Stefan Matschiner "Nur die Dummen werden erwischt"

Der verurteilte Doping-Dealer Stefan Matschiner hat ein Buch geschrieben. Gedopt wird flächendeckend und ein bisschen Doping ist sogar gesund, sagt er im Interview.

Das Hauptfeld bei der Tour de France 2010 in Paris

Das Hauptfeld bei der Tour de France 2010 in Paris

Stefan Matschiners Doping-Kunden kamen aus 13 verschiedenen Ländern, darunter Österreich, Deutschland und die Schweiz. Radsportler wie Bernhard Kohl, Leichtathleten, Langläufer, Biathleten oder Triathleten – aber auch Bobfahrer und Fußballer. Matschiner schreibt, seine Athleten seien für drei Olympiasiege, vier WM-Titel und einen Europarekord verantwortlich.

Namen nennt er nicht. Dennoch gibt sein Buch einen Einblick. Es zeigt, wie gut informiert und organisiert die Betrüger sind – und wie sich ihre moralischen Werte verschieben. Matschiner selbst sieht sich nicht als Dealer, sondern als Berater. Er habe den Sportlern nur geholfen, mit der ebenso gedopten Konkurrenz gleichzuziehen.

ZEIT ONLINE: Sie bereuen es nicht, Doping-Dealer gewesen zu sein. Warum nicht?

Stefan Matschiner
Stefan Matschiner

Stefan Matschiner begann als 25-Jähriger 1500-Meter-Läufer mit dem Doping und qualifizierte sich zwei Jahre später für die Hallen-Europameisterschaft in Wien. Kurz darauf wechselte er ins Lager der Manager und betreute einige Athleten auch in medizinischen Fragen. Matschiner wurde wegen versuchten Blutdopings und der Weitergabe illegaler Substanzen zu einem Monat Haft und 14 Monate auf Bewährung verurteilt.

Stefan Matschiner: Warum sollte ich etwas bereuen, an dem ich aus freien Stücken teilgenommen habe. Das System funktioniert so, wie es funktioniert. Ob mit mir oder ohne mich. In diesem geschlossenen Kreis gibt es kein Unrechtsbewusstsein, selbst die Kontrahenten tauschen sich zum Teil untereinander über Doping aus. Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.

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ZEIT ONLINE: Ist der Hochleistungssport – wie Sie behaupten – tatsächlich flächendeckend gedopt? Oder ist das nur ihre Rechtfertigung für das eigene Handeln?

Matschiner: Nein. Ab einem gewissen Niveau wird flächendeckend gedopt. Natürlich ist das je nach Sportart unterschiedlich. Aber bei größeren Sportarten, die auf der ganzen Welt betrieben werden und wo die Leistungsdichte entsprechend hoch ist, da können Sie davon ausgehen, dass in einem internationalen Finale jeder Athlet Erfahrungen mit Doping gemacht hat.

ZEIT ONLINE: Sie sagen: Doping macht Spaß. Sie hätten es genossen, die Fahnder und Ermittler zu narren. Das klingt ein wenig nach Allmachtsphantasien.

Matschiner: Ich habe in einer Parallelwelt gelebt und das Handeln dieser Parallelwelt in die reale Welt übernommen. Lügen ist kein Problem mehr. Das hatte natürlich einen Anflug von Größenwahn, unterstreicht aber, wie normal das Handeln in dieser Parallelwelt geworden war.

ZEIT ONLINE: Letztlich sind Sie aufgeflogen. Sind Fahnder und Ermittler doch besser, als sie es beschreiben?

Matschiner: Nein, die sind nicht besser. Nur die Dummen werden erwischt. So war es auch bei Kohl und seinen positiven CERA-Proben. Ich hatte ihm Monate zuvor gesagt, dass er die Finger davon lassen soll. Hätte er sich an mich gehalten, würde er heute vermutlich noch fahren. Dasselbe gilt für Lisa Hütthaler.

