Dani Alves hält den Champions-League-Pokal in die Höhe © GLYN KIRK/AFP/Getty Images

Die Superlativitis ist eine Krankheit, die gerne mal Journalisten befällt. Schnell gilt ihnen etwas als "das Größte", "das Beste" oder "das Schönste". In diesem Fall aber... Doch lassen wir lieber Jamie aus Manchester zu Wort kommen. Er steht in der ruckelnden Londoner Metro und stützt sich müde auf ein riesiges, gefaltetes Pappplakat mit dem Champions-League-Pokal darauf, das er von einem Laternenpfahl gerissen hat.

Die Bahn ist voll, vor allem mit Barcelona-Fans, das Champions-League-Finale ist gerade vorbei. Jamie muss ein bisschen aufpassen, seine Trophäe könnte Dellen bekommen. Doch in Gedanken ist Jamie noch immer bei dem Spiel. Ungläubig schüttelt er den Kopf: "Es gab nie eine bessere Mannschaft", sagt er und meint den Gegner aus Barcelona.

Der FC Barcelona hat im Londoner Wembley-Stadion gegen Manchester United gewonnen. 3:1 , was so deutlich klingt wie es war. Auf dem Papier ist Barcelona jetzt die beste Mannschaft Europas, und damit, das darf man sagen, eigentlich auch der Welt.

Schon in den vergangenen Jahren stand der Verein unter heftigem Superlativverdacht. Das 5:0 im November gegen Real Madrid gilt als, na ja, Sie wissen schon. Jedenfalls war das Spiel so gut, dass eine französische Sportzeitung es auf DVD pressen ließ und ihren Lesern schenkte. Und Manchesters Wayne Rooney sagte einer englischen Zeitung, dass er während dieses Spiels von seiner Wohnzimmercouch aufgesprungen sei und spontan applaudiert habe.

Begeisterung aber genügt nicht, um in die Geschichte einzugehen, es braucht auch möglichst viele dicke Pokale. Daher war dieses Champions-League-Endspiel so etwas wie die Probe: Hat sich die Mannschaft die ganz großen Worte endgültig verdient?

Viele glauben es und wollten daher unbedingt dabei sein. Schon Stunden vor dem Spiel hielten einige ihre selbst gemalten Schilder hoch: "Need Ticket/Busco Entrada". 1200 britische Pfund seien bisher das fairste Angebot gewesen, erzählte einer. Ein anderer berichtet von nur 1000 Pfund für eine Karte, ein Schnäppchen.

Einige warfen sich vor lauter Begeisterung gar in ungewöhnliche Outfits. So konnten in einem Pub in Stadionnähe, der dem Verein aus Manchester zugeteilt worden war, sogar zwei Spanier im ManUnited-Trikot gesehen werden. Sie waren aus Madrid angereist und wollten den im Halbfinale ausgeschiedenen Gegner Real Madrid rächen, wie sie sagten. Vor einer Barcelona-Kneipe wiederum standen zwei Jungs aus Liverpool, Barcelona-Schals um den Hals. Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Nachdem am Samstag Abend nun der letzte goldene Konfettischnipsel gelandet und das letzte katalanische "Olé-Ola" verklungen ist, kann die große Frage als beantwortet gelten: Ja, diese Mannschaft ist wahrscheinlich die Beste, die je auf einem Fußballplatz stand. Denn welche Elf hat zuletzt den Weltfußball derart dominiert? Wer spielte so lange so schön? Wer deklassierte so klar die beiden anderen Superlativ-Clubs, Real Madrid und eben Manchester United?

Fast beiläufig fielen die Tore

Die Stärke des FC Barcelona ist seine Vision. Die Mannschaft hat eine Idee, sie will den Ball, sie will spielen, sie will auch, so sieht es zumindest aus, Spaß haben und lässt sich dabei nicht beeindrucken. Egal welcher Gegner welchen Plan mit auf den Platz bringt.

Während sich Real Madrid sich im Champions-League-Halbfinale schlicht weigerte, am Spiel teilzunehmen und wie beleidigte Kinder immer wieder die Türmchen des Konkurrenten umschubste, versuchten die Kraftmeier aus Manchester es aktiver. Sie störten Barcelonas Spielfluss an der Quelle, an der Verbindung zwischen Abwehr und Mittelfeld. Eine Taktik, die beinahe jede englischsprachige Zeitung etwas bang zur einzig chancenreichen erklärt hatte.

Der englische Entwurf ging etwa eine Viertelstunde lang gut. Dann startete die Barca-Show, und die Tore fielen unangestrengt, fast beiläufig. Für die Führung sorgte Pedro, der den Ball vom unglaublichen Xavi per Außenrist zugesteckt bekam. Jenem Xavi mit der unwirklichen Passquote , der aber dennoch immer ein wenig so dreinschaut, als hätte er zuletzt in der B-Jugend einen Ball ordentlich an den Mann gebracht. Nach Rooneys sehenswertem Ausgleich fanden erst Lionel Messi und dann David Villa für ein Finale dieser Art ungewöhnlich viel Platz, Zeit und Muße, ihre Schüsse im Tor unterzubringen.

"Das war die beste Mannschaft gegen die wir je gespielt haben", sagte Alex Ferguson anschließend. Er trainiert Manchester United seit 1986.

Viel wurde in den vergangenen Monaten erzählt über das Spiel des FC Barcelona . Da hätte jemand den Fußball decodiert hieß es. Der geistige Vater, Johan Cruyff, der mit Barcelona 1992 in Wembley den höchsten europäischen Vereinspokal gewann, schrieb von einer "Hegemonie in der Fußballwelt", von einer "wundervollen Tyrannei". Nach dem Spiel in Wembley kann man sagen: Nichts von alledem ist untertrieben.

Die Anderen müssen nun hoffen, dass Barcelona allmählich satt wird. Dass die Mannschaft angesichts der konstanten Erfolge aufhört, vom perfekten Fußball zu träumen, weil sie denkt, sie spiele ihn schon. Vom Trainer Guardiola hieß es vor dem Spiel beispielsweise, er denke daran aufzuhören, was er am Abend aber dementierte.

Am Trafalgar Square haben die Barcelona-Fans inzwischen den Sockel Admiral Nelsons erklettert. Seine Statue steht auf dem Platz, weil er einst gegen die Franzosen und die Spanier kämpfte und sie vernichtend schlug. Nun besteigen Katalanen die bronzenen Löwen, die Lord Nelson eigentlich beschützen sollen, und singen ihre Hymnen hinaus in die nasskalte Londoner Frühlingsnacht.

Auf die Frage, ob diese Mannschaft nun die beste aller Zeiten ist, antworteten die meisten von ihnen mit einer Gegenfrage: "Wer sonst?"