Diese Woche hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) zum vierten Mal seinen Integrationspreis verliehen. Es ist eine von vielen Ehrungen und Aktionstagen, auf denen der DFB sein soziales Gesicht zeigt – meist unter Aufwartung von Politikern, Prominenten und Sponsoren. Engagement wird im DFB betont, seit Theo Zwanziger Präsident ist. Er tut Gutes und redet darüber.

Doch wie sehr engagiert sich der DFB sozial und politisch tatsächlich? Setzt er seine Mittel effektiv ein? Lässt er prüfen, ob er seine Ziele erreicht? Der DFB ist der mitgliederstärkste Sportverband der Weltmuss er diese Arbeit deshalb leisten? Oder sollte er sich gerade deswegen aus der Politik raushalten? In einer Serie versucht ZEIT ONLINE diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Heute Teil 1: Der Kampf des DFB gegen Rechtsextremismus und Rassismus

Ein Kern der DFB-Politik unter Theo Zwanziger ist der Kampf gegen Rechtsextremismus und Rassismus – eine klare Abgrenzung gegenüber seinem Vorgänger Gerhard Mayer-Vorfelder. Der ultrakonservative ehemalige CDU-Politiker fiel durch deutschnationale Aussagen auf ("Wenn beim Spiel Bayern gegen Cottbus nur zwei Germanen in der Anfangsformation stehen, kann irgendetwas nicht stimmen"). Damit reihte sich "MV" in eine fragwürdige DFB-Tradition ein. 1954 feierte der DFB-Präsident Peco Bauwens den WM-Titel von Bern mit einer völkischen Bierkellerrede, die er auch zwanzig Jahre zuvor hätte halten können. Noch im Jahr 1978 empfing einer seiner Nachfolger, Hermann Neuberger, während des WM-Turniers in Argentinien nach Südamerika geflohene Nazis im Trainingslager.

Theo Zwanziger, Präsident seit 2004 (bis 2006 als Doppelspitze mit Mayer-Vorfelder), hat den DFB von diesem Dünkel befreit. Er schafft Öffentlichkeit für sensible Fragen. Mit dem Deutschen Olympischen Sportbund sowie den Ministerien des Innern und für Familie hat der DFB im Januar ein Bündnis gegen Rechts präsentiert , unter anderem mit der ZEIT vor gut vier Jahren das Portal Netz gegen Nazis ins Leben gerufen, es unter anderem bei Länderspielen beworben. Gemeinsam mit dem Europäischen Fußballverband führt der DFB die "Anti-Rassismus-Wochen" durch, mit der Deutschen Fußball-Liga "Zeig Rassismus die Rote Karte", beides sind Kampagnen, die er mitfinanziert.

Seit 2005 vergibt der DFB zusätzlich den "Julius-Hirsch-Preis", mit dem er Vereine und Initiativen prämiert, die sich für "Demokratie, Menschenrechte sowie den Schutz von Minderheiten" einsetzen. Den Siegern stiftet der DFB 20.000 Euro. Aktueller Preisträger sind der SV Blau-Weiß Sedlitz, Roter Stern Leipzig und der SV Lehrte, drei Vereine, die für Gleichberechtigung und Toleranz eintreten. Im Jahr 2009 verlieh der DFB Giovanni di Lorenzo, dem Chefredakteur der ZEIT, den Ehrenpreis. Benannt ist die Ehrung nach einem jüdischen Nationalspieler aus Karlsruhe, der im März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde.

Setzt der DFB sein Geld effektiv ein?

Der DFB setzt viel Geld ein, aus dem eigenen Haushalt sowie über die Stiftungen Sepp Herberger und Egidius Braun. Doch tut er das immer effektiv? Ende 2009 wurde "Am Ball bleiben" , das einzige bundesweite Antidiskriminierungsprojekt, das Profi- und Amateurfußball verband, eingestellt, obwohl dessen Leiter Gerd Wagner viele Trainer, Schiedsrichter und Eltern von seinem Anliegen überzeugt hatte und das weiter tun wollte.

"Rassismus, auch Antisemitismus sind nach wie vor Probleme unserer Gesellschaft und damit des Fußballs, das belegen soziologische Studien", sagt Wagner. Doch von einundzwanzig DFB-Landesverbänden haben nur Hessen, Berlin, Niedersachsen und Schleswig-Holstein einen hauptamtlichen Ansprechpartner für Diskriminierung. Wagner hätte diese Zahl gerne erhöht, doch "Am Ball bleiben" war nur auf drei Jahre Förderung angelegt, die DFB-Bürokratie hat eine Fortführung verhindert.

Der DFB-Vizepräsident Rolf Hocke sagt, es gebe keinen sachlichen und inhaltlichen Grund, warum "Am Ball bleiben" geschlossen wurde. "Mitunter sind es finanzielle Zwänge, solche Projekte sind nicht billig." 50.000 Euro hat "Am Ball bleiben" den DFB pro Jahr gekostet, den gleichen Betrag stellte das Familienministerium zur Verfügung. Zum Vergleich: Das Kulturbudget der WM 2006 betrug rund 30 Millionen Euro, die Aktion "Tausend Mini-Felder" war dem DFB gut 20 Millionen wert.

Natürlich lässt sich trefflich darüber streiten, wie Geld sozialpolitisch am sinnvollsten verteilt werden soll. Gutes kann man schwer messen, und Gutes kann man nie genug tun. Doch wenn er seiner Selbstdarstellung gerecht werden will, müsste der DFB zum Beispiel "Tatort Stadion 2" Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Die Wanderausstellung tourt seit April 2010 durch Deutschland, ihre Themen sind Rassismus, Nationalismus und Antiziganismus im Stadion. Allerdings kritisiert sie auch den "Party-Patriotismus" bei deutschen Länderspielen.

"Tatort Stadion 2" ist eine Erweiterung von "Tatort Stadion", der Ausstellung, die vor zehn Jahren in Fußballdeutschland Furore machte. Auch weil sie einschlägige Zitate Mayer-Vorfelders präsentierte. Der DFB wollte dies durch Entzug von zugesicherten 10.000 Mark Förderung verhindern, die Initiatoren blieben jedoch standhaft und verzichteten auf das Geld. Für den Julius-Hirsch-Preis 2010 haben sich die ehrenamtlich arbeitenden Aussteller erfolglos beworben, auf eine offizielle Erwähnung durch den DFB hoffen sie bislang vergebens.

Unter Mitarbeit vonChristian Spiller

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