WM 2011 Die Angst des Reporters vor dem Frauenfußball
Trotz fast vollem Paniniheft: Noch ist unserem WM-Reporter Christian Spiller der Frauenfußball fremd. Er hat Angst vor dem Schalke-05-Effekt.
© Roland Weihrauch/picture alliance/dpa

Die Beine der deutschen Nationalelf
In den kommenden Wochen werde ich die deutsche Frauenfußballelf begleiten. Wo sie sind, bin auch ich. Das ist toll, sagen viele. Vor allem Freunde, die Familie. Ich aber weiß nicht so recht, irgendwie ist mir bang. Vor einer Männer-WM wäre ich gelassener, oder vor Olympischen Spielen.
Ich bin weder Chauvinist, noch Frauenfußballskeptiker. Die Spiele, die ich bisher gesehen habe, haben mir gefallen. Sehr sogar. Aber es waren zu wenige. Deshalb habe ich Angst. Angst vor dem Frauenfußball.
Die Furcht ist eher diffus, sie nagt an meinem Selbstverständnis. Ein Journalist sollte Bescheid wissen. Sonst kann ja jeder kommen. Sonst sieht man nur, was ist, und nicht, was es bedeutet. Ich gebe mir Mühe, aber trotz Testspiel-Besuchen und einem fast vollen Paniniheftchen: Noch ist mir der Frauenfußball fremd.
Ich bin mit Männerfußball aufgewachsen. Mit der Sportschau, Anpfiff und ran. Mit Männersprüchen, Männerspielen, Männerfakten. All die Spiele im Stadion, die Abende auf dem TV-Sofa, die Gespräche auf dem Pausenhof, am Kneipentresen. Ich weiß, dass Manuel Neuer ein Ultra war, dass Lukas Podolski es nur mit links kann und Bastian Schweinsteiger Cousinen in Whirlpools schätzt. Über Inka Grings weiß ich fast nichts.
Legt sich Birgit Prinz den Ball immer so weit vor? Schießt Kim Kulig stets so kräftig? Und Lira Bajramaj, spielt sie auch ab? Ich weiß zu wenig, daher die Angst.
Letzte Nacht schreckte ich hoch. Die Bundestrainerin Silvia Neid hatte mich auf einer Pressekonferenz, die im Fernsehen übertragen wurde, als Ahnungslosen geoutet. Zwei Nächte zuvor war es ähnlich. Da tunnelte mich eine unbekannte Spielerin.
Carmen Thomas war die erste Frau, die im deutschen Fernsehen eine Sportsendung moderierte. Aber an sie erinnert man sich nur, weil sie "Schalke 05" sagte. Später musste sie Bücher über Eigenurin schreiben. Was, wenn ich die neue Carmen Thomas werde?
Ich weiß, was Sie denken: Dann soll es halt ein anderer machen. Geht aber nicht. Meine Kollegen haben dasselbe Problem. Es gibt in diesem Land vielleicht eine Handvoll Journalisten, die wissen, dass Lena Goeßling Mittelfeldspielerin, 25 Jahre alt ist und gut passen kann, dafür aber Schwächen im Kopfballspiel hat.
Wenn ich ein WM-Plakat sehe, bekomme ich Herzklopfen. Wenn Theo Zwanziger vom Frauenteam schwärmt, wird mir schwindlig. Als sich neulich das Maskottchen Karla Kick an mich heranschlich, rannte ich weg.
Psychologen sagen, man soll sich seinen Ängsten stellen, Konfrontationstherapie. Wer Flugangst hat, braucht einen Pilotenschein. Wer Angst vor geschlossenen Räumen hat, soll stundenlang Aufzug fahren. Morgen hole ich mir meine Pressekarten für die WM-Spiele ab.
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- Datum 24.06.2011 - 13:32 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 22
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und danke für diesen Artikel, hab herzhaft gelacht!
Es sitzen bei Ihnen ja keine 80 Millionen Frauenfußballbundestrainer - ein Ausrutscher a la Schalke 05 könnte vielleicht sogar weitgehend unbemerkt durchgehen... ;o)
Ein schöner Artikel, zeigt er doch eins: Man kann mit Humor über Frauenfußball schreiben ohne beleidigend und/oder anzüglich zu sein.
In diesem Sinne: Kopf hoch, Herr Spiller!
Grüße
bierbaron
fühlt sich in einem Aufzug möglicherweise sehr wohl. Sie meinen Klaustrophobie ;).
Viel Erfolg beim Entdecken des Frauenfußballs!
@lynchmob
Vielen Dank für den Hinweis, Stelle ist ausgebessert. Wieder etwas gelernt. Aber ob Klaustro- oder Agoraphobie. Ist natürlich nichts gegen die Calciofemininophobie.
Viele Grüße
Christian Spiller
@lynchmob
Vielen Dank für den Hinweis, Stelle ist ausgebessert. Wieder etwas gelernt. Aber ob Klaustro- oder Agoraphobie. Ist natürlich nichts gegen die Calciofemininophobie.
Viele Grüße
Christian Spiller
gute Artikel zum Frauenfußball, der mich überzeugt.
Jetzt musste ich aber grinsen, Herr Spiller. Mit solch feinem, selbstironischem humor haette ich bei ihnen gar nicht gerechnet - schoen !
Zu wissen, das mann nix weiss, ist doch ein klasse beginn um sich einer sache mal ganz anders zu naehern.
Ich freue mich ergo auf einen unverstellten, neugierigen und kritischen blick ihrerseits auf diese WM, und die hoffentlich daraus resultierenden journalistischen zuckerstuecke auf ZeitOnline.
Vor Karla Kick wuerde ich uebrigens auch schreiend weglaufen - erst ueberrascht uns der dfb mit goleo, einem kerl ohne hosen, jetzt mit einem weggespaced aussehendem hoernchen mit puschelschwanz.
Da kann mann schon albtraeume kriegen...
@lynchmob
Vielen Dank für den Hinweis, Stelle ist ausgebessert. Wieder etwas gelernt. Aber ob Klaustro- oder Agoraphobie. Ist natürlich nichts gegen die Calciofemininophobie.
Viele Grüße
Christian Spiller
Auch wenn ihnen ein Fehler unterlaufen sollte " À la Schalke 05 ", wird es eh kaum jemand mitbekommen ;)
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