Moritz Volz"Zu Guttenberg gestattet man keine Schummelei"

Lügen werden durch die Gesellschaft automatisch getadelt, sagt der St. Pauli-Profi Moritz Volz. Ein Gespräch über Schummeln im Fußball und in der Politik von 

"Ich bin naiv": Moritz Volz

"Ich bin naiv": Moritz Volz  |  © Friedemann Vogel/Bongarts/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Volz, Forscher haben herausgefunden, dass jeder Mensch bis zu 200 Mal am Tag lügt. Lügen Sie auch so häufig?

Moritz Volz: Ich denke nicht. Ich lüge sehr ungern. Mir fällt es schwer. Wenn ich mal Lügen muss, merkt man mir das an. Ich bin da wenig abgeklärt.

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ZEIT ONLINE: Werden Sie rot? Fangen Sie an, zu stottern?

Volz: Nein, das nicht. Aber um ein guter Lügner zu sein, hilft es, wenn man sich die Story sehr gut zurechtlegt. Ich gehe da oft nicht so ins Detail, und wenn ich dann zu Erklärungen gezwungen werde, stolpere ich. Es gibt Situationen, in denen man lügt, um es für andere Personen nicht unangenehm werden zu lassen.

ZEIT ONLINE: Also gibt es gute und schlechte Lügen?

Volz: Manchmal sind Lügen für alle Beteiligten besser als die Wahrheit. Es kommt auch oft darauf an, wie gut man die andere Person kennt. Und ob die mit der Ehrlichkeit zurechtkommt oder sich pikiert fühlt.

ZEIT ONLINE: Kant sagte: Selbst eine Lüge, die keinem betroffenen unmittelbar schadet, schadet immer der Menschheit im Allgemeinen.

Volz: Interessanter Ansatz, man müsste sich mal eine Welt vorstellen, in der niemand lügt. Es gibt ja den Film Der Dummschwätzer mit Jim Carrey, in dem er alles, was er wirklich denkt, auch ausspricht. Am Anfang sind viele Leute schockiert, im Nachhinein stellt es sich aber als positiv heraus.

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ZEIT ONLINE: Würde sich die Welt wirklich zum Besseren ändern, wenn wir alle stets die Wahrheit sagen würden?

Volz: Ich weiß es nicht. Wenn ich zum Beispiel zu spät zu einem Termin erscheine, dann kann es sein, dass ich zu spät los bin oder Pech hatte und im Stau stand. Dann überlege ich mir, wie ich die Situation für mich am besten darstellen kann. Ob ich dann lüge oder nicht, ändert am Ende nichts an der Tatsache, dass ich zu spät gekommen bin.

ZEIT ONLINE: Im Moment wird viel über Karl-Theodor zu Guttenberg diskutiert. Hat er gelogen?

Volz: Es wäre sehr naiv zu glauben, dass nur Zufall und unglückliche Umstände dazu geführt haben, dass ihm sein Doktor-Titel aberkannt wurde. Es ist sicher kein Geheimnis, dass man sich bei solchen Arbeiten helfen lässt, oder dass man schummeln kann. Aber dass er Politiker und Minister war, sorgte dafür, dass er viel kritischer bewertet wurde. Letztlich war die Frage: War der Mann noch in der Lage, seine Funktion auszufüllen? Oder ging das nicht mehr, weil er woanders nicht ehrlich gewesen ist? Ich denke nicht.

ZEIT ONLINE: Wenn er Verteidigungsminister geblieben wäre, hätte das nicht bedeutet, dass lügen und schummeln hoffähig werden in Deutschland?

Volz: Auch in Deutschland wird auf allen möglichen Ebenen viel geschummelt. Zu Guttenberg ist da nur ein Exempel, das man statuiert. Er ist aufgrund seiner Position jemand, dem man Schummelei nicht gestattet, obwohl man weiß, dass es trotzdem weiter passieren wird.

ZEIT ONLINE: Wie sollte eine Gesellschaft Lügen bestrafen?

Volz: Es geht ja auch um Vertrauen. Ich glaube, dass Leute, die sehr viel lügen, irgendwann einen Ruf weghaben, der für sie Konsequenzen hat. Lügen werden in der Gesellschaft quasi automatisch getadelt.

