ZEIT ONLINE: Herr Lames, Sie erforschen den Anteil des Zufalls im Fußball. Kann man ihn messen?

Martin Lames: Wir haben über 2500 Tore analysiert, bei etwa zweien von fünfen ist Zufall im Spiel.

ZEIT ONLINE: Das klingt viel. Wie definieren Sie Zufall?

Lames: Ein zufälliges Tor bedeutet, es geht auf nicht geplante oder nicht planbare Ereignisse zurück. Dafür haben wir in unserer Forschergruppe sechs Merkmale herausgearbeitet: Der Schuss wird abgefälscht, dem Torschuss geht ein Abpraller voraus, der Ball berührt Pfosten oder Latte, der Torwart berührt den Ball stark, das Tor wird aus sehr großer Distanz erzielt oder der Ball kommt vom Gegner. Wenn mindestens eins dieser Merkmale erfüllt ist, sprechen wir von Zufall.

ZEIT ONLINE: Aber eine Mannschaft muss doch erstmal in oder an den gegnerischen Strafraum gelangen, um einen Abpraller oder einen Abfälscher zu verursachen. Dorthin kommt sie doch nicht zufällig.

Lames: Dafür gibt es natürlich Strategien, uns kommt es aber auf das Zustandekommen von Toren an.

ZEIT ONLINE: Ich würde ja gerne widersprechen, habe aber noch das verrückte 3:5 der Bayern in Stuttgart im Kopf. Mindestens drei der Bayern-Tore haben ihrer Definition gleich in mehreren Punkten entsprochen.

Lames: Aber die Tore müssen nicht immer so kurios sein wie in diesem Spiel, um als Zufallsprodukt deklariert zu werden. Ich habe den Schalker 2:0-Sieg gegen Bayern vor wenigen Wochen vor Augen. Bei beiden Toren half der Zufall, ein Mal war es der Pfosten, ein Mal bekam sogar der Flankengeber den Ball vom Gegner.

ZEIT ONLINE: Schalke hat bloß Glück, jetzt haben wir es von der Wissenschaft bestätigt.

Lames: Halt, Glück und Zufall sind zwei verschiedene Dinge. Ein Glückstreffer ist zum Beispiel, wenn ein Fußballer, der seine Talente vor allem im Verteidigen hat, einen schweren Volley im Tordreieck versenkt. Dieses Lotterieglück hat er nur ein Mal im Leben. Aber Zufall ist das nicht, denn es ist geplant gewesen, Absicht.

ZEIT ONLINE: Hängt denn der Anteil des Zufalls mit dem Niveau der Spieler zusammen, spielt der Zufall im Amateurfußball eine größere Rolle?

Lames: Das ist eine komplexe Frage, die wir uns auch stellen, zu der aber keine Daten vorliegen. Ich gehe aber davon aus, dass die Quote gleich hoch ist, weil es eine Balance zwischen Abwehr und Angriff geben sollte. Allerdings scheint es im Längsschnitt Verschiebungen zu geben. Seit 1994 führen wir Studien durch, seitdem hat der Zufall in der Kategorie "Interaktion mit dem Gegner" deutlich abgenommen. Wir nehmen an, weil die Raumdeckung perfektioniert wurde und mittlerweile überall praktiziert wird. Dennoch ist die Summe der Zufallstore konstant.

ZEIT ONLINE: Wie das?

Lames: Die Zahl der Distanztore im Fußball hat zugenommen. Das liegt an den Flatterbällen. Distanztoren geht fast immer ein Stück Zufall voraus.

ZEIT ONLINE: Geht man weg vom einzelnen Spiel und hin zu einer ganzen Saison, erhöht man also die Stichprobe, reduziert sich dann die Komponente Zufall?

Lames: Der Zufall gleicht sich im Prinzip über eine Saison aus, das kann aber nicht für den Einzelfall prognostiziert werden. Siehe die Hoffenheimer, die in diesem Jahr ständig in der Nachspielzeit die Punkteernte verhagelt bekommen. Das sind die Unwägbarkeiten des Matchverlaufs, der Zufall ist blind.

ZEIT ONLINE: Schaut man auf die aktuelle Tabelle, könnte man meinen, dass der Zufall sehr wohl auch auf ganze Hinrunden großen Einfluss hat.

Lames: Na ja, die Statistik hat auch dafür eine Erklärung: Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Tabelle und den Spielerabstellungen für die WM – und zwar derzeit einen negativen. Je mehr Spieler ein Verein für die WM abgestellt hat, desto schlechter steht er da. Um genau zu sein galt das bis November. Inzwischen hat sich dieser Trend berappelt. In der Abschlusstabelle der Vorsaison war das übrigens noch gegensätzlich, da beobachteten wir einen positiven Zusammenhang: Je mehr WM-Spieler, desto besser die Platzierung, etwa bei Bayern oder Schalke.