Depression im LeistungssportRobert Enkes Vermächtnis

Vorurteile bleiben, aber anderthalb Jahre nach dem Suizid des Torwarts kann die Arbeit der Robert-Enke-Stiftung erste Ergebnisse vorweisen. Auch Dank der Hilfe des DFB. von 

Fans von Hannover 96 erinnern an ihren Torwart Robert Enke

Fans von Hannover 96 erinnern an ihren Torwart Robert Enke  |  © Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Etwa 18 Monate ist es her, dass Millionen Menschen das Schicksal Robert Enkes miterlebten. Der Torwart erlag seiner Depressionskrankheit. Er starb auf Bahngleisen vor Hannover. Die Bilder der Trauerfeier übertrugen TV-Kameras live aus dem Fußballstadion. Wichtige Menschen aus Politik und Sport sagten wichtige Worte . Die Aufregung war beachtlich, die guten Vorsätze zahlreich.

Jeden fünften Deutschen erwischt die Krankheit mindestens einmal im Leben. Robert Enke war der erste Prominente unserer Mediengesellschaft, der der Depression ein Gesicht gab. Durch seinen Tod wurde eine Volkskrankheit öffentlich, über die das Volk bis dahin lieber geschwiegen hatte. Nach dem Tod des Torwarts kündigte der Deutsche Fußballbund (DFB) an, gegen das Tabuthema Depression ankämpfen zu wollen. Ausgefochten wird der Kampf in Barsinghausen, einem kleinen Vorort von Hannover.

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Einmal in der Woche kommt Teresa Enke persönlich vorbeigefahren. Immer mittwochs um 9:30 Uhr bespricht die Witwe Robert Enkes mit Jan Baßler, dem Geschäftsführer der Robert-Enke-Stiftung, was mit den Mitteln der Stiftung passiert (siehe Infobox). Baßler, seine Assistentin und ein Praktikant teilen sich in Barsinghausen die Büroräume mit den Mitarbeitern des Landesfußballverbandes. Etwa 1500 Anfragen, Anregungen oder Hilfeangebote haben die Stiftung seit ihrer Gründung erreicht. Jeden Tag kommen zehn bis fünfzehn dazu.

Finanzen

Die Robert-Enke-Stiftung wurde Im Januar 2010 gegründet. Das Startkapital, 150.000 Euro, wurde je zu einem Drittel vom DFB, der Deutschen Fußballliga (DFL) und Hannover 96 bereitgestellt. Im Jahr 2010 nahm die Stiftung etwa 850.000 Euro durch Spenden ein. 400.000 Euro davon trug der DFB aus den Einnahmen des Benefizspiels der Nationalelf gegen Malta bei. Die Spieler und Trainer der Nationalelf spendeten nach der WM 2010 200.000 Euro – das entspricht etwa der Höhe der WM-Prämie, die Robert Enke bekommen hätte.

Projekte

Neben dem Referat Sportpsychiatrie an der Universität Aachen und der Koordinationsstelle an der Sporthochschule Köln unterstützt die Robert-Enke-Stiftung verschiedene Initiativen, die die öffentliche Wahrnehmung der Depression verändern sollen. Ab der kommenden Bundesligasaison wird das Projekt "Robert-Enke-Stiftung auf Tour" in den Stadien mit Flyern und Infoständen über die Krankheit informieren. Masterstudenten der Hochschule der Medien Stuttgart half die Stiftung, den Film Annas Augenblicke und die Dokumentation Müde Augen - Blicke zweier Depressionserkrankter zu drehen.

Die Stiftung möchte die Akzeptanz der Depression in der Gesellschaft verbessern und depressiven Profisportlern helfen. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Valentin Markser, der Robert Enke behandelte, sagt: "Gerade im Leistungssport ist die Selektionshypothese das größte Problem." Selektionshypothese bedeutet, dass nur die Sportler zu Spitzensportlern werden, die keinen Schmerz kennen, erst recht keinen seelischen. Diese Annahme ist falsch.

Journalisten, Zuschauer, Sponsoren – für fast alle Beteiligten am Geschäft Fußball ist der Profi eine idealisierte Projektionsfläche. Keiner will einen Versager. Auch unter Medizinern sei die Selektionshypothese noch immer verbreitet. Tatsächlich gebe es im Profisport seelische Erkrankungen ähnlich häufig wie in der Gesamtbevölkerung. Auf die sportliche Leistungsfähigkeit müsse die Krankheit aber keinen Einfluss haben, sagt Markser. Robert Enke schaffte den Sprung ins Tor der Nationalelf nachdem seine Depression ausbrach.

Leserkommentare
  1. Depression ist in der Tat ein Tabu-Thema, ein stillschweigendes Weg-Sehen. Vielleicht gibt es aber auch andere Wege, als es nur als Krankheit abzustempeln. Es ist ja schon erstaunlich, dass depressive Menschen häufig wie Robert Enke auch bewundernswerte Charaktereigenschaften besitzen. Vielleicht ist die eigentliche Krankheit jene, welche Depressionen überhaupt erst entstehen lässt? Dann wäre sie allerdings nicht (nur) bei den Depressiven selbst zu suchen. Und hier ist der Haken.

