Musik im Profisport Kiss hören, Gold gewinnen

Ein deutscher Elektronikmeister hat ein spezielles Musiktraining entwickelt, seine Athleten gewinnen Weltmeistertitel in Serie. Moderne Neurologie oder Placebo?

Vier Conrady-Patienten: Andreas Kofler, Gregor Schlierenzauer, Martin Koch und Thomas Morgenstern (von links) feiern Gold im Mannschaftsspringen

Vier Conrady-Patienten: Andreas Kofler, Gregor Schlierenzauer, Martin Koch und Thomas Morgenstern (von links) feiern Gold im Mannschaftsspringen

Die Ski-Weltmeisterschaften im Alpin-Stil und im Nordischen gingen für deutsche Athleten in Garmisch-Partenkirchen und Oslo ohne Sieg zu Ende. Ein Deutscher hingegen gewann sechs Mal Gold für Österreich: Ulrich Conrady. Vereinfacht gesagt besteht sein Zutun darin, den Skispringern Gregor Schlierenzauer und Thomas Morgenstern (je Einzel und Team) sowie den Skifahrerinnen Elisabeth Görgl (Abfahrt und Super-G) und Anna Fenninger (Super-Kombination) seine Musik hören zu lassen. Alle vier Goldmedaillengewinner schwören auf Conrady. Ebenso Magdalena Neuner, die bei der Biathlon-WM Anfang März drei Gold- und zwei Silbermedaillen gewann, ihre neue Stärke am Schießstand führt sie auf mentales Training zurück.

Conrady ist Erfinder von AVWF, das steht für Audiovisuelle Wahrnehmungsförderung, auch Schalltherapie genannt. Conrady moduliert Musik am Computer, bearbeitet spezielle Frequenzen nach. Als Vorlage funktioniert alles, ob Beatles, Abba oder Mozart. Debussy eignet sich wegen der größeren Variabilität besser als Kiss (Kiss geht aber auch). Heraus springt ein Produkt, das sich für das Ohr merklich nicht vom Original unterscheidet, allenfalls knistert es ein wenig.

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Auf unbewusster Ebene soll Conradys Mix jedoch eine enorme Wirkung auf das vegetative Nervensystem entfachen: Sympathikus und Parasympathikus geraten ins Gleichgewicht, Signale lösen bestimmte Reaktionen im Stammhirn aus. Neurologisches Antistress-Training. Sportler sollen leichter entspannen, besser schlafen, mögliche Traumata schneller überwinden, sich sozialer verhalten. Das alles ganz nebenbei, beim Lesen, am Computer, bei der Hausarbeit – natürlich nur, wenn sie es regelmäßig vor und nach dem Training tun.

Der deutsche Handballtormann Henning Fritz hat es regelmäßig getan. Im Jahr 2006 litt er unter einem Burnout. "Ich hatte Schlafprobleme, ich hatte Probleme, den Ball zu fixieren", sagt Fritz. Nach der Behandlung wurde Deutschland ein halbes Jahr später dank seiner überragenden Paraden Weltmeister. "Aus einem Amateur macht man keinen Profi, aber man kommt näher und öfter an die Leistungsgrenze heran." Auch Markus Baur, damals Kapitän, berichtet von sehr guten Erfahrungen mit der Schalltherapie. Nahezu die ganze Mannschaft setzte damals Conradys Kopfhörer auf, nachzusehen in der Dokumentation Projekt Gold.

Der Trainer Heiner Brand hatte es seinen Spielern nahegelegt. "Es ist eine tolle begleitende Trainingsform, die Spieler trainierten frischer, konzentrierter." Nach dem Titelgewinn kam das Neuro-Coaching im Handball nur noch sporadisch zum Einsatz. Es gibt Stimmen, die hinter vorgehaltener Hand behaupten, die Mannschaft hätte beim enttäuschenden Turnier 2011 besser auch auf Conrady und seine Schallwellen gehört, dann hätte sie seltener dem Gegner in die Hände gepasst. "Einige Spieler", sagt Brand, der eher der alten Schule zuzurechnen ist, "sind für solche neue Methoden offen. Andere sagen: 'Brauch ich nicht, ich bin schon gut.'"

Leser-Kommentare
  1. ob es gelingt, echte Studienbedingungen (Doppelblindversuche? Vergleichsgruppen?) herzustellen, bei denen ein signifikanter Effekt nachgewiesen oder widerlegt werden kann. Zumindest: Das Konzept lässt sich neurologisch nachvollziehen und grenzt sich von Klinsmann'scher und sonstiger Esoterik ab. Mal sehen, ob sich der Erfinder als Könner oder Hochstapler entpuppt. Hoffentlich ersteres.
    greetz, BG

  2. sprich Trainer oder Therapeuten benoetigt werden, vermute ich eher das eine Induktion erzeugt wird, die zur Autosuggestion beim Hoeren der Musik fuehrt und im Unterbewustsein, Aufmerksamkeit und Motivation erhoeht. Hypnose und Autosuggestionstechniken sind insbesondere bei Hochleistungssportlern eine geprueftes und funktionierendes Verfahren zur Leistungssteigerung. Ich bezweifle sehr, dass es nur mit elektronisch manipulierter Musik, aehnliche Ergebnisse gibt, aber die bildgebenden Analysesysteme der Neurologen sollten uns dort Hinweise geben. Bin mal gespannt..

    • F.Yale
    • 28.03.2011 um 17:47 Uhr

    Es gab schon 2007 eine Pilot-Studie zu AVWF in Bad Griesbach.
    Die Ergebnisse waren positiv, bis auf die Wirkung auf ADHS:

    Personen mit ADHS wird aber weiterhin die AVWF verkauft,
    obwohl in der 2007er Studie keine Wirkung erzielt werden konnte.
    Liegt vielleicht auch an den Kosten von €1500,-- , die da für 10 Mal
    eine Stunde Musik hören + Tests am Anfang und am Ende zu Buche schlagen.

    Die Erfolge im Sport sind jedenfalls beste PR für Herrn Conrady.

    2007 wurde dann noch eine double -blind cross-over Studie angekündigt.
    Das hierzu keine Veröffentlichungen mehr zu finden sind, liegt vielleicht auch daran, das die Geschäfte momentan einfach zu gut laufen und jede Studie
    den geschäftlichen Erfolg gefährden könnte.

    2011 war Conrady mit den Handballern in Schweden.
    Seltsam das er mit den dortigen Misserfolgen offenbar nichts mehr zu tun haben möchte, hatte er sein dortiges Engagement doch sogar noch auf die Zeit unmittelbar vor den Spielen ausgedehnt.

    Eine Leser-Empfehlung

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