Die Wagen bleiben in der Garage, vorerst. Nach den Unruhen in Bahrain hat die Formel 1 ihr Rennen vor den Toren Manamas verschoben . Erst wenn sich die Lage beruhigt habe, sollen Vettel und die anderen wieder ihre Runden drehen.

Manche halten das für einen Fehler. Spitzensport hätte in Diktaturen oder autokratischen Staaten nichts verloren. Egal ob Olympische Spiele in China, die Fußball-WM in Katar oder ein Tennisturnier in Usbekistan. Die Stars würden sich nur vor den Propaganda-Karren spannen lassen. Bewusst oder unbewusst. Und damit das System stützen.

Tatsächlich aber kann der Sport zur Öffnung eines abgeschotteten Regimes beitragen. Er kann sogar eine demokratisierende Wirkung haben. Das Gastgeberland einer großen Sportveranstaltung öffnet sich, ob es will oder nicht.

Die Spitzensportler kommen nämlich nie allein, stets sind auch Fernsehkameras, Fotoapparate, Notizblöcke und Smartphones mit dabei. Nichts ist für Autokraten gefährlicher als die interessierte Weltöffentlichkeit.

Plötzlich werden Fragen gestellt. Wie steht es um die Menschenrechte in China? Warum müssen sich Schwule und Lesben in Katar fürchten? Die Probleme eines Landes, die Verfehlungen eines Regimes dringen nach draußen. Schlagartig kann sich die Welt ein Bild machen. Und es kommen nicht nur Journalisten, sondern auch Touristen.

Nun wird in drei Jahren wohl kein deutscher Fußballfan in Katar öffentlich ein Plädoyer für freie Wahlen halten. Wer sich aber Tausende fröhlich feiernde Demokraten ins Land holt, muss damit rechnen, dass auch bei der eigenen Bevölkerung etwas hängen bleibt.

Ein Sportboykott dieser Länder, wie er schon öfters gefordert wurde, ist scheinheilig. Kein Regime gibt sich weniger korrupt, nur weil dort künftig kein großes Sportereignis stattfindet. Stattdessen besteht die Gefahr der Isolation.

Sportevents bieten eine gut ausgeleuchtete Bühne. Nicht nur für die Autokraten. Auch die Demonstranten in Bahrain hatten verlauten lassen, das Formel-1-Rennen nutzen zu wollen, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen.

Wie Musik, wie Kunst, wie Literatur hat Sport das Zeug dazu, ein System von innen zu destabilisieren. So wie die Sowjetunion Angst vor einem Konzert der Rolling Stones hatte, sollte Russland Angst vor der Fußball-EM und den Olympischen Winterspielen in Sotschi haben.

Man mag es gut finden oder nicht: Doch wenn die besten Sportler der Welt beim Torjubel oder der Siegerehrung an Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien oder die eingeschränkte Pressefreiheit in Russland erinnern, werden mehr Menschen für diese Probleme sensibilisiert als es der eindringlichste Medienbericht schaffen kann.

Lesen Sie hier die Gegenmeinung von Steffen Dobbert: Guter Sport macht keinen besseren Staat