Die Anfänge

Seine Karriere als Manager beginnt Matschiner mit kenianischen Athleten. Vor ihrem ersten Start spricht er mit Ihnen offen über Doping. Er schreibt: "Ich musste nicht aktiv auf sie zugehen, mancher kam ganz offen zu mir und fragte, ob ich nicht 'special vitamins' für sie besorgen könne. Es lag ihnen offenbar daran, im direkten Duell mit ihren Landsleuten, die bei anderen Managern unter Vertrag standen, nicht benachteiligt zu sein."

Epo im Kofferraum

Nach der Vorladung durch eine Untersuchungskommission des Ski-Verbandes übergibt Matschiner Doping-Präparate in einer McDonalds-Filiale. Er schreibt: "Manche würden es als dreist einstufen, die ehrwürdige ÖSV-Kommission mit einer Ration Epo im Kofferraum aufzusuchen. Für mich jedoch lag nichts näher, als das Unnütze mit dem Nützlichen zu verbinden."

Abhängigkeit

Matschiner schreibt: "Und dann zeigt sich, dass Sportler auch nur Menschen sind. Menschen, die zu kleinen Notlügen neigen, die ausschließlich auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, permanent fürchten, zu kurz zu kommen (weil Konkurrenten effizientere Präparate erhalten) und sich die Wahrheit zurechtbiegen. (…) In vielen Fällen entsteht eine große psychische Abhängigkeit, die sich so manifestiert. dass der Athlet das Gefühl hat, ohne Epo keinen schnellen Schritt mehr machen zu können – ein Mitgrund dafür, dass ich noch nie erlebt habe, dass ein Sportler von einer Sperre zurückkommt und clean bleibt. Wenn man einmal weiß, welche Leistungen mit Doping erzielt werden können, gibt man sich im Normalfall nicht mehr ohne zufrieden."

Anonymisiert

Stefan Matschiner bestreitet, in seinem Buch nicht sein gesamtes Wissen preiszugeben. Die entscheidenden Stellen hat er anonymisiert. Er schreibt: "Wenn ich Namen nenne, kommen die Leute sofort aus ihren Löchern gekrochen mit der Theorie der 'schwarzen Schafe'. Aber die ganze Herde ist betroffen."

ZEIT ONLINE: Die Anti-Doping-Agenturen verweisen darauf, dass auf Wachstumshormon getestet wird. Aber es gibt so gut wie keine positiven Fälle. Ist das Hormon doch nicht so verbreitet?

Matschiner: Das ist Schwachsinn. Jörg Jaksche hat einmal gesagt: Positiv auf Wachstumshormon werde ich nur, wenn sie mich mit der Nadel in der Bauchfalte erwischen. Die Halbwertszeit ist so gering. Die Athleten nehmen es abends vor dem Schlafengehen und es ist nach kürzester Zeit abgebaut.

ZEIT ONLINE: Wissen alle Beteiligten Bescheid? Trainer? Manager? Funktionäre?

Matschiner: Also der Trainer sollte schon wissen, wenn sein Athlet dopt. Er schreibt schließlich die Trainingspläne. Natürlich kann es auch andersherum sein: Das Training ist zu hart und der Athlet organisiert sich Dopingmittel, um es zu erfüllen. In der Regel dürften es die Trainer wissen. Aber es handeln zum Beispiel nicht alle Manager mit Doping-Substanzen. Viel läuft über persönliche Bekanntschaften. Jeder dopende Sportler kennt einen Arzt oder eine Krankenschwester. Die Sportler informieren sich selbst sehr gut.

Leser-Kommentare
  1. ...kann durchaus Anlass zum Überdenken verkrusteter Denk- und Redemuster sein. Auch die deutschen Biathletinnen haben gelernt, nicht mehr pauschal jeden verbal zu verdächtigen, der gute Leistungen zeigt. Wahrscheinlich, weil man weiß, dass man selber "nur mit Wasser" ;-) kocht. Wenn man dann noch begreift, dass Indizien keine Beweise sind, kann man vielleicht lernen, entspannt mit der Thematik umzugehen und entsprechend ehrlich ans Aufräumen gehen. Das kann aber nur international funktionieren. Also wach bleiben!

