Das Hauptfeld bei der Tour de France 2010 in Paris © Bryn Lennon/Getty Images

Stefan Matschiners Doping-Kunden kamen aus 13 verschiedenen Ländern, darunter Österreich, Deutschland und die Schweiz. Radsportler wie Bernhard Kohl, Leichtathleten, Langläufer, Biathleten oder Triathleten – aber auch Bobfahrer und Fußballer. Matschiner schreibt, seine Athleten seien für drei Olympiasiege, vier WM-Titel und einen Europarekord verantwortlich.

Namen nennt er nicht.Dennoch gibt sein Buch einen Einblick. Es zeigt, wie gut informiert und organisiert die Betrüger sind – und wie sich ihre moralischen Werte verschieben. Matschiner selbst sieht sich nicht als Dealer, sondern als Berater. Er habe den Sportlern nur geholfen, mit der ebenso gedopten Konkurrenz gleichzuziehen.

ZEIT ONLINE: Sie bereuen es nicht, Doping-Dealer gewesen zu sein. Warum nicht?

Stefan Matschiner: Warum sollte ich etwas bereuen, an dem ich aus freien Stücken teilgenommen habe. Das System funktioniert so, wie es funktioniert. Ob mit mir oder ohne mich. In diesem geschlossenen Kreis gibt es kein Unrechtsbewusstsein, selbst die Kontrahenten tauschen sich zum Teil untereinander über Doping aus. Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.

ZEIT ONLINE: Ist der Hochleistungssport – wie Sie behaupten – tatsächlich flächendeckend gedopt? Oder ist das nur ihre Rechtfertigung für das eigene Handeln?

Matschiner: Nein. Ab einem gewissen Niveau wird flächendeckend gedopt. Natürlich ist das je nach Sportart unterschiedlich. Aber bei größeren Sportarten, die auf der ganzen Welt betrieben werden und wo die Leistungsdichte entsprechend hoch ist, da können Sie davon ausgehen, dass in einem internationalen Finale jeder Athlet Erfahrungen mit Doping gemacht hat.

ZEIT ONLINE: Sie sagen: Doping macht Spaß. Sie hätten es genossen, die Fahnder und Ermittler zu narren. Das klingt ein wenig nach Allmachtsphantasien.

Matschiner: Ich habe in einer Parallelwelt gelebt und das Handeln dieser Parallelwelt in die reale Welt übernommen. Lügen ist kein Problem mehr. Das hatte natürlich einen Anflug von Größenwahn, unterstreicht aber, wie normal das Handeln in dieser Parallelwelt geworden war.

ZEIT ONLINE: Letztlich sind Sie aufgeflogen. Sind Fahnder und Ermittler doch besser, als sie es beschreiben?

Matschiner: Nein, die sind nicht besser. Nur die Dummen werden erwischt. So war es auch bei Kohl und seinen positiven CERA-Proben. Ich hatte ihm Monate zuvor gesagt, dass er die Finger davon lassen soll. Hätte er sich an mich gehalten, würde er heute vermutlich noch fahren. Dasselbe gilt für Lisa Hütthaler.

ZEIT ONLINE: Die Anti-Doping-Agenturen verweisen darauf, dass auf Wachstumshormon getestet wird. Aber es gibt so gut wie keine positiven Fälle. Ist das Hormon doch nicht so verbreitet?

Matschiner: Das ist Schwachsinn. Jörg Jaksche hat einmal gesagt: Positiv auf Wachstumshormon werde ich nur, wenn sie mich mit der Nadel in der Bauchfalte erwischen. Die Halbwertszeit ist so gering. Die Athleten nehmen es abends vor dem Schlafengehen und es ist nach kürzester Zeit abgebaut.

ZEIT ONLINE: Wissen alle Beteiligten Bescheid? Trainer? Manager? Funktionäre?

Matschiner: Also der Trainer sollte schon wissen, wenn sein Athlet dopt. Er schreibt schließlich die Trainingspläne. Natürlich kann es auch andersherum sein: Das Training ist zu hart und der Athlet organisiert sich Dopingmittel, um es zu erfüllen. In der Regel dürften es die Trainer wissen. Aber es handeln zum Beispiel nicht alle Manager mit Doping-Substanzen. Viel läuft über persönliche Bekanntschaften. Jeder dopende Sportler kennt einen Arzt oder eine Krankenschwester. Die Sportler informieren sich selbst sehr gut.