Fußballer Thomas Broich"Ich habe Verachtung gegenüber meinem Beruf gespürt"

Thomas Broich gab sich als kickender Philosoph. Als das zur Bürde wurde, floh er und fand sein Glück in Australien. Nun erzählt ein Film seine Geschichte.

"Ich fand es toll, verschachtelte Sätze zu bauen": der Fußballer Thomas Broich

"Ich fand es toll, verschachtelte Sätze zu bauen": der Fußballer Thomas Broich

Im Fußball gehe es auch darum, seinen Willen durchzusetzen, "und wenn es der Wille zum Scheitern ist". Vermutlich könnte Thomas Broich seine Laufbahn kaum treffender beschreiben als mit diesem Satz. Bei Borussia Mönchengladbach galt er 2004 als angehender Nationalspieler. Er präsentierte sich als der kickende Philosoph, der Klassiker las, Klavier spielte, Miniaturen von griechischen Tempeln töpferte. Er gefiel sich darin, anders zu sein, doch das Anderssein wurde zu einer Bürde, als der Erfolg ausblieb. In Gladbach, in Köln, 2010 in Nürnberg spürte er Symptome einer Depression. Er glaubte das Spielen verlernt zu haben.

Diese Karriere wird nun in einem Kinofilm aufgearbeitet: Tom Meets Zizou - Kein Sommermärchen. Neun Jahre lang hatten sich Broich und der Bonner Filmemacher Aljoscha Pause immer wieder getroffen. Mehr als hundert Stunden Material verdichtete der Grimme-Preisträger Pause zu einer geistreichen Studie einer oft geistlosen Branche. Mit Brüchen, Wendungen, Lehren – und einem heilsamen Finale: Broich zerbricht nicht, er wählt einen Neustart in Australien, fernab des Bundesliga-Zirkus. Mit Brisbane Roar bleibt Broich in dieser Spielzeit 27 Spiele ungeschlagen, wird am Ende Meister.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Herr Broich, am Anfang Ihrer Bundesliga-Karriere haben Medien Ihnen einen Stempel verpasst: "Mozart mit der Kugel". Wie sind Sie damit umgegangen?

Thomas Broich: Es hat mir geschmeichelt, deshalb bin ich in diese Falle getappt. Ich war sehr eitel, ich habe mich berufen gefühlt, irgendwelche Standpunkte zu vertreten. Ich fand es toll, verschachtelte Sätze zu bauen. Ich dachte, ich könnte den Fußball auf meine Art revolutionieren. Doch dieses Verhalten wurde zu einem Nachteil. Ich habe aus dem Auge verloren, dass ich in erster Linie Fußballer bin. Dadurch habe ich mich isoliert.

ZEIT ONLINE: Sie beschreiben den Fußball im Film als eine Illusion, in der man verschiedene Rollen annimmt.

Broich: Die Medien haben mir eine Plattform gegeben. Im ersten Jahr in Gladbach wurde ich als der Virtuose dargestellt, der Dostojewski liest, während andere Spieler in Waffenmagazinen blättern. In meiner Naivität habe ich nicht begriffen, dass dadurch eine Fallhöhe entsteht. Von Anfang an bestand die Gefahr, dass es schnell abwärts geht.

ZEIT ONLINE: Ihr Freund und ehemaliger Trainer in Nürnberg, Michael Oenning, sagt im Film: Wer im Fußball anders ist, wird schnell als Gefahr wahrgenommen. Teilen Sie seinen Eindruck?

Broich: Viele meiner Kollegen haben mir zu verstehen gegeben, dass sie mit meiner Art wenig anfangen konnten. Sie hatten das Gefühl, dass ich mich für etwas Besseres halte. Kein Wunder, ich war arrogant, ich habe mich bewusst abgegrenzt. Deshalb war ich in den Gruppen selten integriert. Irgendwann war ich gefangen in dieser Rolle. Ich war nur noch frustriert und verletzt. Dieses Gefühl ist 2006 in Mönchengladbach entstanden, in Köln hat es sich verfestigt, in Nürnberg war dann nichts mehr zu retten.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie Depressionen?

Broich: Von Zuständen, wie sie Robert Enke oder Sebastian Deisler verspürt haben müssen, war ich zum Glück weit entfernt, trotzdem hätte ich einen Psychologen aufsuchen müssen. Es ging bei mir schleichend abwärts. Medien und Fans hatten ein Bild von mir. Dagegen habe ich versucht zu rebellieren, irgendwann habe ich resigniert. Ich habe alles persönlich genommen, ich war nicht empfänglich für Kritik. Ich hatte das Gefühl, dass ich es niemandem mehr Recht machen konnte, vor allem mir selbst nicht. Ich habe eine Verweigerungshaltung aufgebaut, ich habe Verachtung gegenüber meinem Beruf verspürt. Der Gedanke an Training hat mir Schmerzen bereitet, das muss psychosomatisch bedingt gewesen sein. Im Dezember 2009 habe ich Aljoscha Pause aus Nürnberg angerufen und gesagt: Ich glaube, ich kann keinen Fußball spielen.