ZEIT ONLINE: Also währt ehrlich doch am längsten. Oder ist das zu naiv?

Volz: Das Sprichwort würde ich unterschreiben. Aber ich bin sowieso eine sehr naive Person, die an das Gute glaubt.

Leserkommentare
  1. zu Guttenbergs Dissertation als "Schummelei". Das dürfte der akademische Teil der Gesellschaft in diesem unserem Lande als Untertreibung allerersten Grades ansehen. Ist es wirklich "ZEIT"-Niveau, Herrn Volz mit diesem Thema zu befassen. Wie weit ist die ZEIT dann noch vom Boulevard entfernt ?

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    • MJB
    • 01. März 2011 18:45 Uhr

    Zum Glück zumindest noch weit genug, um einen Fußballer zu interviewen, der Guttenberg nicht als tadellosen Ehrenmann glorifiziert. :-)

    Ich erinnere gerne an Herrn Phillip "Meine Meinung zu der BILD ist 'ne sehr positive." Lahm, der sich durch die Teilnahme an dieser Werbung ordentlich selbst ins Aus katapultiert hat.

    Im Gegensatz zu di Lorenzo hat Moritz Volz ein gesundes Rechstverstaendnis und merkt, dass jemand der zu oft gelogen hat, nicht mehr vertrauenswuerdig ist und somit auch nicht mehr erfolgreich im verantwortungsvollen Amt z.B. eines Ministers bleiben kann.

    Den Unterschied zwischen Recht und Unrecht lernt man eben nicht auf der Uni, im Gegenteil, je weiter man die Karriereleiter hochfaellt, desto verschwommener scheint es ja zu werden.

  2. Gerade im Fußball wird so sehr gelogen und geschauspielt, daß es widerwärtig ist.

    Typische Spielszenen:
    - Ball rollt nach Zweikampf ins Aus, beide beteiligten Spieler reklamieren den Ball für sich. Einer davon lügt.
    - Spieler fällt um, falls er den Ball verloren hat und ein Gegner in der Nähe war, und windet sich so lange schmerzverzerrt auf dem Boden, bis er einen Freistoß hat.
    - Absichtliches Handspiel gibt es nicht, niemals.
    - Die Mauer läuft immer vor, sobald der Schiedsrichter nicht hinschaut.

    Der Inbegriff der institutionalisierten Unfairness ist allerdings der dreist und ganz bewußt zur Übervorteilung des Gegners eingesetzte Regelverstoß: das "taktische Foul". Der ehrliche Spieler, der es unterläßt, ist der Trottel.

    Witzig, daß ausgerechnet im real existierenden Fußball soviel Gewese um "Fairplay" geheuchelt wird.
    Jeder Betrug ist recht, solange er nicht entdeckt und gepfiffen wird.
    Guttenberg wäre ein guter Fußballer geworden.

    • MJB
    • 01. März 2011 18:45 Uhr

    Zum Glück zumindest noch weit genug, um einen Fußballer zu interviewen, der Guttenberg nicht als tadellosen Ehrenmann glorifiziert. :-)

    Ich erinnere gerne an Herrn Phillip "Meine Meinung zu der BILD ist 'ne sehr positive." Lahm, der sich durch die Teilnahme an dieser Werbung ordentlich selbst ins Aus katapultiert hat.

    Antwort auf "Herr Volz bezeichnet"
  3. Immerhin besitzt die Zeit noch das Niveau, sich nicht nur mit dem akademischen Teil der Gesellschaft zu befassen, der sich in all seiner durch die Abgrenzung zu anderen gesellschaftlichen Gruppen gezeigten Selbstherrlichkeit nicht allzu sehr von einem gewissen EX-Außenminister unterscheidet.

  4. Im Gegensatz zu di Lorenzo hat Moritz Volz ein gesundes Rechstverstaendnis und merkt, dass jemand der zu oft gelogen hat, nicht mehr vertrauenswuerdig ist und somit auch nicht mehr erfolgreich im verantwortungsvollen Amt z.B. eines Ministers bleiben kann.

    Den Unterschied zwischen Recht und Unrecht lernt man eben nicht auf der Uni, im Gegenteil, je weiter man die Karriereleiter hochfaellt, desto verschwommener scheint es ja zu werden.

