Konrad KochDer Mann, der den Deutschen den Fußball brachte

Konrad Koch regte das erste Fußballspiel unter deutschen Schülern an. Doch er war kein filmreifer Umstürzler. Obwohl Koch den Fußball förderte, war er auch dessen Gegner. von Malte Oberschelp

Der als Konrad Koch verkleidete Stadtführer Thomas Ostwald vor dem Martino-Katharineum in Braunschweig

Der als Konrad Koch verkleidete Stadtführer Thomas Ostwald vor dem Martino-Katharineum in Braunschweig  |  © Caroline Seidel/picture alliance/dpa

Wenn Konrad Koch heute ein Bundesligastadion betreten würde, wäre er schockiert. Auch wenn die Spieler auf dem Platz, die Fans im Stadion und die Radio- und TV-Kommentatoren jene Ausdrücke benutzen, die er geprägt hat: Abstoß, abgeben, Mittelstürmer, Halbzeit und Strafstoß.

Der Lehrer, dem nun der Spielfilm "Der ganz große Traum" gewidmet wurde, brachte zwar den Fußball nach Deutschland, geißelte aber schon zu Lebzeiten die bunten Trikots nach englischem Vorbild. Spiele gegen ausländische Teams, Training, große Zuschauermengen und vor allem den Professionalismus lehnte er ab. Koch war eine halbmoderne Gestalt, ein konservativer Reformer, der zwischen den Zeiten stand. So paradox es klingt: Obwohl Koch den Fußball förderte, war er gegen den Sport.

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Als Konrad Koch am 29. September 1874 mit dem Turnlehrer August Hermann das erste Fußballspiel unter deutschen Schülern initiierte, hatte er keine Ahnung, welche Folgen das haben würde. Der Oberlehrer am Braunschweiger Gymnasium Martino-Katharineum glaubte zunächst lediglich, ein Mittel gegen das "Stubenhockerthum" und die Kneipentouren der Oberschüler gefunden zu haben. Stattdessen wurde Koch zum ersten Förderer eines Spiels, das heute Millionen begeistert. Für ihn blieb der Fußball eine lebenslange Passion: Koch übersetzte die Regeln und die Fachausdrücke, arbeitete das pädagogische Potenzial des Spiels heraus und forschte nach dessen historischen Wurzeln.

Anders als im Film dargestellt, spielten die Schüler zunächst jedoch mit einem Rugbyball. Auch genoss Koch schnell die Unterstützung der Kollegen. Gegner fand der Fußball auch so genug. Die einen monierten seine englische Herkunft, die anderen hielten ihn für zu gefährlich, und die deutschen Turner fürchteten um ihre Vorherrschaft.

Koch, der 1846 geboren wurde und vor 100 Jahren starb, trat diesen Vorurteilen mit großem publizistischen Aufwand entgegen. Ein Jahr nach der Fußball-Premiere übersetzte er die Regeln ins Deutsche. "Die Aufgabe jeder Gespielschaft ist, den Ball über die Querstange des feindlichen Males zu stoßen", hieß es dort. Das Mal war das Tor. In der Frühzeit des deutschen Fußballs war Rugby das vorherrschende Spiel, bis es ab Mitte der 1880er Jahre von der heutigen Form verdrängt wurde. Kurios waren die Gesundheitsvorschriften in Kochs Regeln. Dort wurde etwa festgelegt, "daß kein Schüler gegen den Ostwind anzulaufen hat".

1878 veröffentlichte Koch die programmatische Schrift "Der erziehliche Werth der Schulspiele". Dort arbeitete er heraus, auf welche Weise die englischen Spiele – Koch setzte sich erfolgreich auch für Cricket ein – die Defizite des deutschen Turnens ausglichen. Koch ging es um den Gedanken der spielerischen Freiheit, der im militärisch anmutenden Turnen verkümmerte. Zugleich betonte er die Schulung des Gemeinschaftssinns durch die Mannschaftsspiele. Koch erkannte als erster, dass der Fußball zeitgemäßere Werte als das Turnen vermittelte und das Spiel zu einer modernen Persönlichkeitsentwicklung beitrug.

Leserkommentare
  1. Schade, dass die oben abgebildete Braunschweiger Geschichtsspasslegende Thomas Ostwald nicht die Hauptrolle im Film spielen dürfte. Das wäre zumindest aus zwei Gründen lohnenswert gewesen: Erstens sieht er dem Original verblüffend ähnlich und zweitens sind seine schauspielerischen Fähigkeiten mindestens genauso gut wie die von Daniel Brühl!

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  • Schlagworte Altertum | Cricket | Rugby | Schrift | Schüler | England
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