    Eine Leser-Empfehlung
    • Guido3
    • 25.01.2011 um 12:44 Uhr

    Doping freizugeben, wie Matschiner es andeutet, kann keine Lösung sein. Es ist technisch noch viel schwerer nachzuweisen, ob jemand innerhalb erlaubter Grenzen und Dosierungen dopt, als nachzuweisen, dass er überhaupt dopt.

    Das Ende vom Lied ist: Der, der am skrupellosesten dopt, gewinnt zukünftig. Wir sehen dann am Ende bei Sportevents völlig freakig aussehende Gestalten mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 25-35 Jahren. Das kann es nicht sein. Das wäre extrem menschenverachtend (hätte aber vermutlich gute Einschaltquoten...)

    Richtig ist, das Nebenwirkungen zunächst mal immer _potentielle_ Nebenwirkungen. Kann theoretisch sein das man gar keine hat. Aber die Wettkampfsaison vieler Sportler dauert ein Dreivierteljahr. D.h. Dopingmittel werden zu lange genommen. Die Wahrscheinlichkeit schwerer Nebenwirkungen steigt. Und viele Dopingmittel werden zum Doping in Dosierungen verabreicht, die bei einem Vielfachen dessen liegen, was für die normale medizinischen Anwendung der Mittel vorgesehen ist. Das steigert die Gefahr von Nebenwirkungen ganz extrem.

  2. Ein Leserartikel aus dem Jahr 2009

    http://community.zeit.de/...

    • gun02
    • 25.01.2011 um 18:20 Uhr

    Lieber Herr Matschiner, Ihre Haltung trägt maßgeblich dazu bei, dass weite Teile des Sport mit Doping verseucht sind. Wären Sie nicht nur hinterm Geld her, sondern würden etwas von Sport verstehen, hätten Sie den Satz formulieren müssen: "Nur die Dummen dopen". Sie haben den Sport tatkräftig beschädigt und jetzt biegen Sie sich Ihre "Wahrheit" so zurecht, dass Sie in der Öffentlichkeit einigermaßen gut dastehen, um ein paar Bücher mehr verkaufen. Sie tun so, als währe Doping im Leistungssport das Normalste der Welt. [...] Über Optimierung des Trainings oder der Lebensweise haben Sie doch sicher nicht nachgedacht. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/lv

  3. 5. [...]

    Entfernt. Bitte argumentieren Sie sachlich zum konkreten Artikelthema. Danke. Die Redaktion/lv

  4. ... Totengräber sollten nur einmal an einer Beerdigung verdienen.

    Die Erlöse aus dem Buchverkauf gehören zur Finanzierung von Maßnahmen verwendet, die das Problem bekämpfen helfen.

    Dann hätte er endlich mal was für den (Rad) Sport getan.

  5. Anders kann ich mir das Geplapper von Matschiner nicht erklären. Es scheint ihm ein wenig das Gehirn vernebelt zu haben.

    Doping als sogar gesundheitsfördernd zu bezeichnen, rangiert bei mir noch vor Zahnpasta (Baumann), verseuchtem Fleisch (Contador) und annormalen, angeborenen Blutwerden (Pechstein) der dümmsten Ausreden bezüglich Doping.

    Natürlich ist eine Tour de France nicht gesundheitsförderlich. Niemand hat aber je verlangt, die Tour de France so dermaßen anspruchsvoll zu machen, dass man ohne Hilfsmittel wahrscheinlich am Straßenrand verreckt.

    Sportler wollen sich einen Leistungsvorteil verschaffen. Sie wollen nicht dabei sein, sie wollen besser als der Rest sein. Eine Dopingfreigabe würde dazu führen, dass der Doper eben noch mehr dopen muss, um einen Leistungsvorteil zu haben. Wohin das führt, kann man sich ungefähr ausrechnen. Frage an Herrn Matschiner: Wieviel Tote hat es bereits im Radsport gegeben, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Tode geführt haben? Reicht Ihnen das nicht?

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