  2. Robert Enke hat sich umgebracht, indem er sich vor einen Zug geworden hat.

    Damit hat er nicht nur sein Leben ausgelöscht, sondern das des Zugführers zu einem erheblichen Maße beschädigt.

    Egoisten darf man kein Tribut zollen.

    Ich wünsche mir weniger Berichterstattung über das Leben und Wirken solcher Menschen!

    Gruß.

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    • Rhuo
    • 09. Mai 2011 22:21 Uhr

    Ganz im Gegensatz dazu steht der Fall Deisler, der merkte, dass er für dieses Geschäft nicht stabil genug ist und seine Karriere beendet hat.
    Diese Entscheidung verdient Respekt und Anerkennung.

    Jemandem Egoismus vorzuwerfen, der aus der Verzweiflung dieser grausamen Krankheit heraus sich das Leben nimmt ist geschmacklos. Wer diese Krankheit nicht hat und die tiefen Tiefs einer Depression nicht erlebt hat kann sich glücklich schätzen, hat aber kein Recht über ihn zu urteilen. Es ist tragisch und unnötig sich wegen Depressionen das Leben zu nehmen, weil die Behandlungsmöglichkeiten gut sind, aber es ist ganz sicher nicht feige.

    Nicht nur anhand Ihres Kommentares lässt sich sehen, dass hier eben sehr wohl, noch sehr viel Aufklärungsarbeit zu leisten ist!

  3. 3. Fragen

    Wie mag der Verfasser des Artikels zu der Behauptung kommen,
    Robert Enke "sei der der erste Prominente unserer Mediengesellschaft" gewesen, der "der Depression ein Gesicht gab"? Während ich von Enke noch nie gehört hatte,
    waren selbst mir als absolutem Fußball-Laien die lange vorher wiederholt öffentlich gemachen Depressionen des Spitzen-Fußballers Sebastian Deisler bekannt. Jeder wird darüber hinaus eine Reihe depressiver Prominenter unter Schauspielern und anderen Künstlern kennen.
    Seit Jahren wird Depression immer wieder in Presse, Funk und
    Fernsehen thematisiert. Vom mangelnden Informationen kann
    keine Rede sein. Vor diesem Hintergrund ist sehr zu bezweifeln, daß Depressions-Stiftungen für einzelne Berufsgruppen sinnvoll sind. Robert Enke ist sicherlich nicht wegen Mangels an Informationen gestorben. Bei richtiger ärztlicher Behandlung lassen sich Selbsttötungen
    durch entsprechende Medikation gut verhinden. Soweit ich unterrichtet bin, wurde Enke nicht nur durch einen Psychiater, sondern auch durch einen Psychologen behandelt. Zusätzlich soll der betreuende Vater beruflich im Therapiebereich tätig sein. Die Frage drängt sich auf, ob nicht eher zu viel als zu wenig Therapie stattgefunden hat.

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    Als jemand, der sowohl beruflich, als auch privat mit Depressiven zu tun hat und selbst schon eine behandlungsnotwendige Episode erlebt hat, kann ich nur sagen, dass eindeutig noch nicht genug Aufklärungsarbeit geleistet worden ist und das Thema in den Medien (auch in den ausführlich berichtenden) noch lange nicht so ausführlich und realistisch abgebildet worden ist, wie das eigentlich möglich und nötig wäre. Depression ist wesentlich mehr als "ein bisschen Schwermut". Und es ist nach wie vor ein Tabu. Da hilft auch all die Berichterstattung bisher nicht viel.

    • Rhuo
    • 09. Mai 2011 22:21 Uhr

    Ganz im Gegensatz dazu steht der Fall Deisler, der merkte, dass er für dieses Geschäft nicht stabil genug ist und seine Karriere beendet hat.
    Diese Entscheidung verdient Respekt und Anerkennung.

  4. Jemandem Egoismus vorzuwerfen, der aus der Verzweiflung dieser grausamen Krankheit heraus sich das Leben nimmt ist geschmacklos. Wer diese Krankheit nicht hat und die tiefen Tiefs einer Depression nicht erlebt hat kann sich glücklich schätzen, hat aber kein Recht über ihn zu urteilen. Es ist tragisch und unnötig sich wegen Depressionen das Leben zu nehmen, weil die Behandlungsmöglichkeiten gut sind, aber es ist ganz sicher nicht feige.

    Nicht nur anhand Ihres Kommentares lässt sich sehen, dass hier eben sehr wohl, noch sehr viel Aufklärungsarbeit zu leisten ist!

  5. Als jemand, der sowohl beruflich, als auch privat mit Depressiven zu tun hat und selbst schon eine behandlungsnotwendige Episode erlebt hat, kann ich nur sagen, dass eindeutig noch nicht genug Aufklärungsarbeit geleistet worden ist und das Thema in den Medien (auch in den ausführlich berichtenden) noch lange nicht so ausführlich und realistisch abgebildet worden ist, wie das eigentlich möglich und nötig wäre. Depression ist wesentlich mehr als "ein bisschen Schwermut". Und es ist nach wie vor ein Tabu. Da hilft auch all die Berichterstattung bisher nicht viel.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Robert Enke | DFB | Hannover 96 | Depression | Krankheit | Leistungssport
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