Bundeswehr-Reform : Vom Sinn und Unsinn der Sportsoldaten

Noch gibt der Staat jährlich 30 Millionen Euro für seine Staatssportler aus. Doch die Bundeswehr wird reformiert, das System Sportsoldat steht infrage. Von D. Drepper
Die Sportsoldatin und Biathletin Kati Wilhelm © M. Stig/AFP/Getty Images

Jeden Monat Geld aufs Konto, hart trainieren und hin und wieder antreten: Das Leben als Sportsoldat könnte so einfach sein, wäre nicht mit Mitte 30 Schluss. Ein paar Medaillen im Schrank, kaum militärische Kenntnisse und im Zweifel auch keine Ausbildung: Der Start ins Leben danach ist wenig komfortabel. Experten glauben, dass das Leben als Sportsoldat zum Rumhängen verleitet – auch nach der sportlichen Karriere.

Jetzt organisieren sich Bundeswehr und Verteidigungsministerium nach den Empfehlungen der Strukturkommission neu. Es gibt Überlegungen, die rund 750 Sportsoldaten-Stellen bei der Bundeswehr abzuschaffen. Der Sport gehört nicht zu den Kernaufgaben des Ministeriums. "Derzeit ist über die Zukunft der Spitzensportförderung in der Bundeswehr und deren Alimentierung noch keine Entscheidung getroffen", schreibt das Ministerium. "Nach wie vor gibt es keine Denkverbote und somit auch kein Sanktuarium Spitzensport."

Der Bundesrechnungshof hatte schon vor gut einem Jahr die Sportabteilung der Bundeswehr kritisiert. Sie führe ein Eigenleben, es gebe keine Erfolgskontrolle und kein Konzept. Außerdem fehle es an "Haushaltsklarheit und -wahrheit", weder Höhe noch Dauer der Förderung sei erkennbar. Die Ausgaben gründeten auf einem Parlamentsbeschluss von 1968 und es fehlten Belege, "dass diese Förderung effektiver sei als etwa die Vergabe von Stipendien".

Daraufhin nahm das Innenministerium Anfang Dezember 2010 Stellung zur "Einbindung der Spitzensportförderung in die Kernaufgabe der jeweiligen Gastbehörde". In dem 15-seitigen Papier an den Rechnungsprüfungsausschuss, das ZEIT ONLINE vorliegt, verteidigt das Ministerium das System Sportsoldat. Angeblich schafft es "die notwendigen Rahmenbedingungen zur Ausübung des Spitzensports auf einem international wettbewerbsfähigen Niveau und bewirkt zugleich die berufliche und soziale Absicherung."

Berufliche Absicherung? Während die etwa 200 bei Zoll und Bundespolizei angestellten Sportler eine Ausbildung absolvieren und zum Großteil später tatsächlich in diesen Behörden arbeiten, finden Sportsoldaten bei der Bundeswehr nur in Ausnahmefällen einen Job. Zwar werden den Athleten Weiterbildungen angeboten, doch statt eine konkrete berufliche Zukunft in der Bundeswehr geboten zu bekommen, müssen die Betroffenen nach ihrer Zeit als Sportsoldat versuchen, sich für andere Berufe zu qualifizieren. Viel zu spät, sagt der Sportpsychologe Dieter Hackfort: "Die Sportler sollten bedrängt werden, sich schon während der Zeit als Sportsoldat um ihre Ausbildung zu kümmern". Hackfort lehrt an der Bundeswehr-Universität München.

Seit fast drei Jahrzehnten betreut Hackfort Sportsoldaten psychologisch. Auf die Zeit nach der Karriere würden diese kaum vorbereitet. "Bislang haben die Sportsoldaten zwischen den Trainingseinheiten sehr viel Zeit, rumzuhängen. Das ist weder für die Persönlichkeitsentwicklung gut, noch für den Sport".

Wolfgang Maennig, Ruder-Olympiasieger von 1988 und heute Sportwissenschaftler an der Uni Hamburg, argumentiert ähnlich. "Ich vermisse ein systematisches Konzept mit Ausbildungspflicht für Sportsoldaten", sagte Maennig vor einem knappen Jahr ZEIT ONLINE . "Manche Athleten, die sich für viele Jahre verpflichten, lassen sich einlullen und stehen nach der Karriere vor dem beruflichen Nichts." Zudem kritisierte der Sportwissenschaftler, es entstehe der Eindruck, man könne nur als Sportsoldat in Deutschland Erfolg haben. "Ein System, welches signalisiert, dass man, um sportlichen Erfolg zu haben, Sportsoldat werden muss, wird langfristig denkende, bildungsaffine Jugendmilieus zukünftig vom Spitzensport abhalten", sagte Maennig der taz .

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Spitzensport-Förderung als Staatsaufgabe?

Art und Umfang der direkten und indirekten Förderung des Spitzensports durch die Öffentliche Hand sind m.E. nicht gerechtfertigt. Das beginnt bei den Dienstposten für Sportsoldaten und endet bei Zuschüssen für Fußballstadien.

Eine Beschränkung von Ausgaben auf die ausschließliche Förderung des Breitensports hielte ich für sinnvoll und vertretbar.

