"Ich fand es toll, verschachtelte Sätze zu bauen": der Fußballer Thomas Broich © Mark Kolbe/Getty Images

Im Fußball gehe es auch darum, seinen Willen durchzusetzen, "und wenn es der Wille zum Scheitern ist". Vermutlich könnte Thomas Broich seine Laufbahn kaum treffender beschreiben als mit diesem Satz. Bei Borussia Mönchengladbach galt er 2004 als angehender Nationalspieler. Er präsentierte sich als der kickende Philosoph, der Klassiker las, Klavier spielte, Miniaturen von griechischen Tempeln töpferte. Er gefiel sich darin, anders zu sein, doch das Anderssein wurde zu einer Bürde, als der Erfolg ausblieb. In Gladbach, in Köln, 2010 in Nürnberg spürte er Symptome einer Depression. Er glaubte das Spielen verlernt zu haben.

Diese Karriere wird nun in einem Kinofilm aufgearbeitet: Tom Meets Zizou - Kein Sommermärchen. Neun Jahre lang hatten sich Broich und der Bonner Filmemacher Aljoscha Pause immer wieder getroffen. Mehr als hundert Stunden Material verdichtete der Grimme-Preisträger Pause zu einer geistreichen Studie einer oft geistlosen Branche. Mit Brüchen, Wendungen, Lehren – und einem heilsamen Finale: Broich zerbricht nicht, er wählt einen Neustart in Australien, fernab des Bundesliga-Zirkus. Mit Brisbane Roar bleibt Broich in dieser Spielzeit 27 Spiele ungeschlagen, wird am Ende Meister.

ZEIT ONLINE: Herr Broich, am Anfang Ihrer Bundesliga-Karriere haben Medien Ihnen einen Stempel verpasst: "Mozart mit der Kugel". Wie sind Sie damit umgegangen?

Thomas Broich: Es hat mir geschmeichelt, deshalb bin ich in diese Falle getappt. Ich war sehr eitel, ich habe mich berufen gefühlt, irgendwelche Standpunkte zu vertreten. Ich fand es toll, verschachtelte Sätze zu bauen. Ich dachte, ich könnte den Fußball auf meine Art revolutionieren. Doch dieses Verhalten wurde zu einem Nachteil. Ich habe aus dem Auge verloren, dass ich in erster Linie Fußballer bin. Dadurch habe ich mich isoliert.

ZEIT ONLINE: Sie beschreiben den Fußball im Film als eine Illusion, in der man verschiedene Rollen annimmt.

Broich: Die Medien haben mir eine Plattform gegeben. Im ersten Jahr in Gladbach wurde ich als der Virtuose dargestellt, der Dostojewski liest, während andere Spieler in Waffenmagazinen blättern. In meiner Naivität habe ich nicht begriffen, dass dadurch eine Fallhöhe entsteht. Von Anfang an bestand die Gefahr, dass es schnell abwärts geht.

ZEIT ONLINE: Ihr Freund und ehemaliger Trainer in Nürnberg, Michael Oenning, sagt im Film: Wer im Fußball anders ist, wird schnell als Gefahr wahrgenommen. Teilen Sie seinen Eindruck?

Broich: Viele meiner Kollegen haben mir zu verstehen gegeben, dass sie mit meiner Art wenig anfangen konnten. Sie hatten das Gefühl, dass ich mich für etwas Besseres halte. Kein Wunder, ich war arrogant, ich habe mich bewusst abgegrenzt. Deshalb war ich in den Gruppen selten integriert. Irgendwann war ich gefangen in dieser Rolle. Ich war nur noch frustriert und verletzt. Dieses Gefühl ist 2006 in Mönchengladbach entstanden, in Köln hat es sich verfestigt, in Nürnberg war dann nichts mehr zu retten.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie Depressionen?

Broich: Von Zuständen, wie sie Robert Enke oder Sebastian Deisler verspürt haben müssen, war ich zum Glück weit entfernt, trotzdem hätte ich einen Psychologen aufsuchen müssen. Es ging bei mir schleichend abwärts. Medien und Fans hatten ein Bild von mir. Dagegen habe ich versucht zu rebellieren, irgendwann habe ich resigniert. Ich habe alles persönlich genommen, ich war nicht empfänglich für Kritik. Ich hatte das Gefühl, dass ich es niemandem mehr Recht machen konnte, vor allem mir selbst nicht. Ich habe eine Verweigerungshaltung aufgebaut, ich habe Verachtung gegenüber meinem Beruf verspürt. Der Gedanke an Training hat mir Schmerzen bereitet, das muss psychosomatisch bedingt gewesen sein. Im Dezember 2009 habe ich Aljoscha Pause aus Nürnberg angerufen und gesagt: Ich glaube, ich kann keinen Fußball spielen.

ZEIT ONLINE: Sie haben mit dem Filmemacher Aljoscha Pause eine einmalige Langzeitstudie erarbeitet. Welche Erkenntnisse brachte der Film für Sie?

Broich: Der Film macht deutlich, wie man es als Profi nicht machen sollte. Man sieht, dass ich ein guter Fußballer war und dass mehr möglich gewesen wäre – wenn ich mir selbst nicht im Weg gestanden hätte. Ich hätte bloß gut spielen müssen, dann wäre die Kritik an meinem Verhalten abgeperlt. Aber wenn man sich mit seiner Persönlichkeit weit aus dem Fenster wagt und sich sportlich angreifbar macht, dann entsteht eine gefährliche Mischung. Und das in einem Geschäft, in dem es viel Boshaftigkeit gibt. Dafür war ich nicht robust genug.