    Antwort auf "Herr Volz bezeichnet"
  5. ich frage mich: kann die ZEIT-Redaktion es nicht verkraften, dass sie an der Seite von BILD als Verteidiger des "Hochstaplers Felix Guttenberg" (< Hochstapler ungerügt im Bundestag!!!) stand (steht???), während die meisten anderen Zeitungen /Zeitschriften zusammen mit vielen Wissenschaftlern / Studierenden H. G. nicht als Schummler, sondern als Plagiator entlarvt haben und wissen, was geistiges Eigentum bedeutet?
    Dieser Artikel suggeriert JETZT, dass H.G., na ja, nur mal geschummelt hat.

    In Deutschland gilt zwar, dass man nicht vor-verurteilen soll; doch wenn es so offensichtlich ist, dass so gefälscht wurde, dann kann, nein: muss man härtere Töne anschlagen!
    H.G. hat es bis jetzt noch nicht begriffen, was er getan hat (beschuldigt die Presse).
    Jeder, der eine Graduierungsarbeit und insb. eine Doktorarbeit geschrieben hat, WEISS, was eine ordnungsgemäße Arbeit ist (bzw. sollte es willen). So viele Plagiatsstellen, da steckt kriminelle Energie hinter - 7 Jahre lang ! -, jedenfalls UNBEWUSST kann so etwas nicht geschehn oder man ist schizophren.
    So sehe ich es... und ich stehe wohl nicht alleine da mit meiner Meiniung!

  6. Lustig ist, das sich ein Mannschaftskollege von Herrn Lehmann zum Schummeln äußert, der vor Vierzehn Tagen, wegen einer Schauspieleinlage gegen Igor de Camargo nicht ganz zu Unrecht von der Presse als Lügner abgestempelt wurde.

    Wissen Sie, Schummeln, Betrügen, Lügen, sind zwar keine Tugenden. Aber jeder beherrscht sie. Allein die Leute die das leugnen, belügen sich selbst.

    Es fängt im Kindesalter an und erstreckt sich bei manchen bis zur Dr Arbeit, oder gar bis zum Tod.

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    • Bueti
    • 03. März 2011 4:05 Uhr

    Die bereits ausgiebig diskutierten Bedenken, welche gegen dieses Interview geäußert wurden, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Aus meiner Sicht ist es sehr interessant, das Thema Lügen im Zusammenhang mit der "Guttenberg-Affäre" wieder etwas mehr in den Focus der Öffentlichkeit zu bringen. Ein Focus auf den "Lieblingssport der Deutschen" hat mich dabei sehr unterhalten. Dabei ging es aus meiner Sicht nicht um die Gesamtumstände des Herrn Guttenberg. Darüber wird an anderer Stelle genug berichtet. Es ging hier um die Meinung des Teamplayers Moritz Volz zum Thema Ehrlichkeit. Volz, der mir vor seiner Zeit beim FC St. Pauli mehr durch seine sympathischen Ansichten als durch sportliche Erfolge bekannt wurde, hat als Kolumnist hier die Darstellung des eigenen Standpunkts aus meiner Sicht sehr interessant geschildert. Damit hat er zwar keine Neuigkeiten zum Plagiatsskandal beigetragen. Mit seiner Kolumne fordert er den Leser jedoch auf, sich selbst in Sachen Ehrlichkeit zu hinterfragen, bevor man andere verurteilt.

    • WDK
    • 02. März 2011 20:52 Uhr

    Die Meinung eines Fussballers zur Lügenaffäre des zu Guttenberg zu erfragen, das kann ich nachvollziehen. Warum nicht ?

    Was mich "zur Feder" greifen ließ war diese einleitende Reporterfrage:

    "Herr Volz, Forscher haben herausgefunden, dass jeder Mensch bis zu 200 Mal am Tag lügt. Lügen Sie auch so häufig?"

    Welche "Forscher" haben das "herausgefunden" ? Ich kann und werde das mit den 200 mal pro Tag nicht glauben. Es sei denn, ich habe ganz aus Versehen eine Revolution in der Definitionswelt der "Lüge" einfach verschlafen.

    Diese einleitende These und damit verbundenen ist nichts als unterster "Schmieren Journalismus" !

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