Fünfzig Euro. Damit begann die Spielleidenschaft des Fußballprofis Marcel Schuon. Es ging weiter mit Wetteinsätzen von 500 bis 800 Euro. "Ich konnte Wetten auch bargeldlos platzieren", berichtet er, "per SMS habe ich Fußballspiele durchgegeben, auf die ich wetten wollte und habe drei bis vier Tage später dann das Geld bezahlt." In einem Wettbüro am Bahnhof in Osnabrück. Irgendwann hatte Schuon, damals beim Zweitligaklub VfL Osnabrück unter Vertrag, Schulden angehäuft, 5000 bis 10 000 Euro. Es gebe eine einfache Lösung, die Schulden ganz schnell loszuwerden, sagte ihm der Betreiber des Wettbüros: Er solle Fußballspiele manipulieren.

25 000 Euro. Damit begann das vorläufige Karriereende von Marcel Schuon. Er hatte sich eingelassen auf eine Absprache mit dem Wettbürobetreiber. Er solle helfen, ein Spiel zu manipulieren. Inzwischen ist das alles den Ermittlungsbehörden bekannt. Schuon erhielt eine Bewährungsstrafe von zehn Monaten Gefängnis, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sperrte ihn für zwei Jahre und neun Monate. Schuon ist gerade einmal 25 Jahre alt. Die Geschichte, die Schuon dem Landgericht Bochum gestern erzählte, ist daher die vom Absturz eines Fußballprofis.

Nach Bochum ist er am Mittwoch mit seiner Freundin gekommen, und mit seinem Rechtsanwalt Siegfried Kauder, CDU-Bundestagsabgeordneter und Bruder des Unions-Fraktionsvorsitzenden. Schuon trägt einen schwarzen Anzug und ein weißes Hemd, er redet den Richter respektvoll mit "Herr Vorsitzender" an und möchte vor Beginn seiner Zeugenaussage im Wettprozess gegen vier Angeklagte erst einmal etwas loswerden. "Ich möchte mich entschuldigen", sagt er ruhig und mit leiser Stimme, "ich weiß, dass ich den DFB in schlechtes Licht gerückt habe."

Der DFB hatte ihn früher in Nachwuchs-Nationalteams berufen, Schuon galt als großes Talent. Doch seine Konzentration auf den Fußball wurde von etwas abgelenkt. "Ich war sehr stark spielsüchtig", erzählt er. Es häuften sich Schulden an, trotz eines monatlichen Verdiensts von 7500 bis 8000 Euro zuzüglich Prämien von 800 Euro pro gewonnenem Punkt.

Dann erhielt er das Angebot, seine Schulden loszuwerden: durch eine Manipulation des Zweitligaspiels zwischen dem VfL Osnabrück und Carl Zeiss Jena. Sie sollten das Spiel absichtlich verlieren, erzählt Schuon, "durch einen Elfmeter, ein Eigentor oder eine Rote Karte". Auch ein Mitspieler war eingeweiht, er sollte ebenfalls 25 000 Euro erhalten. Doch die Begegnung endete 1:1. Um Mitternacht mussten sie sich mit dem Betreiber des Wettbüros treffen, dem Angeklagten Nürettin G. "Er hat gesagt, dass das eine Riesenscheiße war und wir jetzt jeder bei ihm 25 000 Euro Schulden hätten."

Vor G. hatte Schuon nun Angst. In seiner polizeilichen Vernehmung behauptete er sogar, G. mit einer Waffe gesehen zu haben. Das zog er jetzt zurück. "Diese Aussage war falsch." In einem anderen Spiel sollte er seine Schulden durch eine Manipulation zurückzahlen. Die Begegnung gegen den FC Augsburg am 17. April 2009 ging in der Tat verloren – 0:3. Schuon hatte keine Schulden mehr, aber manipuliert haben will er das Spiel nicht: "Ich habe im rechten Mittelfeld gespielt und keine Fehler gemacht." Auch bei einem weiteren Spiel, gegen den 1. FC Nürnberg, sei er zur Manipulation aufgefordert worden, habe sich aber wieder nichts zuschulden kommen lassen.

Schuons Sperre läuft noch bis August 2012. Ob er noch einmal professionell Fußball spielen wird, das wisse er nicht, sagt er, "zurzeit spiele ich nur ab und zu mit Kumpels". Er arbeitet in der Spedition seiner Eltern. Seine Einstellung zu Wetten habe sich auch verändert. "Ich habe eine vierwöchige Therapie gemacht, seitdem habe ich nicht mehr gespielt."

Erschienen im Tagesspiegel.