ZEIT ONLINE: Herr Schröder, Silvia Neid bereitet ihr Team seit April auf die WM vor. Dafür wurde extra die Saison verkürzt. Von solchen Bedingungen kann Jogi Löw nur träumen.

Bernd Schröder: Ja, Frau Neid sagt, die Qualität ist so schlecht. Das klingt, als sei sie als Einzige in der Lage, die Mädels zu trainieren. Das ist in gewisser Form eine Misstrauensbekundung gegenüber den Trainern der Bundesliga. Wir in Potsdam haben hier, was zum Beispiel die Athletik angeht, die besten Werte.

ZEIT ONLINE: Wie kommt es dann, dass vom aktuellen deutschen Meister nur drei Spielerinnen bei der WM dabei sind ?

Schröder: Es ist gerecht, dass nur drei Spieler dabei sind, weil wir als Mannschaft fungieren. Wir wissen auch, dass Frankfurt die besseren Einzelspieler hat, die besser in das DFB-System passen. Und wir wissen, dass Silvia Neid bestimmten Leuten zum Abschluss der Karriere nochmal die Möglichkeit geben möchte, sich bei der WM im eigenen Land zu präsentieren.

ZEIT ONLINE: Freuen Sie sich auf den WM-Sommer?

Schröder: Wir müssen realistisch und vorsichtig sein. Sie wissen ja: Heute "Hosianna!", morgen "Kreuzigt sie!". Wenn wir kein vernünftiges Bild abgeben, werden wieder viele Leute aus ihren Löchern gekrochen kommen. Auch Journalisten. Ich habe sogar im Vorfeld schon Artikel gelesen, bei denen ich gesagt habe: Das kann nicht sein!

ZEIT ONLINE: Welche Artikel?

Schröder:(kramt in seiner Mappe) Der da zum Beispiel: "Diese Pässe, diese Schüsschen."

ZEIT ONLINE: Von Harald Martenstein, dem Kolumnisten der ZEIT. Die WM ist doch die Chance, solche Vorurteile abzubauen?

Schröder: Ja, aber der Frauenfußball wird zu selten sachlich beurteilt. Er wird zum Event und produziert Pseudostars. Wir aber brauchen Persönlichkeiten, keine Barbie-Puppen . Im Männerfußball haben wir schon das Maß verloren. Schauen Sie sich die Millionen Euro Schulden an. Da haben wir eine Situation, die wir nicht haben wollen. Der Frauenfußball muss sich in seiner Art vom kommerzialisierten Männerfußball unterscheiden.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Schröder: Man muss sich immer fragen: Welches Motiv haben bestimmte Leute, wenn sie über Vollprofitum im Frauenfußball reden? Sie wollen damit Geld verdienen.

ZEIT ONLINE: Wäre das Niveau im Frauenfußball nicht höher, wenn es mehr Profis gäbe?

Schröder: Das ist hypothetisch. Wer gibt mir die Garantie, dass ein Vollprofi eine höhere Leistung bringt? Im Männerfußball wird mit Visualtrainern gearbeitet oder Leuten, die Life-Kinetik anbieten, um das Gehirn zu schulen. Da sollen die Spieler Slalom laufen und dabei europäische Hauptstädte aufsagen. Warum? Weil ein Spieler, der früh um zehn trainiert, dann bis 14 Uhr auf sein Bankkonto guckt und dann wieder trainiert, sonst verdummen würde.

ZEIT ONLINE: Die Merchandising-Maschine des DFB läuft anlässlich der WM dennoch.

Schröder: Merchandising allein rettet den Frauenfußball nicht. Wenn ich einen Fußballer aufs Podium hebe, dann ist das zwar gut und schön, aber man muss immer die Frage stellen: Wem dient das? Und was passiert, wenn er vom Podium wieder runterkommt?

ZEIT ONLINE: Sie glauben, dass das Geld, das in den Frauenfußball fließt , am Ende nicht dem Sport zugute kommt?

Schröder: Natürlich bringt Geld einen Sport voran, aber je mehr es zu verteilen gibt, umso mehr Leute wollen die Hand aufhalten. Ich vermute, dass viele, die sich jetzt auf den Zug des Frauenfußballs aufschwingen, diese Sportart sehr oberflächlich betrachten. Wenn jemand wie ich 40 Jahre im Frauenfußball ist, dann kann er entweder verkalkt sein oder das Gefühl haben, die Tendenzen zu erkennen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Angst, dass Ihnen andere Leute Ihren Sport wegnehmen?

Schröder: Ich habe nur Angst, dass sich die Stimmung umdrehen könnte. Ich sage Ihnen: Wenn ich Sie erwische, wie Sie sich nach einer vielleicht enttäuschenden WM über den Frauenfußball lustig machen, dann sind Sie für mich gestorben. Auch wenn Sie das vielleicht nicht interessiert.

ZEIT ONLINE: Müssten Sie nicht bestrebt sein, dass Ihr Sport vorangetrieben wird? Wir prophezeien Ihnen im Herbst viel, viel mehr Mädchen vor Ihrer Tür, die Fußball spielen wollen, als vor der WM. So ähnlich war es zumindest bei der Handball-WM 2007.

Schröder: Denken Sie? Aber wir sind doch schon gut aufgestellt. Turbine ist Schulweltmeister geworden. Und sie müssen den Leuten nicht ständig erzählen, wie gut der Frauenfußball ist. Sie werden es doch selbst erkennen.

ZEIT ONLINE: Manchmal muss man die Leute ein bisschen schubsen.

Schröder: Sie müssen doch realistisch sein. Wir haben ein festes Publikum. Vom Männerfußball kommt niemand zu uns, warum sollte er auch? Ich würde natürlich auch gerne sehen, dass wir groß rauskommen. Aber ich bin auch da, wenn es schlecht läuft.