Die Dose ist überall. Mittlerweile hatte sich auch Tomas Oral daran gewöhnt. Der Fußballtrainer sitzt in einem teuren Leipziger Hotel, durchs Fenster scheint das Gewandhaus, nebenan die Oper, vor ihm eine Getränkedose. Oral erzählt, wie seine Mannschaft in einigen Tagen den Halleschen FC schlagen könnte. Zwischendurch nippt er an der süßen Brause. Ohne dieses Getränk würde es seinen Verein, seinen Gehaltszettel und diese Pressekonferenz nicht geben. Schmeckt es? "Natürlich", sagt Oral.

Dass sich der Trainer den Geschmack noch nicht hat verderben lassen, ist beachtlich. Er muss den Verein verlassen, weil er den Aufstieg in die Dritte Liga verpasst hat. Zu Saisonbeginn hatten 17 von 18 Viertliga-Übungsleiter auf RB Leipzig als Aufsteiger getippt. Ein Lokaljournalist, der während der Pressekonferenz weiter hinten, in Buffetnähe sitzt, hatte geschrieben, die Mannschaft stiege selbst dann auf, wenn der Busfahrer das Training leiten würde.

"Das Projekt", wie es in Leipzig viele nennen, ist einmalig im deutschen Fußball. Im Sommer 2009 kauften Vertraute des österreichischen Unternehmers Dietrich Mateschitz, der mit der Brause Red Bull reich geworden ist , dem sächsischen Fünftligisten SSV Markranstädt die Lizenz zum Fußballspielen ab . Der Verein firmierte nun als RasenBallsport Leipzig, was harmlos und fast ein wenig nostalgisch klingt, sich aber vor allem prima mit RB abkürzen lässt: RB wie Red Bull. Angeblich sollen 100 Millionen Euro in zehn Jahren investiert werden. Am Ende soll es die Bundesliga sein oder "was immer es darüber noch gibt", wie es ein Verantwortlicher damals formulierte. Fußball nach Plan, komplett unromantisch, aber spannend. Doch schon jetzt stellt sich die Frage: Ist Fußball planbar?

"Fußball ist planbar, wenn man ein Konzept hat, wenn man sich Zeit gibt und wenn man an die Dinge, die man macht, hundertprozentig glaubt", sagt Tomas Oral. Es klingt, als hätte er sich mehr Zeit und Glauben gewünscht. Als Oral zu Saisonbeginn kam, übernahm er vom Aufstiegstrainer Tino Vogel. Der hatte die vergangene Spielzeit mit 22 Punkten Vorsprung beendet, jetzt trainiert er die A-Junioren. Für den nächsten Schritt war Oral zuständig. Dazu stellten sie ihm 15 oder 16 neue Spieler auf den Platz und ließen ihn machen.

Der Trainer weiß, dass in seinem Kader mehr als 650 Bundesligaspiele stecken, sein Verteidiger Ingo Hertzsch spielte einst in der Nationalmannschaft. Aber Oral ist auch lange genug Trainer, um zu wissen, dass Fußball nicht in der Vergangenheit gespielt wird. Für ihn gibt es zwei Mannschaften: Eine steht auf dem Papier, die andere auf dem Platz. Die auf dem Papier hätte problemlos beim ZFC Meuselwitz, dem TSV Havelse oder dem SV Wilhelmshaven gewonnen. Die auf dem Platz tat es nicht. "Dass eine Mannschaft auf Knopfdruck funktioniert, so etwas wird es im Fußball nicht geben", sagt Oral. Er greift nach der Dose: "Ich bin ein Trainer und kein Zauberer."

Kein Verein muss soviel Hass ertragen wie die Leipziger. RB gilt als Kunstprodukt, als Marketingvehikel, als Ausgeburt des Fußballkapitalismus. Wo auch immer die Leipziger auftauchen, eine Mischung aus Wut, Ohnmacht und Neid ist schon da. Im vergangenen Jahr mussten die Leipziger nach dem Spiel in Jena ungeduscht in ihren großen Bus huschen und flüchten. Die Polizei hatte das empfohlen.

Henry Arff hat sich daran gewöhnt, seinen RB-Schal und seine Mütze zu verstecken, wenn er durch die eigene Stadt spaziert. Zu gefährlich. Der 46-Jährige ist Fan der ersten Stunde, er kaufte sich die fünfte oder sechste Dauerkarte, die der Verein in seiner Geschichte ausgab. Arff war einst ein Chemiker, so nennen sich noch immer die Fans des FC Sachsen, früher Chemie Leipzig, einer der beiden Traditionsvereine. Der andere heißt Lokomotive Leipzig. Weil die Stadt aber zu klein für zwei große Fußballclubs war, spielen beide Teams gerade in der fünften Liga. "Die Region war jahrzehntelang ein Fußballarmutsland", sagt Arff. Er hatte keine Lust mehr auf korrupte Vorstände und Stillstand, auf Kleinstadtfußball in der zwölftgrößten Stadt des Landes . Arff träumte von der Bundesliga, und ging zum Dosen-Verein.