auch wenn es Klos in seinem letzten Satz vehement abstreitet - ein Plädoyer der Wirtschaft für depotische politische Systeme, das Seinesgleichen sucht.

    Zitat:

    "Klos:Wir hatten in Katar mit dem Sohn des Emirs einen Chairman, der eine unglaubliche Macht- und Entscheidungsbefugnis hat, sich aber trotzdem mit uns an die Arbeitsplatte gesetzt hat und über jedes Detail, nach offener Diskussion, sehr abgewägte Entscheidungen getroffen hat. In München ging es darum, ein funktionierendes Konzept mit etwa 250 Beteiligten abzustimmen, und in Katar ging es darum, mit einem Beteiligten ein funktionierendes Konzept zu entwickeln."

    In einer Demokratie muss man mit Vielen reden und ihnen auch zuhören. In einer Despotie redet man mit EINEM und folgt allein seinen Wünschen - der Rest wird mit Polizei und Miliär "überzeugt".

    2 Leserempfehlungen
  5. ... neue Märkte erschließen...

    Hat die FIFA eigentlich auch berücksichtigt wieviel Markt sie durch die Entscheidung für Katar in den etablierten Märkten verliert/verlieren wird???

    Der Markt "ICH" ist jedenfalls weg und ich denke das ich als Einzelner unbedeutend bin... aber garantiert bin ich kein Einzelfall sondern ein Teil einer ziemlich großen Summe.

    Zukünftige FIFA-Veranstaltungen sind mir Schnuppe und nicht mehr existent!

    2 Leserempfehlungen
  6. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/er

  7. Ich finde es gut, dass Katar den Zuschlag bekommen hat. Vielleicht hilft die Ausrichtung der WM dort, dass wirklich die Vorurteile gegenüber den Ländern des Mittleren Osten abgebaut werden. Es wäre wünschenswert.

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    Frau Bettina M., bitte bleiben Sie bei der Wahrheit:
    Solange in den islamischen Staaten weder Andersgläubige noch Atheisten und auch keine Frauen rechtlich gleichgestellt sind,kommt es Ihnen nicht zu von Vorurteilen zu sprechen. Vielmehr erfolgt die Kritik an diesen Zuständen völlig zu Recht. Und es ist überhaupt nicht wünschenswert, wenn die Kritik aufhört. Das gilt für die Länder wie für die religiösen Organisationen, die diese Zustände zu verantworten haben. Ja es gilt sogar für jeden einzelnen, der sich nicht eindeutig von diesen Zuständen distanziert. Das ist auch bei Ihnen leider unterblieben.

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  • Schlagworte Fifa | Fußball-WM | Katar | Bewerbungsmappe | Stadion | Technologie
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