Meldungen über die Fans von Eintracht Frankfurt waren in den vergangenen Monaten selten erfreulich: In der Hinrunde riefen die Frankfurt Ultras auf ihrer Homepage unter dem Motto "Pfalzüberfall 2010 – Schlachtfest in Kaiserslautern" offen zur Randale auf. Vor dem Rückspiel im März lieferten sich Anhänger beider Vereine eine Massenschlägerei. Einen Monat zuvor griffen etwa 50 Hooligans Anhänger von Bayer Leverkusen in einer Offenbacher Kneipe an. Und vor gut einer Woche, nach dem verlorenen Auswärtsspiel in Mainz, stürmten etwa 40 Eintracht-Fans nach der Ankunft der Mannschaft das Stadiongelände. Ein Polizist musste einen Warnschuss abgeben; Christoph Daum setzte das Training aus Sicherheitsgründen für zwei Tage aus.

Was sich am Samstag nach dem verlorenen Abstiegsduell gegen den 1. FC Köln in der Frankfurter Arena abspielte, kam also kaum überraschend. Möglicherweise war es noch nicht einmal der Höhepunkt der gewalttätigen Ausschreitungen, mit Sicherheit aber so öffentlichkeitswirksam wie nachhaltig: Bilder von wütenden Fans, die das Spielfeld stürmen, von der Polizei, die anrücken muss, um die Störer zurück in ihren Block zu drängen. Drastischer kann der Niedergang eines Vereins symbolisch nicht gefasst werden – und das zur besten Sportschau-Zeit.

Frankfurt hat ein Fan-Problem. Für viele trägt es den Namen "Ultras Frankfurt". Nach dem Bundesliga-Abstieg 1997 taten sich nach dem Vorbild der italienischen Ultra-Bewegung Mitglieder konventioneller Eintracht-Fanclubs zusammen, die aus den engen Vereinsstrukturen mit Hinterzimmer-Versammlungscharakter heraus wollten. Seien es die aufwändigen Choreografien auf der Westtribüne der Arena, von den Ultras beharrlich "Waldstadion" genannt, oder die permanenten Gesänge und Anfeuerungsrufe, die häufig nichts mehr mit den Spielsituationen zu tun haben – wie in anderen deutschen Stadien haben die Ultras in Frankfurt die Stadionatmosphäre verändert. Nicht nur das, sie haben sie an sich gezogen.

Und sie haben den Verein viel Geld gekostet: Bengalische Feuer gehören im Verständnis der Ultras untrennbar zum Support; deren Verbot erscheint ihnen als einer der vielen Auswüchse der Domestizierung und Kommerzialisierung des Fußballs. Brennt oder raucht es im Block, zahlt aber der Verein. Als im Vorfeld der WM 2006 die Sicherheitsmaßnahmen verschärft wurden und sich Stadionverbote häuften, begleiteten die Ultras aus Protest für eine Saison lang das U-23-Team der Eintracht auf ihrem Zug durch die hessische Provinz – hier konnten Bengalos und Böller mitreisen. Dass die Ultras durch die ständige Feier ihrer eigenen Aktivitäten selbst Teil des großen Events geworden sind, nehmen sie nicht wahr.

Doch darf man nicht verkennen, welche Mühe, welches Engagement und welcher Zeitaufwand mit dem Ultra-Dasein verbunden sind. "Wir", so hieß es einmal auf der Homepage der Ultras, "sind die Hauptsache". "WIR sind das Spiel und der Verein (beziehungsweise dessen Reste). Wir sind der Grund, warum Fußball nach wie vor eine große Faszination auf Menschen jeder Altersklasse ausübt." Im Bewusstsein der Frankfurt Ultras paart sich das Selbstverständnis als widerstandsfähige Fan-Avantgarde mit Machtfantasien. Es sind beileibe nicht die gut 600 Mann starken Ultras allein, die im Frankfurter Umfeld auffällig werden. Doch reißt der gewaltbereite Teil der Ultras immer wieder andere Fans mit. So dürfte es auch am Samstag nach dem Köln-Spiel gewesen sein. Als der Eintracht-Präsident Peter Fischer, ein Idol der Fanszene, vor den Block trat, um die Menge zu beruhigen , hatte sich der Mob bereits abgesetzt.