Im Achtelfinale der WM 2002 führte Deutschland gegen Paraguay in der Nachspielzeit 1:0, als Michael Ballacks Gegenspieler nachtrat. Dieser sah die Rote Karte, Ballack, der nichts erkennbares getan hatte, Gelb. Für das Spiel blieb diese Fehlentscheidung ohne Bedeutung, dennoch war es eine mit fatalen Spätfolgen. Im Halbfinale gegen Südkorea holte sich Ballack die zweite, diesmal berechtigte Gelbe Karte, die zu einer Sperre fürs Finale führte. Kurz darauf schoss Ballack das 1:0. Eine Heldentat, für deren Würdigung sogar englische Zeitungen nach pathetischen Worten rangen – und für die Michael Ballack bestraft wurde.

Es ist eine bezeichnende Geschichte, denn an Ballack ließ das Schicksal mehrfach seine Laune aus. Das gilt auch für das Ende in der Nationalmannschaft, das Joachim Löw gestern besiegelt hat. Als er vor fast zwölf Jahren unter Erich Ribbeck debütierte, stand die DFB-Elf bei vielen Profis, vornehmlich den Stars aus München, nicht hoch im Kurs. Das hat sich stark geändert, inzwischen ist sie wieder in der Weltspitze. Ballack hat sehr viel dazu beigetragen, nun ist er Leidtragender dieser Entwicklung. Das ist ungerecht. Aber folgerichtig. Denn die Zeit war reif für Ballacks Abschied. Der bald 35-Jährige hat nicht mehr den Status wie in den vergangenen zehn Jahren.

Der Bundestrainer hat sich vom besten und wichtigsten deutsche Fußballer des zurückliegenden Jahrzehnts getrennt. In der grauen Rudi-Völler-Ära (2000-2004) war Ballack der Lichtblick. Im Herbst 2001 verhinderte er mit seiner Leistung und seinen Toren in den Relegationsspielen gegen die Ukraine die Katastrophe, dass erstmals eine WM-Endrunde ohne Deutschland stattfinden würde. Bei der WM 2002 schoss er die entscheidenden, weil einzigen Tore in Viertel- und Halbfinale. Bei der EM 2004 ragte er besonders heraus. Umgeben von Mitläufern agierte Ballack als einziger auf höchstem internationalem Niveau. Die Völler-Elf hatte ein einziges Erfolgsrezept: Gib Ballack den Ball! Das konnte natürlich nicht genug sein.

2006 war er Jürgen Klinsmanns "Capitano", die Autorität auf und neben dem Platz, er bestimmte die taktische Marschroute mit. Von der EM 2008 hat sich sein Freistoßtor gegen Österreich ins Gedächtnis geprägt, vor allem sein von Wut und Entschlossenheit verzerrtes Gesicht, als er den Ball auf den Weg schickte. Mit 42 Toren für die Nationalmannschaft ist er der mit Abstand beste Mittelfeldspieler in dieser Statistik. Er traf mit rechts, mit links, mit dem Kopf.

Doch die Liste der tragischen Momente ist genauso lang, als hätten sich Verschwörungsgeister ein Objekt gesucht, ein Opfer. 2002 fehlte er im WM-Finale wegen der kleinlichen und sinnlosen Gelbsperrenregel der Fifa. 2006 nahm ihm die Fifa auf suspekte Weise im Halbfinale seinen wichtigsten Nebenmann, Feldwebel Torsten Frings. 2010 durchkreuzte Kevin-Prince Boateng mit einem Amokfoul Ballacks Titelwunsch.