Unter Theo Zwanziger änderte sich alles. Dirk Brüllau sagt, im deutschen Fußball gebe es zwei Zeitalter. Eines vor und eines nach dem Jobantritt Zwanzigers als Präsident des Deutschen Fußballbundes (DFB). Brüllau ist Sprecher des Queer Football Fanclubs (QFF), des Dachverbandes der mittlerweile 22 schwul-lesbischen Fanclubs in Deutschland.

Homosexuelle Fans, die wurden vom DFB vor Zwanzigers Amtsantritt 2005 bestenfalls toleriert. Doch dann kam ein Wandel. Einige Male hat sich Brüllau bereits mit dem DFB-Präsidenten getroffen, um zu erörtern, was gegen die immer noch vorhandene latente Homophobie in deutschen Stadien zu machen sei. Es waren Gespräche, die Brüllau davon überzeugten, dass es Zwanziger um mehr geht als um politische Korrektheit: "Er hat den Kampf gegen Homophobie zur Chefsache gemacht und den DFB beim Thema Homosexualität aus dem Mittelalter in die Neuzeit gebracht."

In den vergangenen Wochen wird sich Brüllau jedoch gefühlt haben wie in frühere, dunklere Zeiten versetzt. Zeiten, in denen sich der leidenschaftliche FC-Bayern-Fan auch in Deutschland nicht ins Stadion traute. Noch immer sind dort oft verletzende Schmähgesänge gegen Schwule zu hören. Doch sollte der 47-Jährige in elf Jahren zur Weltmeisterschaft fahren, müsste er weitaus Schlimmeres befürchten.

2022 wird die Fußball-WM in Katar ausgetragen. Dort wird eine homosexuelle Handlung – unabhängig vom Geschlecht – nach dem Gesetz mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Auch vor Ausländern machen die Richter nicht halt. Ein US-Amerikaner erhielt 1996 für ein "Delikt" sechs Monate Haft und 90 Peitschenhiebe.

Kein Wunder, dass die deutschen und internationalen Homosexuellenverbände sich über die WM-Vergaben der Fifa empören. Auch in Russland, Gastgeber der WM 2018, gehört Gewalt gegen Homosexuelle zum Alltag. Erst seit 1993 ist gleichgeschlechtliche Liebe dort straffrei. "Bei der Vergabe ging es nur ums Geld. Für die Menschenrechte hat sich keiner interessiert", sagt Klaus Heusslein, der Kopräsident des Internationalen Fußball-Verbandes der Schwulen und Lesben (IGLFA).

Heusslein hat einen offenen Brief an den Fifa-Präsidenten Sepp Blatter verfasst, gemeinsam mit den wichtigsten europäischen Sport-, Fußball- und Fan-Verbänden Homosexueller. Darin heißt es: "Mit der Wahl Katars hat die Fifa die homosexuelle Gemeinschaft von dem wichtigsten Fußball-Ereignis mehr oder weniger ausgeschlossen." Die WM-Entscheidung verdeutliche einmal mehr die Ignoranz der Fifa, sagen die Vertreter. Und die fängt beim zweitwichtigsten Sportverband der Welt ganz oben an.

Nach der Entscheidung für Katar beeilte sich Sepp Blatter, die Freunde des Alkohols zu beruhigen: Ganz sicher werde es alkoholische Getränke geben, sagte er. Für homosexuelle Fans hatte er zunächst nur Spott übrig. "Ich denke, sie sollten bei der WM jegliche sexuellen Aktivitäten unterlassen", sagte Blatter unter Gelächter.

Nach heftigen Protesten von Fans und Sportlern entschuldigte sich Blatter zwar. "Es war nicht meine Intention und es wird niemals meine Intention sein, jemanden zu diskriminieren", sagte er. Doch reicht das aus?

"Es zeigt einfach, wie wenig Blatter verstanden hat", sagt Louise Englefield, die Kopräsidentin des europäischen Dachverbands schwuler und lesbischer Sportler (EGLSF). "Es geht uns nicht darum, Sex zu haben, sondern darum, nicht verfolgt zu werden." Auch Brüllau überzeugt Blatters Entschuldigung nicht. "Allein, dass er das Wort schwul oder lesbisch nicht in den Mund nimmt, sondern von einer bestimmten Gruppe spricht, sagt alles über seine Haltung aus."