St. Pauli-Profi Biermann"Ich wollte zeigen, dass man trotz Depression Profifußball spielen kann"

Andreas Biermann redete nach zwei Suizidversuchen über seine Depression und verlor seinen Job. Ein Gespräch über sein Buch, Robert Enke und Oberflächlichkeiten im Fußball. von 

Andreas Biermann im Sommer 2008 im Trikot des FC St. Pauli

Andreas Biermann im Sommer 2008 im Trikot des FC St. Pauli  |  © Friedemann Vogel/Bongarts/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Biermann, was haben Sie gedacht, als Sie vom Tod Robert Enkes erfuhren?

Biermann: Drei Wochen bevor Robert Enke starb, hatte ich das zweite Mal versucht, mir das Leben zu nehmen. Aber erst nachdem ich die Pressekonferenz mit Teresa Enke gesehen hatte, wusste ich, woran ich erkrankt bin. Die Symptome, die Robert Enkes Frau beschrieb, kamen mir sehr bekannt vor. Danach bin ich zu meinem Trainer gegangen und habe gesagt: Das ist mein Problem!

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ZEIT ONLINE: Zu der Zeit waren Sie Profi bei St. Pauli. Was war damals passiert?

Biermann: Am entscheidenden Abend bin ich eine halbe Stunde raus aus Hamburg gefahren und auf irgendeinem Parkplatz stehen geblieben. Ich hatte mir zuvor im Baumarkt einen Gartenschlauch und Klebeband gekauft und beides im Kofferraum gelegt. Fast die ganze Nacht saß ich im Auto und hörte Musik. Dann stieg ich aus, steckte den Schlauch über den Auspuff und setzte mich wieder. Als ich fast eingeschlafen war, dachte ich an meine Kinder und öffnete die Tür. Als ich erwachte, standen mein Trainer und meine Frau an meinem Bett. Im Krankenhaus hatte ich einen Tag im Koma gelegen. Nach einem weiteren Tag konnte ich wieder nach Hause gehen. Noch einen Tag später trainierte ich wieder mit.

ZEIT ONLINE: Es war Ihr zweiter Suizidversuch und die Ärzte ahnten nicht, dass Sie depressiv sein könnten?

Biermann: Daran sieht man, dass nicht nur Betroffene wenig von dieser Krankheit wissen, sondern teilweise auch Ärzte. Aber nach dem Unglück von Robert Enke bin ich in eine psychiatrische Klinik gefahren und wurde richtig behandelt.

ZEIT ONLINE: Wie fühlte sich die Krankheit an?

Biermann: Als ich auf diesen Parkplatz gefahren bin, war ich wie ferngesteuert. Ich bin sowieso ziemlich gefühlskalt, aber in dieser Situation fühlte ich gar nichts. Ich musste mich nicht überwinden. Ich saß acht Stunden im Auto und dachte immer wieder über alles nach. Ich wollte es nicht mehr ertragen.

ZEIT ONLINE: Wie wurden Sie dann behandelt?

Biermann: Ich bin direkt in der Klinik geblieben und wurde neun Wochen behandelt. In der Zeit habe ich viele Therapien mitgemacht und Anti-Depressiva bekommen, die ich bis heute nehme.

ZEIT ONLINE: Wieso haben Sie darüber ein Buch geschrieben?

Andreas Biermann, 30, ehemaliger Fußballer des FC St. Pauli und Hertha BSC, schrieb das Buch "Rote Karte Depression"

Andreas Biermann, 30, ehemaliger Fußballer des FC St. Pauli und Hertha BSC, schrieb das Buch "Rote Karte Depression"  |  © Gütersloher Verlagshaus

Biermann: Die Idee kam mir, als ich aus der Klinik entlassen wurde. Da wurde mir klar, dass man in der Gesellschaft und besonders im Fußball nicht über Depressionen redet. Egal wo, bei der Polizei, im Büro, bei der Feuerwehr – überall ist man seinen Job los, wenn man über Depressionen redet. Aber: Wenn man etwas verändern will, muss man offen darüber reden. Ich wollte ein Buch über den Weg zurück in den Profifußball schreiben, um die Krankheit zu enttabuisieren – unser Titel lautet nur "Rote Karte Depression". Eigentlich wollte ich zeigen, dass man trotz Depression wieder Profifußball spielen kann.

ZEIT ONLINE: Sie waren nach der Entlassung davon überzeugt, wieder in der ersten oder zweiten Liga zu spielen?

Biermann: Ja, klar. Damals habe ich auf dem Klinikgelände trainiert. Dass ich ein Comeback körperlich und geistig schaffen würde, denke ich bis heute. Aber die Hoffnung auf einen Vertrag habe ich inzwischen aufgegeben. Vor ein paar Tagen habe ich mit meinem zweijährigen Sohn Ball gespielt. Aber auf einem Fußballplatz habe ich seit fast einem Jahr nicht mehr gestanden.

