"Wer am lautesten brüllt, wird erhört"
ZEIT ONLINE: Was hätten Sie anders machen müssen?
Broich: Ich hätte cleverer sein müssen, ich hätte mit dem Image des kickenden Philosophen nicht kokettieren dürfen. Ich hätte zwischen meinen Teamkollegen und mir nicht die Unterschiede betonen dürfen, sondern die Gemeinsamkeiten, also die Leidenschaft für den Fußball. Dass der Film mir diese verpassten Chancen vor Augen führt, ist traurig.
ZEIT ONLINE: Andere Spieler wären in vergleichbaren Situationen gescheitert. Warum sind Sie trotzdem zufrieden?
Broich: Titel sind für mich nicht die entscheidenden Kategorien. Ich sage früh im Film, dass ich Fußball als Chance begreife, ein anderes Land kennenzulernen, eine andere Sprache, eine andere Kultur. Ich war in Nürnberg unzufrieden, ich wollte etwas grundlegend anders machen. Also bin ich nach Australien gegangen. Dort habe ich die Kurve gekriegt.
ZEIT ONLINE: Sie haben Abstand gesucht?
Broich: Was mich in Deutschland gestört hat, ist dieses krasse Schwarz-Weiß-Denken, diese krankhaft übertriebene Erwartungshaltung. Ständig wird einem suggeriert, dass von 18 Mannschaften in der Bundesliga zwölf ihren Ansprüchen nicht gerecht werden können. Das erzeugt ein negatives, belastendes Klima. Neulich war ich in Köln und habe mir eine Zeitung gekauft. Der FC hatte 2:6 in Hamburg verloren. Ein Journalist hat geschrieben: Spieler X ließ sich von Spieler Y so überlaufen, sodass man an seinem Charakter zweifeln muss. Solche Urteile gehen mir zu weit.
ZEIT ONLINE: Die Popularität des Fußballs in Australien ist viel geringer.
Broich: Von 50.000 Zuschauern in der Bundesliga gefeiert zu werden, ist wie ein Rausch – ein kurzer Rausch. In Australien befinde ich mich eher in einem positiven Dauerzustand. Ich bin glücklicher, als ich es in den Bundesliga je war. Alles geht unaufgeregter zu, menschlicher. Jetzt kann ich Fußball wirklich genießen. Wahrscheinlich haben die deutschen Klubs die besseren Ärzte und die größeren Mannschaftskabinen. Aber in Australien hören die Kollegen wirklich zu, der Austausch ist intensiver.
ZEIT ONLINE: Mit einer seltenen Offenheit entlarven Sie im Film Floskeln und Scheinheiligkeit der Bundesliga. Warum?
Broich: Meistens ist es so: Wer am lautesten brüllt, wird erhört. Mit Phrasen von Leitwölfen oder vom Dazwischenhauen. Mich hat immer gestört, dass nie ein differenzierter Blick auf ein Spiel möglich war. Krampfhaft wurden Fehler gesucht und überbetont. Ich glaube, dass viel mehr möglich wäre in unserem Beruf, wenn man anders miteinander umgehen und ein wenig mehr nachdenken würde. In der Bundesliga gibt es Verlogenheit und Egoismen, in Australien spielt das naturgemäß kaum eine Rolle, weil alles auf kleinerer Flamme gekocht wird.
ZEIT ONLINE: Michael Oenning, der seit kurzem Cheftrainer in Hamburg ist, wird zur Filmpremiere nach Berlin kommen. Sie sind jetzt 30, wollen Sie noch einmal in der Bundesliga spielen?
Broich: Ich mag die Bundesliga – aus der Entfernung. Dass ich ein Teil von ihr gewesen bin, war phasenweise grausam. Der Film hat mir geholfen, meinen Frieden zu machen, ich kann nun entspannter mit meiner Vergangenheit umgehen. Der Film ist wie ein Bilderbuch des eigenen Lebens, das ist wirklich wertvoll.
Tom Meets Zizou feiert an diesem Freitag beim Berliner Fußballfilmfestival 11mm Premiere.
- Datum 25.03.2011 - 10:47 Uhr
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Würde ihm aber nicht raten, nach solchen Interviews, nochmal Bundesliga zu probieren. Fußballfans - und hier spreche ich nicht nur von ULTRAS - können brutal sein.
Schwäche, Selbstreflektion, Intellekt, Feingeist etc. kommen dort gar nicht gut.
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