Etwa 18 Monate ist es her, dass Millionen Menschen das Schicksal Robert Enkes miterlebten. Der Torwart erlag seiner Depressionskrankheit. Er starb auf Bahngleisen vor Hannover. Die Bilder der Trauerfeier übertrugen TV-Kameras live aus dem Fußballstadion. Wichtige Menschen aus Politik und Sport sagten wichtige Worte . Die Aufregung war beachtlich, die guten Vorsätze zahlreich.

Jeden fünften Deutschen erwischt die Krankheit mindestens einmal im Leben. Robert Enke war der erste Prominente unserer Mediengesellschaft, der der Depression ein Gesicht gab. Durch seinen Tod wurde eine Volkskrankheit öffentlich, über die das Volk bis dahin lieber geschwiegen hatte. Nach dem Tod des Torwarts kündigte der Deutsche Fußballbund (DFB) an, gegen das Tabuthema Depression ankämpfen zu wollen. Ausgefochten wird der Kampf in Barsinghausen, einem kleinen Vorort von Hannover.

Einmal in der Woche kommt Teresa Enke persönlich vorbeigefahren. Immer mittwochs um 9:30 Uhr bespricht die Witwe Robert Enkes mit Jan Baßler, dem Geschäftsführer der Robert-Enke-Stiftung, was mit den Mitteln der Stiftung passiert (siehe Infobox). Baßler, seine Assistentin und ein Praktikant teilen sich in Barsinghausen die Büroräume mit den Mitarbeitern des Landesfußballverbandes. Etwa 1500 Anfragen, Anregungen oder Hilfeangebote haben die Stiftung seit ihrer Gründung erreicht. Jeden Tag kommen zehn bis fünfzehn dazu.

Die Stiftung möchte die Akzeptanz der Depression in der Gesellschaft verbessern und depressiven Profisportlern helfen. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Valentin Markser, der Robert Enke behandelte, sagt: "Gerade im Leistungssport ist die Selektionshypothese das größte Problem." Selektionshypothese bedeutet, dass nur die Sportler zu Spitzensportlern werden, die keinen Schmerz kennen, erst recht keinen seelischen. Diese Annahme ist falsch.

Journalisten, Zuschauer, Sponsoren – für fast alle Beteiligten am Geschäft Fußball ist der Profi eine idealisierte Projektionsfläche. Keiner will einen Versager. Auch unter Medizinern sei die Selektionshypothese noch immer verbreitet. Tatsächlich gebe es im Profisport seelische Erkrankungen ähnlich häufig wie in der Gesamtbevölkerung. Auf die sportliche Leistungsfähigkeit müsse die Krankheit aber keinen Einfluss haben, sagt Markser. Robert Enke schaffte den Sprung ins Tor der Nationalelf nachdem seine Depression ausbrach.