Thomas Hitzlsperger "In fünf bis zehn Jahren gibt es die 50+1-Regel nicht mehr"

Bosman, Abramowitsch, Hopp: Der Fall Hoffenheim wird die Bundesliga ändern. Wie in England wird die Macht der Investoren zunehmen, sagt Thomas Hitzlsperger im Interview.

Thomas Hitzlsperger im Trikot von West Ham

Thomas Hitzlsperger im Trikot von West Ham

ZEIT ONLINE: Herr Hitzlsperger, wenn Sie 100 Millionen Euro auf dem Konto hätten, würden Sie sich einen Fußballverein kaufen?

Thomas Hitzlsperger: Nein, mein Geld würde ich dafür vermutlich nicht hergeben. Ich bin lange genug im Fußballgeschäft und weiß, wie schwierig es ist, den Laden mit allen Spielern und dem Trainer zusammenzuhalten. Wer sein Vermögen da reinsteckt, geht ein großes Risiko ein.

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ZEIT ONLINE: Wir wollen über die 50+1-Regel reden. Können Sie diese nur in Deutschland gültige Vorschrift erklären?

Hitzlsperger: Kein Investor darf eine Stimmenmehrheit bei einem Fußballclub erwerben und kann somit auch nicht alleine entscheiden, obwohl er vielleicht die Mehrheit des Kapitals besitzt. In England dagegen ist es durchaus üblich, dass Privatpersonen einen Club kaufen und über alles, was im Verein passiert, entscheiden.

ZEIT ONLINE: Sind Sie für die 50+1-Regel?

Alles Außer Fußball

Alles außer Fußball ist die Kolumne von Katja Kraus, Corny Littmann, Thomas Hitzlsperger und Arne Friedrich. Alle zwei Wochen geben wir während der Bundesliga-Saison einem das Wort. Die vier sollen und wollen nicht das Tagesgeschäft kommentieren, klassische Fußballerkolumnen gibt es genug. Alles außer Fußball ist der Versuch, Fußballer Fußball als gesellschaftliches Phänomen betrachten zu lassen. Littmann, Hitzlsperger, Friedrich und Kraus wollen ihre Meinung sagen, beispielsweise zu den Herausforderungen der Bundesregierung, zum Alltag in der Bundesliga und darüber, wie das zusammenhängen kann.

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Hitzlsperger: Ich sage nicht, dass die Regel gut oder schlecht ist. In England funktioniert es auch ohne sie. Die Liga boomt, es kommen viele Zuschauer und das Interesse ist nach wie vor riesig. Aber in Deutschland ist es ähnlich, nur mit einem anderen System. In der Bundesliga gibt es ein großes Bewusstsein für die soziale Aufgabe des Fußballs, es gibt großen Widerstand, wenn es um die Kommerzialisierung des Fußballs geht. Letztlich funktionieren beide Systeme.

ZEIT ONLINE: Durfte Dietmar Hopp einen Spieler hinter dem Rücken des Trainers verkaufen?

Hitzlsperger: Er hätte das nicht gedurft, aber wie das im Detail abgelaufen ist, kann ich nicht beurteilen. Aber diesen Vorgang wird die Deutsche Fußball Liga (DFL) überprüfen, wenn es Unstimmigkeiten gegeben hat. Und so sollte es auch sein.

ZEIT ONLINE: Wie lange wird es die 50+1-Regel noch geben?

Hitzlsperger: Vielleicht sind wir in einer Übergangsphase, in der die 50+1-Regel kippt, und Dietmar Hopp die Person des Wandels darstellt. Davor sind schon Bosman und Abramowitsch zum Synonym für den Wandel im internationalen beziehungsweise englischen Fußball geworden. In Wolfsburg oder Leverkusen ging es in der Vergangenheit womöglich ähnlich wie in Hoffenheim zu, doch dort hatte man nie eine Person, an der man die Kritik festmachen konnte. Dietmar Hopp ist eine Einzelperson, die mit viel Geld einen Verein nach oben gebracht hat und daher polarisiert. Wenn die Entwicklung so weiter geht, gibt es in fünf bis zehn Jahren die 50+1-Regel nicht mehr.

