Was Tyler Hamilton mit zittriger Stimme und wässrigen Augen in der amerikanischen Fernsehsendung 60 Minutes vorige Woche über Lance Armstrong erzählte, hatte auf den ersten Blick wenig Neuigkeitswert. "Ich sah Epo in seinem Kühlschrank. Ich sah mehr als einmal, wie er sich gespritzt hat. Wir alle taten es – viele, viele Male", sagte Hamilton, der von 1998 bis 2001 an der Seite von Armstrong im US-Postal-Team fuhr und an drei Tour-de-France-Siegen des Texaners beteiligt war.

Ähnliches hatte Armstrongs einstiger Kollege Floyd Landis vor einem Jahr behauptet, dessen Aussagen die Ermittlungen des gefürchteten Fahnders Jeff Novitzky auf den Plan riefen. Der hatte schon die gedopte Sprinterin Marion Jones wegen Meineids ins Gefängnis gebracht.

Der Verdacht, den Hamilton über den Radweltsportverband (UCI) äußerte, dürfte jedoch für Aufregung in der Sportwelt sorgen. Er stellt das Dopingkontrollsystem in Frage, denn angeblich sei eine positive Dopingprobe Armstrongs vertuscht worden.

"Ich weiß, dass er einen positiven Test hatte, auf Epo, bei der Tour de Suisse 2001", sagte Hamilton, "er hat es mir gesagt." Hamilton berichtete weiter, dass sich Armstrong deswegen aber keine großen Sorgen gemacht habe, obwohl solch ein Ergebnis doch erhebliche Konsequenzen für sein ganzes Team gehabt hätte. "Er war sehr entspannt dabei, sagte es so nebenbei und lachte darüber."

Warum Lance Armstrong damals unbesorgt blieb, erklären weitere Enthüllungen des Senders. Der Chef des zuständigen Schweizer Labors in Lausanne, das Armstrongs Probe analysierte, soll vor Ermittlern bestätigt haben, die Probe als "verdächtig" und "mit dem Gebrauch von Epo übereinstimmend" eingestuft zu haben. Anschließend habe die UCI ein Treffen mit Armstrong und dessen Teamchef Johan Bruyneel arrangiert, es sei über das Testverfahren gesprochen worden.

Ein Vertreter der UCI habe gebeten, dass der verdächtige Test nicht weiter verfolgt werden soll. Dies habe der Labordirektor der Bundespolizei (FBI) in einer Eidesstattlichen Erklärung versichert. Tyler Hamilton sagte, "Armstrongs Leute und Leute von der anderen Seite, ich glaube, von der offiziellen Seite des Sports, haben einen Weg gefunden, um da raus zu kommen."