ZEIT ONLINE: Sie haben mit dem Filmemacher Aljoscha Pause eine einmalige Langzeitstudie erarbeitet. Welche Erkenntnisse brachte der Film für Sie?

Broich: Der Film macht deutlich, wie man es als Profi nicht machen sollte. Man sieht, dass ich ein guter Fußballer war und dass mehr möglich gewesen wäre – wenn ich mir selbst nicht im Weg gestanden hätte. Ich hätte bloß gut spielen müssen, dann wäre die Kritik an meinem Verhalten abgeperlt. Aber wenn man sich mit seiner Persönlichkeit weit aus dem Fenster wagt und sich sportlich angreifbar macht, dann entsteht eine gefährliche Mischung. Und das in einem Geschäft, in dem es viel Boshaftigkeit gibt. Dafür war ich nicht robust genug.

ZEIT ONLINE: Was hätten Sie anders machen müssen?

Broich: Ich hätte cleverer sein müssen, ich hätte mit dem Image des kickenden Philosophen nicht kokettieren dürfen. Ich hätte zwischen meinen Teamkollegen und mir nicht die Unterschiede betonen dürfen, sondern die Gemeinsamkeiten, also die Leidenschaft für den Fußball. Dass der Film mir diese verpassten Chancen vor Augen führt, ist traurig.

ZEIT ONLINE: Andere Spieler wären in vergleichbaren Situationen gescheitert. Warum sind Sie trotzdem zufrieden?

Broich: Titel sind für mich nicht die entscheidenden Kategorien. Ich sage früh im Film, dass ich Fußball als Chance begreife, ein anderes Land kennenzulernen, eine andere Sprache, eine andere Kultur. Ich war in Nürnberg unzufrieden, ich wollte etwas grundlegend anders machen. Also bin ich nach Australien gegangen. Dort habe ich die Kurve gekriegt.

ZEIT ONLINE: Sie haben Abstand gesucht?

Broich: Was mich in Deutschland gestört hat, ist dieses krasse Schwarz-Weiß-Denken, diese krankhaft übertriebene Erwartungshaltung. Ständig wird einem suggeriert, dass von 18 Mannschaften in der Bundesliga zwölf ihren Ansprüchen nicht gerecht werden können. Das erzeugt ein negatives, belastendes Klima. Neulich war ich in Köln und habe mir eine Zeitung gekauft. Der FC hatte 2:6 in Hamburg verloren. Ein Journalist hat geschrieben: Spieler X ließ sich von Spieler Y so überlaufen, sodass man an seinem Charakter zweifeln muss. Solche Urteile gehen mir zu weit.

ZEIT ONLINE: Die Popularität des Fußballs in Australien ist viel geringer.

Broich: Von 50.000 Zuschauern in der Bundesliga gefeiert zu werden, ist wie ein Rausch – ein kurzer Rausch. In Australien befinde ich mich eher in einem positiven Dauerzustand. Ich bin glücklicher, als ich es in den Bundesliga je war. Alles geht unaufgeregter zu, menschlicher. Jetzt kann ich Fußball wirklich genießen. Wahrscheinlich haben die deutschen Klubs die besseren Ärzte und die größeren Mannschaftskabinen. Aber in Australien hören die Kollegen wirklich zu, der Austausch ist intensiver.

ZEIT ONLINE: Mit einer seltenen Offenheit entlarven Sie im Film Floskeln und Scheinheiligkeit der Bundesliga. Warum?

Broich: Meistens ist es so: Wer am lautesten brüllt, wird erhört. Mit Phrasen von Leitwölfen oder vom Dazwischenhauen. Mich hat immer gestört, dass nie ein differenzierter Blick auf ein Spiel möglich war. Krampfhaft wurden Fehler gesucht und überbetont. Ich glaube, dass viel mehr möglich wäre in unserem Beruf, wenn man anders miteinander umgehen und ein wenig mehr nachdenken würde. In der Bundesliga gibt es Verlogenheit und Egoismen, in Australien spielt das naturgemäß kaum eine Rolle, weil alles auf kleinerer Flamme gekocht wird.

ZEIT ONLINE: Michael Oenning, der seit kurzem Cheftrainer in Hamburg ist, wird zur Filmpremiere nach Berlin kommen. Sie sind jetzt 30, wollen Sie noch einmal in der Bundesliga spielen?

Broich: Ich mag die Bundesliga – aus der Entfernung. Dass ich ein Teil von ihr gewesen bin, war phasenweise grausam. Der Film hat mir geholfen, meinen Frieden zu machen, ich kann nun entspannter mit meiner Vergangenheit umgehen. Der Film ist wie ein Bilderbuch des eigenen Lebens, das ist wirklich wertvoll.

Tom Meets Zizou feiert an diesem Freitag beim Berliner Fußballfilmfestival 11mm Premiere.

 
Leserkommentare
  1. Würde ihm aber nicht raten, nach solchen Interviews, nochmal Bundesliga zu probieren. Fußballfans - und hier spreche ich nicht nur von ULTRAS - können brutal sein.

    Schwäche, Selbstreflektion, Intellekt, Feingeist etc. kommen dort gar nicht gut.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service