ZEIT ONLINE: Wann haben Sie die Symptome der Depression erstmals bemerkt?

Leserkommentare
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    Nüchtern betrachtet kann man das so sehen. Aber wir nennen uns selbst initelligente Wesen und selbst Elefanten eilen ihren schächeren Herdenmitgliedern zu Hilfe, wenn sie schwächeln. Ich weigere mich also, so etwas evolutioniär begründen zu wollen und so zu legitimieren, schwächere Mitmenschen durch die Roste fallen zu lassen.

    • Nandus
    • 14. März 2011 11:05 Uhr

    Gut, daß ein solcher Aspekt auch mal als wertvolle Sachinfo mit einfließt. Es gibt meines Erachten nach nichts Schlimmeres als die sozial aufgezwungene und damit dann meist geheuchelte Toleranz, die man heute bei so vielen Themen (Antisemitismus, Behinderung, Krankheit etc.) findet. Viel Wichtiger ist dabei doch eine intensive, inhaltliche Auseinandersetzung mit der Thematik und da Bilden einer eigenen Meinung. Die Depression als Krankheit hat das auf breiter, gesellschaftlicher Ebene tatsächlich noch dringend nötig!

    Soll man Sie jetzt ausgrenzen als intellektuell minderbemittelt? Dürfte ein Eigentor werden. Besser nicht.

    • riciru
    • 12. April 2011 10:59 Uhr

    sie erkennen,aber schon, dass dieses ausgrenzen der evolution überhaupt nicht funktioniert.

    im gegenteil - erst die symbiose aus ausgrenzen und miteinbeziehen das überlebn sichert.

    • ludna
    • 14. März 2011 8:47 Uhr

    vor der Krankheit und dem Mut dies zuzugeben, aber hier will man uns wohl fuer dumm verkaufen:

    "Zeit : In der zweiten Liga verdient ein Profi etwa 5.000 Euro im Monat?
    Biermann: Ja, in etwa. Es ist nicht besonders viel, aber man kann davon leben."

    5000 sind vielleicht Gehaelter fuer Ergaenzungsspieler in der 3. Liga oder der Regionalliga.

  2. ...nach dem Tod Robert Enkes wurde es schon fast als Teil seiner Krankheit dargestellt, dass er alles mit sich ausmachte aus Angst vor Jobverlust, Verlust seines Adoptivkindes... Der Mann hatte Recht!

    • abc666
    • 14. März 2011 8:53 Uhr

    Nicht selten frage ich mich, ob die Diagnose "Burn-Out" so überhaupt gestellt werden kann und darf und ob sie nicht gar nur ein Mäntelchen ist, welches man der Depression übergestülpt hat um die, noch immer, stigmatisierende Diagnose zu umgehen. Das Ganze scheint sich dann jedoch verselbständigt zu haben so dass bei immer mehr Menschen ein "Burn-Out" diagnostiziert wird, wo in Wirklichkeit eine ausgewachsene Depression dahintersteht. Mit allen Folgen falscher Behandlung etc. die sich daraus dann ergeben. Hinzu kommt, dass auch eine Depression häufig "nur" ein augenfälliges Symptom weiterer schwerwiegender psychischer Erkrankungen ist, darunter bspw. die der Posttraumatischen Belastungsstörung. Bei mir kristallisiert sich, nach vielen unterschiedlichen Diagnosen, im wesentlichen letztere heraus. Ich spreche da also insofern aus eigener Erfahrung und musste viele Wege gehen und viele Ärzte aufsuchen damit am Ende ein Rechtsanwalt(!) mich auf die richtige Spur brachte. Und das ist kein Ruhmesblatt für viele Ärzte. Das Interview thematisiert auch dies sehr treffend.

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    "Nicht selten frage ich mich, ob die Diagnose "Burn-Out" so überhaupt gestellt werden kann und darf und ob sie nicht gar nur ein Mäntelchen ist, welches man der Depression übergestülpt hat um die, noch immer, stigmatisierende Diagnose zu umgehen."

    BurnOut ist eine Deperssion, und zwar eine, welche durch negativen Stress und Überbelastung hervorgerufen wird.

    Ich selber hatte vor 3 Jahren einen solchen und weiß wovon ich rede...

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  4. Nüchtern betrachtet kann man das so sehen. Aber wir nennen uns selbst initelligente Wesen und selbst Elefanten eilen ihren schächeren Herdenmitgliedern zu Hilfe, wenn sie schwächeln. Ich weigere mich also, so etwas evolutioniär begründen zu wollen und so zu legitimieren, schwächere Mitmenschen durch die Roste fallen zu lassen.

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  • Schlagworte Joachim Löw | Bundesliga | DFB | Depression | Fußball | FC St. Pauli
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