ZEIT ONLINE: Freuen Sie sich darauf, wenn dann RB Leipzig in der Bundesliga spielt?

Hitzlsperger: Mein Herz schlägt weder für dieses Unternehmen noch für diesen Verein. Für die Fans eines Clubs, der von Red Bull quasi übernommen wird, ist es natürlich nicht leicht.

ZEIT ONLINE: Erklärt sich aber nicht gerade am Beispiel Leipzig das Dilemma der 50+1-Regel? Wenn ein Investor, der den unterklassigen Verein bis in die Bundesliga führen kann, in eine fußballverrückte Gegend kommt, freuen sich die Menschen. Der wird aber kein Geld geben, wenn er nicht auch entscheiden darf.

Hitzlsperger: Genau das ist es. Viele Leute kritisieren diese Investoren – bis sie zum eigenen Verein kommen. Die Frage ist: Will ich den Erfolg und verkaufe dafür vielleicht meine Seele, oder bleib ich mir treu und bin mit der vierten Liga zufrieden? In England merke ich, dass die Investoren der guten Stimmung keinen Abbruch getan haben. Die Fans wollen unbedingt Erfolg und die besten Spieler. Wenn guter Fußball gespielt wird, freuen sich plötzlich alle. Dennoch gibt es immer wieder kritische Stimmen, wie zuletzt bei Liverpool oder Manchester United.

ZEIT ONLINE: Manchester City gehört einem Scheich, Chelsea gehört einem Russen, die Queens Park Rangers gehören Berni Ecclestone. Ist es ein anderes Gefühl in so einer Show der reichen Männer mitzuspielen?

Hitzlsperger: Nein, wer der Besitzer des Clubs ist, spielt für mich keine Rolle. Aber wenn man gegen einen Verein wie Manchester City mit lauter Weltstars spielt, ist das schon was Besonderes. Es motiviert einen noch einmal. Wer die Stars bezahlt, ist in dem Moment egal.

Leser-Kommentare
  1. ...den Vereinen, die von der TSG Hoffenheim und dem kommenden Star Red Bull - ups - RasenBallsport Leipzig aus dem Profibetrieb verdrängt werden?

    In strukturschwachen Regionen arbeiten sich tausende Menschen den Arsch wund, um überhaupt mal oben aufzutauchen - und freuen sich dann wie die Kinder.

    Und plötzlich marschiert ein Verein, aus dem Nichts kommend, an ihnen vorbei und verrängt sie in untere Ligen.

    Der Maßlosigkeit menschlichen Verhaltens Einhalt zu gebieten wurde die 50+1-Regel eingeführt. Nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung, wo die guten menschlichen Eigenschaften im Vorderung stehen sollen - und nicht die schlechten. Geld, Geld, Geld - die Gier nach Ruhm.
    [...] Unsere deutsche Nachwuchsförderung funktioniert doch tadellos!

    Bitte achten Sie auf eine sachliche Wortwahl. Danke. Die Redaktion/lv

  2. Es ist doch gar nicht bewiesen, sondern nur von schwachen Journalisten behauptet, dass Hopp hier alleiniger Entscheidungsträger war. Vielmehr bestand Rangnick auf weitere Finanzspritzen von Hopp - also auf die Weiterführung englischer Verhältnisse, denn der Verein schreibt faktisch sehr rote Zahlen. Dass Hopp in Absprache gegensteuert, auch wenn das den Verlust des besten SPielers bedeutet, finde ich begrüßenswert und ist ein krasser Gegensatz zu den "englischen" Machenschaften. Ich finde die 50+1 Regel durchaus sinnvoll. Und ich denke nicht, dass beide Systeme funktionieren. Springt Scheich XY ab, ist der Verein innerhalb eines Monats pleite. Das ist hierzulande wohl nicht so (wobei da mehr Transparenz gefordert werden müsste).

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  3. haben wir in der Bundesliga keine englischen Verhältnisse!

    Es kommt langfristig der Attraktivität der gesamten Liga zugute, wenn beispielsweise ein Aufsteiger an einem guten Tag alle CL-Teilnehmer schlagen kann.