Sportsoldaten, Big Band, Musikkorps und Gorch Fock

Wer über den Sinn von Sportsoldaten in der künftigen Bundeswehr (Bw) nachsinnt, sollte auch gleich an die anderen Spezial- und Problembereiche denken. Und dazu gehören auch die hunderte von Dienstposten in der Big Band der Bw und in den Musikkorps.

Mit ihren überwiegenden Auftritten auf Veranstaltungen mit wohltätigen Zwecken scheint die Big Band mehr den dahinter stehenden Organisationen zu nützen als der Bw. Und auch hier fehlt jegliche Aufwand-Nutzen-Analyse.

Bei der Gorch Fock ist es wohl nicht anders: Die extremen Kosten ihrer Existen und ihres Rolle als "Botschafter Deutschlands in aller Welt" wird durch die Nutzung als Ausbildungsschiff nur notdürftig begründet - denn als solches müßte sie nie um Kap Hoorn segeln.

P.S. zur Strukturierung der Realität:

Das Verteidigungsministerium (BMVg)gehört nicht zur Bundeswehr, sondern zur Bundesregierung. Deshalb trifft man im BMVg nur Politiker, Arbeiter, Angestellte, Beamte und "Uniformträger".
Die Anzahl all dieser Personen zählt nicht zum Umfang der Bw: Weder zu dem der Streitkräfte, noch zu dem der Wehrverwaltung.

Nur die Inspekteure der Teilstreitkäfte sind auf Grund ihrer Stellung und Aufgaben sowohl Uniformträger (im BMVg) als auch Soldaten (in der Bw), da sie der jeweils höchste Soldat ihrer Teilstreitkraft sind.

Die Kernaufgabe des BMVg ist auch von daher eine völlig anderen als die der Bw. Das Ministerium ist u.a. neben der Bw auch zuständig für die Militärseelsorge und die Truppendienstgerichte.

Wenig produktiv

Die deutschen Sportler erringen regelmäßig Erfolge. Sind Vorbilder!

Während unsere immer mehr pädagogisch wertvoll betreute Gesellschaft Helden kreiert, wie DSDS Kanditaten, oder Aggro Berlin Helden, oder ... oder .. oder...

Ich finde den Generalschlag gegen die Streitkräfte gut im timeing, dieser ist durchsichtig und wenig produktiv.

Verschwender...

Sehe ich das richtig? Der Staat verschwendet Steuergeld für "kommerziellen Wettbewerbssport"?
(Sport im Sinne von Gesundheit fördern - bitte, gern)

Warum zum Teufel hat der Steuerzahler für - um es mal auf die Spitze getrieben zu formulieren - für ein paar Deppen zu bezahlen die durch den Schnee laufen, Schwimmen oder sich sonst sportlich betätigen.

Irgendwelche sportlichen Wettbewerbe haben allgemein für den deutschen Steuerzahler keinen Vorteil - höchstens ein paar Leute ergötzen sich an den Anstrengungen jener Leute, aber das war es.
Und der ganze Blödsinn dass Sportler ein Land repräsentieren, gilt auch nicht allgemein. Ist ein Land weniger korrupt oder ein zuverlässiger Handelspartner weil ein paar Leute schnell durch Schnee laufen? Wohl kaum.

Am Ende sind diese Sportler nur repräsentativ für ihre eigenen Leistungen - NICHTS weiter. Insofern hat eigentlich der Staat hier auch nicht mit Unsummen zu fördern - oder zahlen die Sportler von ihren Gewinnen die Kosten die der Staat übernommen hat?

Naja..

mit der Argumentation könnte man dann auch die Subventionen für Theater, Opernhäuser oder Museen kritisieren. Frei nach dem Motto: Was hat der Steuerzahler davon, Deppen zu bezahlen, die irgendwelche Arien auf die Bühne bringen.. Irgendwelche Arien oder Theaterstücke haben für den deutschen Steuerzahler keinen Vorteil. Höchstens ein paar Leute ergötzen sich an den Anstrengungen jener Leute, das wars.
Und der ganze Blödsinn, dass die Kultur ein Land repräsentiert, gilt auch nicht allgemein. Ein Land ist auch nicht weniger korrupt oder ein besserer Handelspartner, nur weil es dort tolle Theater gibt? Wohl kaum.

Am Ende sind die Künstler repräsentativ für ihre eigenen Leistungen. NICHTS weiter. Insofern hat eigentlich der Staat hier auch nicht mit Unsummen zu fördern - oder zahlen die Künstler von ihren Gewinnen die Kosten die der Staat übernommen hat?
Man könnte doch auch Laienproduktionen fördern.

So, wo ist in ihrer Argumentation jetzt der Unterschied? Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Aber erstmal auf dem Sport und den Sportlern rumhacken.

Meine Meinung zum Thema ist, dass es neben der extrem wichtigen Subvention kultureller Einrichtungen wie Theater, Museen oder Opern auch möglich sein muss, Sportler zu unterstützen, die entsprechende Leistungen bringen. Sie sind Vorbilder, repräsentieren bei großen Ereignissen ihr Land und haben damit entsprechende Außenwirkung. Ob das über die Bundeswehr laufen muss, sei dahingestellt.