    Spätestens wenn Dietmar Hopp die Lust an seiner TSG "1899" verliert, wird dieses Produkt wieder dahin versinken, wo es ehrlicherweise hingehört: in die absolute Bedeutungslosigkeit.

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  4. zu verdanken. So lange kann er gar nicht Geld zuschießen, bis Traditionen und Fans einen Verein von selber oben halten.

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    und deshalb ist das Traditionsargument ein unhaltbares. Wenn man Hopp und Hoffenheim überhaupt etwas vorwerfen kann, dann dass sie lokale Konkurrenten wie den SV Waldhof Mannheim regelrecht leergekauft haben. Aber das hat der FC Bayern Münschen vor rund 15 Jahren auch mit dem Karlsruher SC gemacht - damals blieb das große Geschrei aus, weshalb ich vielen Schreihälsen von heute Doppelzüngigkeit vorhalte. Außerdem hinkt der Vergleich zwischen Hopp/Hoffenheim und RB Leipzig, weil Hoffenheim eben nicht SAP Hoffenheim heißt und deshalb nicht als reiner Werbeklub des Besitzers fungiert, wie der vom Brausehersteller gekaufte Amateurverein aus der Nähe von Leipzig. Ich werde sicher nie ein Fan der TSG Hoffenheim sein, aber eine faire Beurteilung steht diesem Klub wie jedem anderen zu.

    und deshalb ist das Traditionsargument ein unhaltbares. Wenn man Hopp und Hoffenheim überhaupt etwas vorwerfen kann, dann dass sie lokale Konkurrenten wie den SV Waldhof Mannheim regelrecht leergekauft haben. Aber das hat der FC Bayern Münschen vor rund 15 Jahren auch mit dem Karlsruher SC gemacht - damals blieb das große Geschrei aus, weshalb ich vielen Schreihälsen von heute Doppelzüngigkeit vorhalte. Außerdem hinkt der Vergleich zwischen Hopp/Hoffenheim und RB Leipzig, weil Hoffenheim eben nicht SAP Hoffenheim heißt und deshalb nicht als reiner Werbeklub des Besitzers fungiert, wie der vom Brausehersteller gekaufte Amateurverein aus der Nähe von Leipzig. Ich werde sicher nie ein Fan der TSG Hoffenheim sein, aber eine faire Beurteilung steht diesem Klub wie jedem anderen zu.

  5. Jahren Schnee von gestern.

    Die Gier der tollen Investoren, die an ihrem Drang hoffentlich ersticken, höchstwahrscheinlich auch.

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  6. und deshalb ist das Traditionsargument ein unhaltbares. Wenn man Hopp und Hoffenheim überhaupt etwas vorwerfen kann, dann dass sie lokale Konkurrenten wie den SV Waldhof Mannheim regelrecht leergekauft haben. Aber das hat der FC Bayern Münschen vor rund 15 Jahren auch mit dem Karlsruher SC gemacht - damals blieb das große Geschrei aus, weshalb ich vielen Schreihälsen von heute Doppelzüngigkeit vorhalte. Außerdem hinkt der Vergleich zwischen Hopp/Hoffenheim und RB Leipzig, weil Hoffenheim eben nicht SAP Hoffenheim heißt und deshalb nicht als reiner Werbeklub des Besitzers fungiert, wie der vom Brausehersteller gekaufte Amateurverein aus der Nähe von Leipzig. Ich werde sicher nie ein Fan der TSG Hoffenheim sein, aber eine faire Beurteilung steht diesem Klub wie jedem anderen zu.

    • cvnde
    • 17.01.2011 um 18:06 Uhr

    "Schrödingers Katze" im Fussball.

    Denn der Verein soll ihm ja irgendwie mal Geld einbringen und
    ih wenigstens sein investiertes Geld teilweise wieder kriegen.

    Aber anstatt mal auf eineTeilnahme an der EL zu hoffen und dafür zu arbeiten, will er "Ausbildungsverein" werden.
    Damit vernichtet er doch Hoffenheims-Reputation völlig.

    Welche andere Verein, mit Zielen, nimmt einen "Ausbildungsverein ernst, denn man weiss, man kann mittelfristig gute Spieler diort einfach "wegkaufen".

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